Schweizer zahlen zu viel für Handy und Internet

Die Swisscom arbeitet an der Wiederherstellung ihres Monopols. Der Wettbewerb funktioniert nur halb, die Preise sind zu hoch und die Swisscom-Konkurrenz wird benachteiligt. Dies zeigt eine neue Studie.

Die international anerkannten WIK-Experten beurteilen den Wettbewerb im Schweizer Telekommarkt als deutlich geringer im Vergleich zum übrigen Europa.

Die international anerkannten WIK-Experten beurteilen den Wettbewerb im Schweizer Telekommarkt als deutlich geringer im Vergleich zum übrigen Europa. Bild: Keystone

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In keinem anderen Land müssen Handy-, Festnetz- und Internetnutzer so tief in die Tasche greifen wie in der Schweiz. Und dies trotz Konkurrenz unter mehreren Anbietern im Telefon-, Mobile- und Breitbandmarkt. Das Interesse des Bundes am nächsten Liberalisierungsschritt ist aufgrund seines Besitzstandes von 51 Prozent der Swisscom-Aktien offenbar beschränkt.

Bleibt nach dem Bundesrat auch das Parlament bei der Beratung über ein zu revidierendes Fernmeldegesetz auf halbem Weg stehen, zahlt der Kunde weiterhin die Zeche, und zwar in Form klar überhöhter Preise.

Künftig sei der Wettbewerb zunehmend gefährdet, vor allem im Schweizer Breitbandmarkt. Zu diesem Schluss kommt das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) in einer bisher unveröffentlichten Studie, die der Basler Zeitung vorliegt.

Klar wird bei Durchsicht der Studie, dass die ehemalige Monopol-Anbieterin Swisscom alle verfügbaren Hebel in Bewegung setzt, um missliebige Konkurrenz wie Sunrise, Salt oder UPC auszuschalten, teils mit fragwürdigen Methoden. Swisscom verrechnet der Konkurrenz für die Nutzung ihrer Infrastruktur teils derart hohe Preise, dass ein echter Preiskampf gar nicht erst entstehen kann – zum Nachteil von Geschäfts- und Privatkunden.

Die international anerkannten WIK-Experten beurteilen den Wettbewerb im Schweizer Telekommarkt als deutlich geringer im Vergleich zum übrigen Europa. Ursache dafür sei die überproportional starke Marktposition der Swisscom.

In wichtigen Teilen des Breitbandmarktes sei kein echter Wettbewerb möglich, weil der Swisscom-Konkurrenz mit regulatorischen Vorgaben, aber auch durch technische Besonderheiten und starke Marketingmassnahmen eine echte Wettbewerberposition verwehrt werde.

Swisscom zahlt Vertragsausstieg

Erhärtet werden die Studienergebnisse alleine schon aufgrund der Marktanteile der Swisscom. Seit Jahren verteidigt der Ex-Monopolist aufgrund seiner historisch bedingten, vorteilhaften Position seine Marktanteile erfolgreich, auch im Festnetz und im Mobilfunk.

Seit der Liberalisierung sind die Swisscom-Anteile am Schweizer Markt stabil und hoch geblieben. Während die Anteile der Ex-Monopolisten in EU-Staaten auf rund 40 Prozent abschmolzen, verharrt die Swisscom bei hohen 60 Prozent. Dies belegen Erhebungen des Bundesamts für Kommunikation (siehe nachfolgende Grafik).

Historisch bedingte Vorteile der Swisscom lassen den anderen Wettbewerbern kaum Margen und somit wenig Chancen auf einen mittelfristigen Geschäftserfolg. Grafiken BaZ, Rico Kehl

Die WIK-Studie belegt darüber hinaus auch, dass das Preisniveau der Swisscom bei den Breitbandprodukten (Internet/Fernsehen) etwa ein Drittel höher liegt als dasjenige der Wettbewerber. Auch dies sei ein «europäischer Spitzenwert», sagen die Studienautoren. Jedenfalls zeigt auch dies, dass der Wettbewerb in der Schweiz nicht richtig funktioniert.

Aufgrund ihrer komfortablen Lage kann sich die Swisscom Dinge leisten, die international einer absoluten Besonderheit entsprechen. So bezahlt die Swisscom umsteigewilligen Neukunden locker schon mal den Ausstieg aus laufenden Verträgen, die bei der Konkurrenz unterschrieben wurden. Das ist weder ökonomisch anrüchig noch verboten, denn jeder Unternehmer träumt davon, Monopolist zu werden und von abhängigen Kunden x-beliebige Preise verlangen zu können.

Nur ist es aus staats- und wirtschaftspolitischer Sicht fraglich, ob Regierung und Parlament für ein solches Spiel Hand bieten sollen, das immer zum Nachteil der Kundschaft ausfällt. Fragwürdig ist das Verhalten der Swisscom auch beim Ausbau des Datennetzes. Die ehemalige Monopolistin baut ihr Netz – wenn immer möglich – mit Technologien aus, die noch Anteile der althergebrachten Kupferleitungen beinhalten. Verbunden mit neuer Technologie, kann Kupfer leistungsfähig ausgestaltet werden. So kann man daheim ruckelfrei TV schauen, auch dann, wenn sich die Kinder gleichzeitig im Internet tummeln. Der Konkurrenz ist die Nutzung der letzten Strecke von der Swisscom-Zentrale ins Haus teils aus technischen Gründen verunmöglicht und teils regulatorisch verwehrt.

Mit Regulation zum Wettbewerb

Hauptproblem ist aber in diesem Bereich, dass die Swisscom einem Konkurrenten wie UPC oder Sunrise für die Nutzung der letzten Verbindungen bis zum Endverbraucher verrechnen kann, was sie will. Mit weltweit einzigartigen Verträgen verhindert die Swisscom auch, dass ein Konkurrent direkt an einem Übergabepunkt in einer Zentrale, die zwischen Glasfasernetz und Kupferkabel liegt, seine Verbindung anschliessen kann. Der Hintergrund: Die Swisscom hat, wie viele andere Telekom-Anbieter im Ausland, begonnen, einen Teil der Übertragungsstrecke zwischen Zentrale und Wohnung durch Glasfaser zu ersetzen. Auf alten PTT-Trassees wird das langsame Kupferkabel herausgerissen und durch die neue Glasfaser ersetzt.

Der grosse Unterschied zu Ländern wie die Niederlande und anderen, in denen der Wettbewerb besser als hierzulande funktioniert, ist, dass der Zugang zu den modifizierten Kupferkabeln dort reguliert ist. In der Schweiz ist dies nicht der Fall. Reguliert heisst in der Praxis: Der Staat schreibt in einer Übergangsphase – bis der Wettbewerb richtig funktioniert – eine Preisgrenze vor, die ein Ex-Monopolist der Konkurrenz verrechnen darf. Doch das will der Bundesrat nicht. Und die Swisscom verteidigt ihren Vorteil aus nachvollziehbaren Gründen mit Zähnen und Klauen.

Die erwähnten technischen und regulatorischen Rahmenbedingungen wirken sich derweil fatal auf alle Anbieterinnen aus, die Swisscom-Kapazitäten als sogenannte «Vorleistungen» einkaufen sollen. Mit der heute bereits regulierten Vorleistung ADSL, einer stark rückläufigen Technologie, kann kein Konkurrent einen Blumentopf gewinnen. Zu langsam ist ADSL.

Mit über 50 Prozent Marktanteil kann die Swisscom Vorteile ausspielen. Für Vertragsbrüche von Kunden der Konkurrenz übernimmt die Swisscom doppelte Gebühren plus Strafzahlungen.

Wollen Sunrise und Co. den Kunden marktfähige TV- und Internetleistungen anbieten, müssen sie bei der Swisscom ein Bitstream-Produkt mieten. Sunrise hat allein für das Recht, überhaupt schweizweit ein solches Produkt von Swisscom nachfragen zu können, für eine beschränkte Vertragsdauer 74 Millionen Franken hinblättern müssen, wie aus einem Sunrise-Geschäftsbericht hervorgeht.

Die WIK-Studie weist hier nach, dass die Preise, welche die Swisscom für solche Bitstream-Produkte verlangt, den Anbietern keine genügenden Margen ermöglichen, um eines Tages über so viel Marktmacht zu verfügen, dass dem Ex-Monopolisten die Stirn geboten werden könnte. Umgekehrt gesagt: Will ein Swisscom-Konkurrent seinen Kunden ein Produkt anbieten, das eine Chance hat, ist er auf die Gnade der Swisscom angewiesen.

Geniales Marktmodell

Insgesamt eine Milliarde Franken holt die Swisscom mit ihrer Abteilung «Wholesale» pro Jahr herein – Erträge, welche die Swisscom damit verdient, dass sie ihre Leitungen anderen Anbieterinnen zur Verfügung stellt, teils gesetzlich so verlangt.

Gegen aussen stellt sich die Swisscom gerne als eine Art karitative Organisation dar, die auch auf dem Land in leistungsfähige Netze investiert. 1,7 Milliarden mache die Swisscom jährlich locker, werfen sich die Verantwortlichen in die Brust. Vergessen geht dabei aber, dass sich die Swisscom mit einer Milliarde jährlich den grössten Teil ihrer Investitionen von jener Konkurrenz bezahlen lässt, die nachher die Infrastruktur zu überhöhten Preisen anzumieten hat – soll einem Kunden TV-, Internet, Handy und Festnetz aus einer Hand angeboten werden können.

Auf ein solches Marktmodell wäre wohl jeder Mafia-Pate zu seinen besten Zeiten stolz gewesen, möchte man augenzwinkernd kommentieren.

Kein Anbieter ausser der Swisscom ist in der Lage, in allen vier Bereichen mittels eigener Infrastruktur und damit verbundenen hohen Margen zu operieren. Mobilfunkanbieter wie Salt und Sunrise müssen Breitbandleistung zumieten, UPC und andere Kabelnetzbetreiber verfügen über keine Mobiltelefon-Infrastruktur. Gebündelte Produkte, die alles aus einer Hand anbieten, sind aber die Zukunft. Auch hier ist Swisscom marktbeherrschend.



(Basler Zeitung)

Erstellt: 06.11.2017, 11:32 Uhr

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