«Senioren» als Strassengefährder

Die Jagd nach älteren Autofahrern basiert nicht auf konkreten Grundlagen.

Im Blickpunkt. Es gibt keine Statistiken, die belegen, dass Autofahrende über 65 eine besondere Gefahr im Strassenverkehr der Schweiz darstellen.

Im Blickpunkt. Es gibt keine Statistiken, die belegen, dass Autofahrende über 65 eine besondere Gefahr im Strassenverkehr der Schweiz darstellen. Bild: Keystone

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Die Diskussion über die staatlich erlassene und von Ordnungshütern teilweise mit (Über-)Eifer ausgeführte Jagd auf ältere Autofahrer reisst nicht ab. Erstaunlich ist dies nicht, geht es doch – im Widerspruch zu dem in der Bundesverfassung verankerten Grundsatz der Gleichstellung der Schweizerinnen und Schweizer – um die Ungleichbehandlung von erwachsenen Schweizern aufgrund ihres Alters.

Mit einer je nach Kanton offensichtlich mehr oder weniger erniedrigenden, alle zwei Jahre zu absolvierenden und selbst zu berappenden Prüfung werden die über 70-Jährigen einem vorgeschriebenen, detaillierten Tauglichkeitstest unterworfen, mit dem Ziel, die Strassen sicherer zu machen.

Mit dem 1. Juni 2016 traten unter dem Stichwort Via Sicura «angepasste medizinische Mindestanforderungen» in Kraft, die sich inzwischen auch in entsprechend verschärften Tests mit angedrohten Konsequenzen nieder­geschlagen haben. Die Strassen sollen dadurch von vermutet fahrungeeigneten Verkehrsteilnehmern – implizit vor allem die unter Generalverdacht stehenden älteren Pkw-Fahrer – gesäubert werden. Dabei wird allenthalben so getan, seien es die Behörden oder die Medien, als handele es sich um einen eindeutig belegten Sachverhalt.

Dem ist nicht so: Es gibt keine Statistiken, die belegen, dass Autofahrende über 65 eine besondere Gefahr im ­Strassenverkehr der Schweiz darstellen beziehungsweise am meisten Unfälle verursachen. Die Strassenverkehrsunfall-Statistik des Bundesamts für Strassen (Astra) von 2016 umfasst eine Fülle interessanter Daten. Jedoch enthält keine der zahlreichen Statistiken Angaben oder Aussagen über die Altersverteilung der Fahrzeughalter beziehungsweise Fahrausweisbesitzer. Das heisst, es bestehen keine überprüfbaren Belege darüber, ob die älteren Autofahrer a) die hauptsächlichen Unfallverursacher im Verhältnis zu anderen Altersgruppen sind und b) ob sie diejenigen sind, bei denen es nicht nur Sachschaden, sondern am meisten Leicht- und Schwer­verletzte oder gar Tote gegeben hat!

Fehlende Faktenbasis

Um es klarzumachen: Zwar enthalten alle Statistiken Angaben über die Zahl etwa der Hauptverursacher von Verkehrsunfällen nach Altersgruppen und nach Geschlecht. Jedoch handelt es sich dabei um absolute und nicht um relative Zahlen. Relative Zahlen würde bedeuten – und das dürfte man bei den weitreichenden Konsequenzen erwarten, welche die Interpretation dieser Daten für die stigmatisierte Gruppe der über 65-Jährigen hat –, dass jeweils der Anteil der jeweiligen Altersgruppe an der Gesamtzahl dargestellt wird.

Einfacher ausgedrückt: Solange nicht feststeht, welchen prozentualen Anteil die einzelnen Gruppen der Fahrzeughalter aufgeteilt nach Alter an der Gesamtsumme der Fahrzeughalter in der Schweiz haben, können gar keine seriösen Aussagen gemacht werden.

Eine weiterführende Recherche bei Bundesämtern und Versicherungsgesellschaften hat Folgendes ergeben: Das Astra verfügt nach eigenen Aus­sagen über keine statistischen Angaben betreffend die Gesamtzahl der Pkw-Halter oder der Führerausweisinhaber und gegliedert nach Alter und Geschlecht. Das Astra verwies mich an das Bundesamt für Statistik. Auch dieses Amt besitzt keinerlei entsprechende Daten. In seiner Antwort schrieb es, dass «auf dem Registerauszug der immatrikulierten Fahrzeuge» es «keine Angaben zu Geschlecht/Alter des ­Halters» gebe, vielmehr «nur Angaben zu den Fahrzeugen (Alter, Treibstoffart, Hubraum, Leistung etc. etc.)».

In einem weiteren Schritt wandte ich mich an die grossen Versicherungsgesellschaften (AXA, Zürich, Mobiliar, Allianz) und fragte nach deren Statisti­ken, aus denen sich die Gesamtzahl sowie die altersmässige Verteilung der Motorfahrzeughalter und deren Anteil an Verkehrsunfällen herauslesen lassen. Von allen Versicherungen, die antworteten, erhielt ich einen abschlägigen Bescheid, zum Teil «aus Wettbewerbsgründen» (AXA), zum Teil, weil die Versicherung «solche Schadensstatistiken nicht extern bekannt gebe» (Mobiliar und Helvetia). Nur eine Versicherungsgesellschaft schrieb: «Was wir sagen können, ist, dass Junglenker bis zu dreimal mehr Schäden verursachen als der Durchschnitt, mit zunehmendem Alter nimmt die Unfallhäufigkeit ab und steigt dann ab Alter 70 tendenziell wieder an» (AXA).

Schliesslich nahm ich mit dem Schweizerischen Versicherungsverband Kontakt auf, der jedoch – so die Antwort – auch über keine entsprechenden Daten verfügt. Er verwies mich an die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Der dort zuständige Mitarbeiter schrieb auf meine Anfrage: «Leider haben auch wir die von Ihnen gewünschten Daten nicht. Da wir in der Regel unsere Daten von Dritten erhalten, geht es uns da genauso wie Ihnen: Astra und BFS haben keine entsprechenden Daten und von den Versicherern würden wir sie nicht erhalten.»

Fazit: Die Jagd nach älteren Autofahrern basiert nicht auf konkreten Grundlagen. Zudem fehlt eine Begründung, warum nicht generell nach den hauptsächlichen Unfallverursachern gefahndet wird – nicht nur nach den Kriterien von Alter, sondern auch von Geschlecht, Charakter und kultureller Herkunft. Offensichtlich ist es politisch korrekt, Autofahrer in fortgeschrittenem Alter ins Visier zu nehmen, während andere tabu sind. Es ist nicht einsichtig, warum nicht alle Pkw-Fahrer alle paar Jahre einen Fahrtauglichkeitstest absolvieren müssen.

Plädoyer für Euthanasie

Anzumerken ist zudem, dass es für autofahrende Senioren aus Nachbar­ländern, die keine ans Alter gebundene Fahrtauglichkeitstests kennen (zum Beispiel Deutschland, Frankreich, Italien), ungeschoren, das heisst ohne entsprechende Ausweispapiere über die Grenze kommen und vermutlich in der Schweizer Wahrnehmung als potenzielle Gefährder der Strassensicherheit gelten.

Diese Bestandsaufnahme verlangt nach einem Kommentar: Die Stigmatisierung der Autofahrer ab einer bestimmten Altersgrenze ist ein Ausdruck der Anti-Aging-Gesellschaft, in der fast in allen Lebensbereichen Stimmungsmache gegen diese Bevölkerungsgruppe festzustellen ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Unfallmeldungen über 65-Jährige, die in einen Verkehrsunfall involviert sind, als «Senior» oder «Rentner» bezeichnet werden. Diese Ausdrücke heizen die Vorurteile und Ressentiments der jüngeren Mitbürger an und tragen nicht nur zur Ausgrenzung derjenigen bei, die pauschal als Alte (=Senior) beziehungsweise als Nutzniesser auf Kosten der Jungen (=Rentner) bezeichnet werden, sondern auch zu deren Verunsicherung.

Bei diesem gesellschaftlichen Anti-Aging-Syndrom handelt es sich nicht nur um unterschwellige Animositäten der vermeintlich ewig Jüngeren. Vielmehr werden sie unverhohlen ausgesprochen. So schrieb kürzlich ein Journalist der Basler Zeitung, er wünsche sich manchmal, wenn «die Betagten … mit Tempo 43 über die Landstrasse tuckern», dass Exit und Dignitas doch schneller sein sollten. Was nichts anderes bedeutet als: Die Sterbehilfsorganisationen hätten diese «Betagten» schon längst für immer, wie es salopp heisst, aus dem Verkehr ziehen sollen.

Ein Plädoyer für Euthanasie also. Denn «die Betagten» verursachen, wie er weiter schrieb, «unnötige Verkehrsunfälle» (gibt es «nötige» Verkehrsunfälle?). Dass solche Äusserungen öffentlich gemacht werden können, ohne dass ein Sturm der Entrüstung entsteht, ist skandalös. Glücklicherweise ist Alter keine Rasse – und jeder wird davon eingeholt. Spätestens dann ist ein Perspektivenwechsel angesagt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.05.2017, 07:23 Uhr

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