Shitstorm in Buchs nach abgelehnter Einbürgerung

Der Gemeindeammann von Buchs AG hat sich erstmals zur Nichteinbürgerung einer jungen Türkin geäussert. Über die Beteiligten sei eine Welle von Hassmails hereingebrochen.

«Ich kenne nur dieses Leben»: Funda Yilmaz beim «TalkTäglich». Foto: Severin Bigler (AZ Medien)

«Ich kenne nur dieses Leben»: Funda Yilmaz beim «TalkTäglich». Foto: Severin Bigler (AZ Medien)

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«Willkürlich», «unschweizerisch», «peinlich» und «kleinkariert»: Vor rund einem Monat hat die Aargauer Gemeinde Buchs die Einbürgerung der 25-jährigen Türkin Funda Yilmaz abgelehnt, und seither hagelt es Kritik wegen des Einbürgerungsverfahrens. Jetzt hat sich erstmals Gemeindeammann Urs Affolter (FDP) in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» zum Fall geäussert.

Über die Beteiligten sei ein «Shitstorm in Form von Hassmails» hereingebrochen, so Affolter. Das gebe ihm zu denken. Die meisten E-Mails gehörten «direkt ins Altpapier». «Grundsätzlich unbefriedigend» sei zudem, dass die entscheidenden Gremien an das Amtsgeheimnis gebunden sind, während sich Yilmaz frei äussern kann. Den kritisierten Verlauf eines Einbürgerungsgesprächs erklärt Affolter damit, dass es zwei Gespräche gegeben habe.

«Sie wollen ein Leben, wie es kein junger Schweizer führt»

Stein des Anstosses ist Yilmaz' Einbürgerungsverfahren: Die Tiefbauzeichnerin ist in der Schweiz geboren, spricht Schweizerdeutsch und wohnt seit 16 Jahren in Buchs. Den schriftlichen Staatskundetest bestand sie ohne Fehler. Yilmaz war in der Mädchenriege von Buchs und spielte Fussball beim FC Rohr. Ihre Freunde leben in der Nachbargemeinde Aarau, ihr Freund ist Schweizer. Nach zwei längeren Gesprächen empfahl die Einbürgerungskommission dem Gemeinderat, eine Ablehnung des Gesuchs zu beantragen. Der Einwohnerrat – das Parlament – folgte dem Antrag und lehnte das Gesuch mit 20 zu 12 Stimmen bei fünf Enthaltungen ab.

Der Türkin wird von der Einbürgerungskommission angekreidet, dass sie zu wenig Bezug zu Buchs habe. Bei den Einkaufsmöglichkeiten habe sie zum Beispiel «bloss» Migros und Aldi genannt. «Sie fragten bei der zweiten Anhörung nach dem Einkaufsverhalten. Ich nannte Aldi und Migros – und schon warfen sie mir vor, dass ich den Dorfbeck oder die Dorfmetzg nicht kenne», sagte die 25-Jährige dazu zur «Schweizer Illustrierten». «Die Einbürgerungskommission will von Yilmaz ein Leben, wie es kein junger Schweizer im Jahr 2017 führt», schloss die «SonntagsZeitung» aus den Protokollen.

Gemeindeammann Affolter sagt nach Rücksprache mit dem verantwortlichen Gemeinderat, dass der Gesprächsverlauf deswegen so speziell gewesen sei, weil es ein Zweitgespräch gab. «Zweitgespräche werden in der Regel dann geführt, wenn der Eindruck aus dem Erstgespräch nicht eindeutig für eine positive Empfehlung der Einbürgerungskommission gesprochen hat», erklärt Affolter.

«Das ist natürlich unerfreulich, da Menschen betroffen sind»

Der Gemeindeammann nimmt auch die Einbürgerungskommission in Schutz. «Diese hat bis heute sehr gute Arbeit geleistet», so Affolter. Es habe bislang keine Gründe gegeben, nicht auf die Empfehlungen der Kommission einzugehen, und «in der Regel» sei auch ein Gemeinderat bei den Einbürgerungsgesprächen mit dabei.

Trotzdem: Fehler könnten nicht ausgeschlossen werden. «Das ist natürlich unerfreulich, da Menschen betroffen sind, was ich – auch persönlich – sehr bedaure.» Deswegen gebe es im Rechtssystem ja Rekursmöglichkeiten.

Yilmaz hat diese Möglichkeit bereits ergriffen und beim Aargauer Regierungsrat Rekurs eingelegt. Sie wolle den Entscheid ihrer Wohngemeinde nicht akzeptieren.

(mch/sda)

Erstellt: 19.07.2017, 11:42 Uhr

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