Starker Franken, unser Glück

Warum die Nationalbank mit der Mindestkursaufhebung vor drei Jahren goldrichtig lag.

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Die Aufhebung der Kursbindung, ohne dass sie im Finanzmarkt erwartet wurde, war ein Meisterstück. Wenn sie antizipiert worden wäre, hätten viele Finanzmarktteilnehmer noch Milliarden von Franken zum tiefen Kurs gekauft und dann zum hohen Kurs wieder verkauft, was der Nationalbank riesige Verluste gebracht hätte. Viele Finanzmarktexperten sind auf die Aussagen von Exponenten der Nationalbank hineingefallen, «die Kursuntergrenze für den Euro bleibe bis auf Weiteres fixiert». Dabei war die Nationalbank überaus ehrlich. Sie hat mit ihrem «… bis auf Weiteres» ja alles gesagt.

Die Strategie der Nationalbank war aber nicht nur zwingend, klug und richtig. Vielmehr erhöhte sie auch den Wohlstand in der Schweiz.

Erstens ist der wahre Wert unseres Bruttoinlandprodukts massiv gestiegen. Bei einem starken Wechselkursanstieg bedeutet auch ein kleiner BIP-Rückgang keinen Wohlstandsverlust, sondern einen -gewinn. Das BIP misst ja nur die inländische Produktion. Wohlstand bringt aber nicht die Produktion, sondern die Konsummöglichkeiten. Diese sind dank der Frankenaufwertung massiv gestiegen. Die realen Importmengen sind stark gewachsen. Weil aber die Franken-Importpreise stark gesunken sind, haben die Gesamtwerte der Importe abgenommen. Somit haben wir für weniger Geld mehr Importgüter erhalten, und die Handelsüberschüsse sind nochmals gestiegen. Wir mussten weniger arbeiten, konnten aber mehr konsumieren und sparen. Das gibt es sonst nur im Schlaraffenland.

Zweitens war die Aufwertung für die Exportindustrie auf den ersten Blick natürlich nicht lustig. Tatsächlich aber hatte die Schweiz schon beim Kurs von 1.20 den höchsten Exportüberschuss pro Einwohner in Europa. Solche Überschüsse geben ganz automatisch Aufwertungsdruck auf die Währung. Die Exporteure sind also weniger Opfer als Mitverursacher der Aufwertung.

Drittens ist die langfristige Aufwertung des Frankens ein wichtiger Motor unseres Wohlstands. Dank ihr schrumpfen die Firmen und Branchen mit wenig Produktivitätssteigerungs- und Zukunftspotenzial. Damit brauchen sie weniger der knappen Produktionsfaktoren Arbeit und Land, die so vermehrt den Firmen und Branchen mit grossem Potenzial zur Verfügung stehen. Der andauernde schnelle Umbau der Wirtschaftsstruktur hin zu besonders wettbewerbsfähigen Anbietern ist das, was die Schweiz reich gemacht hat. Immerhin klagen ja alle Firmen über den Mangel an qualifiziertem Personal. Deshalb profitieren auch alle davon, wenn andere Firmen weniger Personal brauchen.

Viertens sind auch die grossen Schwankungen des Frankens gesund. Sie überfordern die relativ ineffizienten Firmen und beschleunigen so den Umbau zu effizienteren Strukturen. Die Währungsschwankungen sind Sauna und Jungbrunnen unserer Wirtschaft.

Massiver Wertanstieg

Fünftens sind dank der Frankenaufwertung unsere Vermögen insgesamt stark gewachsen. Natürlich trifft auf den ersten Blick das Gegenteil zu. Die meisten privaten und öffentlichen Anleger erlitten scheinbar grosse Verluste, weil ihre ausländischen Anlagen nach der Aufwertung weniger wert waren. Tatsächlich aber sind nur die Werte gemessen in Schweizer Franken gesunken. Weil aber gleichzeitig der Wert des Frankens gestiegen ist, sind die realen Gesamtwerte massiv gestiegen. Zudem können die Schweizer insgesamt ihre Vermögen gar nicht wirklich in der Schweiz ausgeben. Hier herrscht praktisch Vollbeschäftigung der Produktionsfaktoren. Deshalb können zusätzliche Ausgaben keine Mehrproduktion bringen. Genauso können auch unsere riesigen Pensionskassenvermögen nicht wirklich in der Schweiz ausgegeben werden, sondern nur für Importe.

Entscheidend ist deshalb nicht der Wert unserer Vermögen in Franken, sondern in ausländischer Währung. Durch die Frankenaufwertung ist unserer Vermögen in Euro und Dollar gerechnet ganz massiv gestiegen.

Gewinn der Nationalbank

Sechstens haben auch die Nationalbank selbst und damit indirekt wiederum alle Schweizer massiv profitiert. Wenn die Nationalbank versucht hätte, den Schweizer Franken bei 1.20 zu halten, hätte sie sehr viel mehr Euro zum Kurs von 1.20 kaufen müssen. Darauf hätte sie dann riesige Verluste erlitten, weil sie in den letzten drei Jahren mit grösster Sicherheit den Kurs nicht mehr hätte halten können und gezwungen gewesen wäre, ihn freizugeben. Dank der rechtzeitigen Freigabe konnte sie den Kurs danach praktisch von unten stützen, indem sie aus heutiger Sicht sehr günstig Euro kaufen konnte. Darauf hat sie nun einen riesigen Gewinn eingefahren. Dass die Nationalbank statt einem Verlust einen Gewinn gemacht hat, steigert unseren Reichtum ganz real, denn wir können die Mittel zum Kauf von Importen verwenden.

Natürlich ist das alles kompliziert, und ich verstehe alle, die durch die Komplexität der Zusammenhänge überfordert sind. Deshalb empfehle ich das Denken in einfachen Analogien: Wenn die Aufwertung des Schweizer Franken etwas Schlechtes wäre, müsste eine starke Abwertung etwas Gutes sein. Doch es ist offensichtlich, dass es für die Wirtschaft und Bevölkerung schrecklich ist, wenn der Wert der eigenen Währung verfällt. Abwertung macht die Menschen arm. Genauso macht uns die Aufwertung reich. In einer idealen Welt wäre der Kurs des Frankens unendlich hoch. Dann könnten wir uns mit einem Franken die ganze Welt kaufen.

Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Leiter des Seminars für Finanzwissenschaft der Universität Fribourg und Forschungsdirektor von Crema, Center for Economics, Management and the Arts. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.01.2018, 09:51 Uhr

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