Rechts wider Willen

Was ich bei der Lancierung einer Onlinezeitung über das Toleranzverständnis der Linken lernte.

Linke finden es inakzeptabel, dass auch Rechte zu Wort kommen.

Linke finden es inakzeptabel, dass auch Rechte zu Wort kommen.

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Eine kleine Vorwarnung an alle Verlage, die planen, ein neues Medium zu lancieren (falls es so etwas noch geben sollte): Versuchen Sie nicht, alle politischen Lager anzusprechen. Geben Sie sich nicht der Illusion hin, eine «Meinungsvielfalt» bieten zu können. Sprechen Sie gar nicht erst von der angepeilten Ausgewogenheit. Sie werden das Versprechen nicht einhalten können. Nicht weil Sie nicht wollen. Sondern weil man Sie nicht lässt. Entscheiden Sie sich stattdessen für einen der politischen Pole und drücken Sie aufs Gas. Ich spreche aus Erfahrung.

Ende April haben wir die regionale Onlinezeitung Die Ostschweiz lanciert. Das Konzept sah zwei Grundpfeiler vor: journalistische Artikel und Beiträge von Gastautoren. Letztere sollten völlig frei sein: Jeder, der etwas zu sagen hat, kann das tun, solange er oder sie in irgendeiner Weise Bezug zum Thema nachweisen kann. Und das ausdrücklich aus allen politischen Lagern. Nur so können Debatten entstehen, und wir hatten nie vor, einen Teil der Bevölkerung auszuschliessen. Das wäre auch ökonomisch gesehen dämlich.

So entstand in den ersten drei Wochen ein buntes Sammelsurium aus Carte-blanche-Texten von Gastautoren, Unternehmern, Politikern, Kulturschaffenden. In der Startausgabe äusserten sich vier regionale SP-Grössen sowie ein Mitinitiant der Vollgeldinitiative. Zu Wort kam die gleiche Anzahl bürgerlicher Autoren. Interviewt wurden Repräsentanten aller Couleurs. Wir hatten die absolute politische Balance.

Effektvoll unjournalistisch

In dieser Phase fühlte sich das Ostschweizer Kulturmagazin Saiten bemüssigt, unseren Start zu kommentieren. In dem nicht mit einem Autor gezeichneten Artikel hiess es, Die Ostschweiz sei ein Medium für Wutbürger mit «zumeist rechten Meinungen». Wir staunten: Wie konnte man auf diese Idee kommen? Ganz einfach: Mit einem Kunstgriff. Als Beleg für die These wurden kurzerhand alle Gastautoren aus dem bürgerlichen Lager aufgeführt. Die zahlreichen linken Stimmen blieben schlicht unerwähnt.

Das ist keine journalistische Arbeit, aber effektvoll: Sag, was ist, und lass die andere Hälfte einfach weg. Wer den Beitrag las und unsere Zeitung nicht kannte, musste zum Schluss kommen, wir seien ein rechtes Sprachrohr. Dabei waren die politischen Pole bei uns zu diesem Zeitpunkt ausgewogen präsent.

Inzwischen ist das leider nicht mehr so. Denn als Folge des Unsinns, den Saiten schrieb, meldeten sich diverse pointiert linke Gastautoren bei uns ab. Grund: Sie wollten nicht Teil eines «rechten Wutbürgermediums» sein. Der Gipfel der Ereignisse war, als sich ein begabter Illustrator als Gastautor ausklinkte mit der Begründung, bei uns dürfe ein katholischer Pfarrer als Kolumnist schreiben, und das sei zu viel des Guten.

Rechts der Mitte wiederum hatte interessanterweise keiner der Gastautoren Mühe damit, als direkten Nachbarn einen SP-Beitrag zu haben. Und keiner dieser Schreiber sprang ab. Verkürzt könnte man sagen: Rechte haben kein Problem mit einem politisch ausgewogenen Medium, Linke finden es inakzeptabel, dass auch Rechte zu Wort kommen. Für sie heisst ausgewogen offenbar: Bitte nur wir.

Wer uns heute besucht, wird im Gastautorenbereich derzeit tatsächlich überwiegend bürgerliche Politiker finden. Sie nutzen die gebotene Plattform nach wie vor gern, und wir geben ihnen wie versprochen ihren Platz. Links hingegen hat sich verabschiedet – und wird ohne Zweifel bald einmal wieder öffentlich gegen das «rechte Wutbürgermedium» wettern. Dabei haben sie ihren Ausschluss freiwillig angetreten, und unsere Türen sind nach wie vor weit offen. Was wir aber nicht tun: Den Linken einen exklusiven Freiraum bieten und andere Gesinnungen ausschliessen. Auch Linke müssen lernen, mit anderen Meinungen umzugehen.

Stefan Millius ist Chefredaktor der Onlinezeitung Die Ostschweiz. Dieser Text erschien zuerst auf persoenlich.com. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.06.2018, 11:35 Uhr

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