Raucher müssen auf die Insel

In Bahnhöfen darf ab Juni 2019 nur noch in bestimmten Zonen gequalmt werden. Kommt bald das komplette Rauchverbot?

Die Erfahrungen aus den sechs Test-Bahnhöfen sind laut den SBB positiv: Eine Markierung signalisiert die Nichtraucherzone am Zürcher Bahnhof Stadelhofen.

Die Erfahrungen aus den sechs Test-Bahnhöfen sind laut den SBB positiv: Eine Markierung signalisiert die Nichtraucherzone am Zürcher Bahnhof Stadelhofen. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Die Raucher verlieren ein Stück Freiheit. Ab 1. Juni 2019 dürfen sie in allen Bahnhöfen der Schweiz nur noch in Raucherbereichen auf Perrons qualmen, wie der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) heute Morgen mitgeteilt hat.

Für die rauchenden Kundinnen und Kunden werden, je nach Grösse oder Länge der Perrons, bis zu zwei Raucherbereiche pro Perron eingerichtet.

Die neue Regel erhöhe für die Reisenden die Aufenthaltsqualität durch mehr Sauberkeit und einen angenehmeren Geruch, zeigt sich der Verband überzeugt. Auch helfe sie, Reinigungskosten zu sparen. Die Branche sieht mit der nun gefundenen Lösung die Bedürfnisse der Nichtraucher und Raucher gleichermassen berücksichtigt.

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Doch der Entscheid provoziert Kritik. «Wir sehen keinen Bedarf für solche Regulierungen», sagt SVP-Nationalrat Gregor Rutz, der die IG Freiheit präsidiert. Allerdings hätte es aus seiner Sicht schlimmer kommen können.

Zum Glück, sagt Rutz, habe sich nicht die Idee durchgesetzt, die Bahnhöfe total rauchfrei zu machen. «Eine solche Lösung würde die Raucher diskriminieren.» Die Lösung des VÖV bezeichnet Rutz als Mittelweg.

Im Parlament ist gegen diese Massnahme der SBB denn auch kein grosser Widerstand zu erwarten. Nationalrätin Jacqueline Badran (SP), die ebenfalls raucht, zeigt Verständnis: «Es ist eine Sauerei, wenn die Leute ihre Zigarettenstummel auf das Gleis werfen, und die Reinigungsequipen müssen sie wieder mühsam aus dem Schotter herausklauben.» Sie findet es deshalb verständlich und legitim, wenn die SBB, denen dadurch hohe Kosten entstehen, das Rauchen einschränken.

Vor allem ein Litteringproblem

Ähnlich äussert sich die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention. Sie will öffentliche Orte, wo geraucht werden darf, auf ein Minimum reduzieren. Deshalb unterstützt sie die Massnahme – auch wenn die SBB damit primär ein Litteringproblem angehen und weniger ein Gesundheitsproblem, wie der wissenschaftliche Mitarbeiter Thomas Beutler sagt: «Für die Gesundheit ist es bedeutend wichtiger, dass in Innenräumen nicht geraucht wird.»

Selbst auf die Gesundheit der Raucherinnen und Raucher habe diese Massnahme keinen grossen Einfluss. Nur wenn sie deswegen ihren Konsum auf unter fünf Zigaretten pro Tag senken, kommt dies ihrer Gesundheit wirklich zugute – die fünfte und alle folgenden Zigaretten schädigen den Körper zusätzlich nur wenig.


Video: Rauchverbot an Schweizer Bahnhöfen

Wollen die Zürcherinnen und Zürcher, dass die SBB das Rauchen an Bahnhöfen verbieten? Eine Umfrage am Bahnhof Stadelhofen. (2.11.2017) Video: TA


In der Schweiz verharrt der Anteil der Raucherinnen und Raucher an der Gesamtbevölkerung (ab 15 Jahren) seit zehn Jahren bei rund 25 Prozent. Auch die zusätzlichen Einschränkungen im öffentlichen Raum in den vergangenen Jahren haben kaum etwas daran geändert. Die einzige Massnahme, welche diesen Anteil laut Beutler unmittelbar senken würde: eine spürbare Preiserhöhung.

Doch ist die neue Regel auch im Sinne der Bevölkerung? Glaubt man dem VÖV, lautet die Antwort: ja. Seinen Entscheid begründet er mit den Erfahrungen aus einem laufenden Projekt. Seit dem 1. Februar erfolgt in den Bahnhöfen Basel SBB, Bellinzona, Chur, Neuchâtel, Nyon und Zürich-Stadelhofen ein Praxistest mit erweiterten rauchfreien Zonen – ein Test, den die SBB mit einer Marktforschungsstudie begleitet haben. «Fazit: 75 Prozent aller Befragten wünschen eine Änderung der heute geltenden liberalen Regelung zugunsten grosser rauchfreier Bereiche im Bahnhof», schreibt der Verband.

Die Studie selber rückt er auf Anfrage nicht heraus, sondern verweist auf die SBB. Dort heisst es, die Unterlagen seien nicht öffentlich. Für die Öffentlichkeit relevant sei das Ergebnis, das habe der VÖV kommuniziert. Die SBB präzisieren aber: Von den 75 Prozent habe sich eine «leichte Mehrheit» für die nun getroffene Lösung ausgesprochen. Der Rest dieser 75 Prozent wünsche sich komplett rauchfreie Bahnhöfe ohne Raucherzonen. «Viele positive Zuschriften haben uns zusätzlich bestärkt, dass wir den richtigen Weg beschreiten werden», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli.

Verbot weitet sich aus

Die neue Regel gilt nicht nur für die Konsumenten herkömmlicher Zigaretten, sondern auch für jene von E-Zigaretten und sogenannten Heat-not-burn-Produkten, also Hybridprodukten zwischen Zigarette und E-Zigarette. Wie Verstösse gehandhabt werden sollen, ist noch nicht entschieden.

Gibt es künftig Bussen? VÖV-Direktor Ueli Stückelberger sagt, bei der Konkretisierung der Pläne stehe sicher nicht im Vordergrund, ein Sanktionsregime einzuführen und so eine neue Einnahmequelle zu schaffen. «Wir gehen davon aus, dass sich die meisten Leute an die neue Regel halten werden.» Er vertraue auf die soziale Kontrolle, die spiele.

Die Erfahrungen aus den sechs Test-Bahnhöfen sind positiv, wie SBB-Sprecher Schärli sagt. «Die Leute haben sich grundsätzlich gut an die neue Regel gehalten.» Jene, die das nicht getan haben, hatten freilich nichts zu befürchten. Das SBB-Personal hat sie «höflich angesprochen» und auf die Raucherbereiche auf den Perrons und bei den Zugängen hingewiesen, wie Schärli sagt. «Das hat sich bewährt.»

Mit der neuen Regel verlieren die Raucher weiter an Terrain. 2004 entschieden die SBB, die unterirdischen Bahnhöfe Zürich Museumstrasse sowie Zürich Flughafen und Genf zu rauchfreien Zonen zu erklären. Ein Jahr später verboten sie das Rauchen in den Zügen.

«Wir wollen die Raucher nicht verärgern.»Ueli Stückelberger, VÖV-Direktor

Der jüngste Entscheid, rauchfreie Bahnhöfe mit Raucherbereichen auf den Perrons einzuführen, war im VÖV-Vorstand weitestgehend unbestritten, wie Stückelberger sagt. Ist die neue Regel eine Vorstufe zu komplett rauchfreien Bahnhöfen? Offenbar nicht. «Wir wollen die Raucher nicht verärgern», sagt der Direktor. Deshalb sei ein vollständiges Rauchverbot kein Thema.

Beteuerung dieser Art waren allerdings auch schon früher zu hören. 2005 besänftigte etwa der Zürcher Regierungsrat nach Rücksprache mit den SBB besorgte Kantonsräte mit dem Hinweis, die oberirdischen Bahnhöfe auf dem Zürcher S-Bahn-Netz sollen nicht wie die unterirdischen zu rauchfreien Zonen werden. Auch ein rauchfreies Shop-Ville sei kein Thema. Dringlicher Bedarf für eine Ausweitung der Verbotszone zeichne sich nicht ab.

Bussen im Ausland

Ein Jahrzehnt später sieht die Realität anders aus. Mit der neuen Regel ist der VÖV aber nicht Wegbereiter für ein ausgedehnteres Rauchverbot – er beschreitet im Gegenteil einen Weg, den vor ihm schon viele Bahnen anderer Länder gegangen respektiv gefahren sind. Bei allen hat sich die Regelung etabliert, dass auf den ungedeckten Perrons kleiner Bahnhöfe geraucht werden darf, in grössen Bahnhöfen nur in gekennzeichneten Zonen oder gar nicht.

Wer in Frankreich dagegen verstösst, wird mit 68 Euro gebüsst. Selbst in Ländern, in denen dem Rauchen richtiggehend gefrönt wurde wie in der Tschechei und oder Türkei, gelten heute strenge Verbote.

Bei der Deutschen Bahn hat man mit dem generellem Verbot gute Erfahrungen gemacht, wie ein Sprecher auf Anfrage sagt. Die allermeisten Raucher halten sich daran und zünden sich nur noch auf den «Raucherinseln» eine Zigarette an. Bei der DB stellt man nach nunmehr 11 Jahren fest: Es wird weniger geraucht, und die Verschmutzung der Bahnsteige und Gleise ist stark zurückgegangen.

Etwas Nachdruck braucht es allerdings schon: Die Bahnmitarbeiter wie auch die Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass sich die Fahrgäste an das Verbot halten und wenn einer «absichtlich eine Verschmutzung herbeiführt» muss er dafür mindestens 40 Euro bezahlen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.11.2018, 20:06 Uhr

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