Populistische Stereotypen

Warum die aktuellen Auseinandersetzungen mit dem Islam auf wissenschaftliche und journalistische Sorgfalt angewiesen sind.

«Es stimmt, es gibt dümmliche Predigten.» Muslime beten in der Moschee im Haus der Religionen in Bern.

«Es stimmt, es gibt dümmliche Predigten.» Muslime beten in der Moschee im Haus der Religionen in Bern. Bild: Keystone

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In einer säkularen Gesellschaft besteht ein fundamentales Interesse, Religion als öffentlichen Akteur anzuerkennen. An diesem Punkt unterscheidet sich der Säkularismus prinzipiell vom Laizismus, der Religion vollständig in die Privatsphäre verbannt sehen will. Die meisten westeuropäischen Länder haben den Säkularismus als Ordnung gewählt. Er gewährleistet am besten den Frieden zwischen Religion und Gesellschaft. Um in den Genuss dieses Öffentlichkeitsprivilegs zu gelangen, müssen Religionsgemeinschaften die Regeln der säkularen Ordnung anerkennen. Die Religionsgemeinschaften müssen darauf verzichten, selbst Regeln für das Zusammenleben zu entwerfen oder gar politische Machtansprüche zu stellen.

Mit Fug und Recht darf daher auch von muslimischen Gemeinschaften erwartet werden, dass sie den Prinzipien des Säkularismus zustimmen, wenn sie als öffentliche Akteure Anerkennung finden wollen. Dass sich auch muslimische antisäkularistische Stimmen zu Wort melden, verwundert nicht. Allerdings wird ihnen, wie etwa dem Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS), in der schweizerischen Medienöffentlichkeit oft mehr Gewicht zugewiesen, als sie tatsächlich für sich in Anspruch nehmen können.

Pauschalisierungen

Saïda Keller-Messahli will mit ihrem Buch «Islamistische Drehscheibe Schweiz» die islamischen Verbände und Moscheegemeinden in der Schweiz als verkappte U-Boote eines machtbesessenen islamischen Fundamentalismus entlarven. Dabei nutzt sie eine Vielzahl von populistischen Enthüllungstechniken, die sich auch in dem Interview in der BAZ vom 21. Februar («Die meisten Moscheen sind problematisch») wiederfinden.

So werden stereotyp Informationen mit wertenden Deutungen präsentiert, die keinerlei Nachprüfung erlauben. Der Imam Bekim Alimi aus Wil habe den ultra-islamischen Prediger Shefqet Krasniqi aus Prishtina «hofiert». Doch woraus dieses Hofieren bestanden haben soll, wird verschwiegen.

Ähnlich argumentiert Keller-Messahli hinsichtlich der muslimischen Dachverbände in der Schweiz. Sie würden «politische Ziele» verfolgen und seien dem «rückwärtsgewandten Salafismus der Muslimbruderschaft» verpflichtet. Allerdings hat auch manche christliche Religionsgemeinschaft den Anspruch, politisch zu sein. Denn wie der evangelische Bischof Markus Dröge 2017 klarstellte: «Politische Stellungnahmen und tätige Nächstenliebe liegen im Wesen der Kirche.»

es gibt dümmliche, geschwätzige, ja aggressive Predigten

Daher ist es genauso politisch, wenn muslimische Gemeinschaften für eine säkulare Friedensordnung werben, wie wenn sie die Abschaffung der hiesigen Rechtsordnung fordern. Es kommt eben auf die Politik an. Pauschalisierungen sind ebenfalls beliebt: Keller-Messahli unterstellt, dass die Verbände eine fünfte Kolonne der Muslimbrüder seien. Gewiss gibt es auch in der Schweiz muslimische Gruppen, die den Muslimbrüdern nahestehen; doch in den Dachverbänden haben diese Gruppen nirgendwo eine Deutungshoheit. Den Verbänden fällt vielmehr die Aufgabe zu, zwischen völlig konträren Islamauffassungen mancher Mitgliedorganisationen zu vermitteln. Ob sie dabei immer richtig liegen, ist eine andere Frage.

Unverbindliche Andeutungen kommen hinzu. So sagt Keller-Messahli: «In vielen Moscheen findet ein Diskurs statt, der eher einer Gehirnwäsche gleicht.» Es stimmt, es gibt dümmliche, geschwätzige, ja aggressive Predigten, bei denen einem die Haare zu Berge stehen. Manche Moscheebesucher verweigern sich ihnen, andere nehmen solche Predigten durchaus ernst und sehen sich in ihrem tief sitzenden Ressentiment gegenüber der hiesigen Gesellschaft bestätigt. Doch um Gehirnwäsche zu sein, braucht es weit mehr, wie Sektenbeauftragte wissen.

Die verschwörungstheoretische Umgarnung von Halb- und Viertelwahrheiten, die bei skandalisierenden und populistischen Schreibern besonders beliebt ist, darf nicht fehlen. So behauptet Keller-Messahli, ich sei nicht «neutral», sondern den (muslimischen) Verbandsfunktionären «verpflichtet» und würde diese «protegieren». Ich wäre gewissermassen ein verlängerter Arm der Verbände.

Es bleibt vollkommen offen, worin diese Verpflichtung und Protektion bestehen soll. Tatsache ist, dass ich in unterschiedlichen Kontexten versucht habe, Vertreter der Dachverbände in der Schweiz stärker in die Diskussion um die Bedingungen einer öffentlich-rechtlichen Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften einzubinden.

Behauptungen

Da an dieser Diskussion politische Parteien, Kirchen und Angehörige der eidgenössischen und kantonalen Räte sowie Gemeinderäte teilgenommen haben, könnte man genauso behaupten, ich wäre einer christlichen Kirche, einer Regierung oder einer bestimmten politischen Partei verpflichtet.

Keller-Messahli behauptet, ich hätte ein Buch mit Tariq Ramadan herausgegeben. Tatsache ist, dass ich mit Ramadan niemals ein Buch herausgegeben habe. Wohl habe ich in einem von Thomas Hartmann und Margret Krannich herausgegebenen Sammelband («Muslime im säkularen Rechtsstaat», Berlin 2001) einen Vortrag publiziert zu den Vorstellungswelten von Tariq Ramadan und einem britischen Muslim, die in diesem Buch ebenfalls zu Wort kamen. Weiter wirkten an dem Band der Theologe Heiner Bielefeldt und der deutsche Schriftsteller Navid Kermani mit. Letzteren würde selbst Keller-Messahli wohl kaum als Unterstützer Ramadans bezeichnen.

Unterstellungen

Dann verweist Keller-Messahli auf meine Teilnahme an einer Konferenz an der Universität Oxford 2014, die zum Teil von der saudischen Regierung finanziert wurde. Ich habe dort über die Möglichkeit einer islamisch-theologischen Ausbildung an säkularen Universitäten referiert. Ziel der Tagung war es, einen möglichen Reformprozess in Saudiarabien zu evaluieren.

Es ging auch um Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Überwindung überkommener islamischer Ordnungsmuster in Saudiarabien. Man kann angesichts des autokratischen Gehabes des saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman, der seit 2016 eine Vielzahl von wichtigen Reformen initiiert hat, geteilter Meinung sein. Dennoch halte ich es für sinnvoll, auch mit saudi-arabischen Behörden die Vorzüge einer säkularen Ordnung gerade auch für die islamische Bildung zu erörtern.

Ressentiments

Endlich behauptet Keller-Messahli, dass ich zwei Vertreter des IZRS «akademisch grossgezogen» hätte. Tatsächlich haben diese zwei am Institut für Islamwissenschaft der Universität Bern studiert. Doch ist Keller-Messahli der Meinung, dass man sie wegen ihrer politischen oder religiösen Anschauungen vom Studium hätte ausschliessen müssen? Eine solche gesinnungspolizeiliche Massnahme dürfte man nur in totalitären Staaten erwarten. Und mit dem Begriff «grossgezogen» unterstellt sie, dass ich die skurrile Islamdeutung dieser beiden mit zu verantworten hätte. Keller-Messahli könnte sich in meinen Schriften zu ultra-islamischen Milieus, die alles andere als harmlos zu gelten haben, eines Besseren belehren lassen.

Leider verharrt Keller-Messahli in populistischen Stereotypen. Sie erweisen dem eigentlichen Anliegen, für eine liberale theologische Auslegeordnung des Islam zu werben, leider einen Bärendienst. Gerade die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Islam verlangt eine wissenschaftliche und journalistische Sorgfalt, die das Aufkommen populistischer Ressentiments verhindert, statt diese zu befeuern.

Reinhard Schulze ist Islamwissenschaftler und Direktor des Forums «Islam und Naher Osten» an der Universität Bern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.02.2018, 09:53 Uhr

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