Verzweifelt gesucht: Mann, freisinnig, ohne Angst vor Keller-Sutter

Nach der Absage der Ständeräte Schmid und Noser gehen der FDP die Gegenkandidaten aus.

Für einmal stehen die FDP-Männer hintenan: Martin Schmid (Mitte) und Ruedi Noser (rechts) im Ständerat. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Für einmal stehen die FDP-Männer hintenan: Martin Schmid (Mitte) und Ruedi Noser (rechts) im Ständerat. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Am Freitag verliert die FDP ihre Kandidaten im Stundentakt. 9.03 Uhr: Ruedi Noser (ZH) teilt über Twitter mit, er stehe als Bundesratskandidat nicht zur Verfügung. 10.15 Uhr: Martin Schmid (GR) erklärt seinen Verzicht. Mit der Absage der beiden Ständeräte gehen der FDP langsam, aber sicher die Kandidaten aus, die gegen Topfavoritin Karin Keller-Sutter wenigstens den Hauch einer Chance haben könnten.

Immer lauter wird darum der Ruf nach einer Einerkandidatur. SVP-Ständerat Hannes Germann ruft die FDP auf, die Kandidatensuche abzublasen und dem Parlament Keller-Sutter solo vorzuschlagen. Die St. Gallerin sei die «perfekte Bundesratskandidatin», schwärmt auch FDP-Nationalrat Matthias Jauslin (AG) in den Blättern des neuen CH-Media-Zeitungsverbunds. «Neben ihr jemanden aufzustellen, ist eine reine Alibiübung.»

Bricht die FDP ihr Dogma?

Für die FDP ist die Aufforderung verführerisch: Keller-Sutter nominieren, Wahlzettel austeilen, auszählen – und schon ist das freisinnige Bundesrätinnen-Trauma endlich überwunden. Doch auf den zweiten Blick ist die Lage heikler.

Problem Nummer 1: Die FDP selber hat von den anderen Parteien in den letzten Jahren bei jeder Bundesratsvakanz eine Auswahl verlangt. Problem Nummer 2: Einerkandidaturen sind nicht ungefährlich. «Wenn eine Partei dem Parlament keine Auswahl bietet, steigt die Gefahr, dass die anderen Parteien irgendwelche Spiele mit Sprengkandidaten veranstalten», sagt Ständerat Joachim Eder (ZG).

Seitdem die Parteien auf Mehrfachtickets umgestellt haben, gibt es kaum noch erfolgreiche Sprengkandidaturen.

Eders Warnung wird durch die Geschichte bestätigt. Bis in die 90er-Jahre war es üblich, dass die Parteien der Bundesversammlung jeweils nur eine Kandidatur unterbreiteten. Dafür wurden oft wilde Kandidaten gewählt – man erinnere sich etwa an Willi Ritschard, Otto Stich (beide SP), Hans Hürlimann (CVP) oder Georges-André Chevallaz (FDP). Seitdem die Parteien auf Mehrfachtickets umgestellt haben, gibt es kaum noch erfolgreiche Sprengkandidaturen.

Ständerat Andrea Caroni (AR) ist denn auch der Meinung, dass die FDP eine Auswahl bieten sollte – «sofern sich überhaupt mehrere Kandidaten bewerben und auch wenn bei dieser Wahl so ziemlich alles auf eine Person zeigt». Damit bringt Caroni das Dilemma auf den Punkt: Findet die FDP überhaupt jemanden, der es wagt, gegen Keller-Sutter anzutreten?

Vortritt für die Frau

An Interessenten würde es nicht mangeln, vor allem unter den Männern. So hält Martin Schmid in seinem Absageschreiben fest, dass ihn das Amt «sehr reizen würde». Und dass er dafür das nötige Rüstzeug mitbringen würde. Schmid war auch jener Papabile, den Keller-Sutter am meisten fürchten musste. Dem rechten FDP-Flügel zugerechnet, hätte er mit Stimmen aus der SVP, von konservativen CVPlern und Vertretern des Berggebiets rechnen können.

Doch jetzt beugt sich Schmid dem Gender-Druck: Er wolle «dem weit verbreiteten Wunsch, dass jetzt eine freisinnige Frau im Bundesrat nachfolgen soll, nicht im Wege stehen». Auch Noser begründet seinen Verzicht so: «Die Zeit ist jetzt reif für die zweite FDP-Bundesrätin.»

Damit sind nur noch drei FDP-Männer übrig geblieben, die mit einer Kandidatur flirten: Ständerat Hans Wicki (NW), Regierungsrat Christian Amsler (SH) und Nationalrat Hans-Peter Portmann (ZH). Am meisten Stimmenpotenzial hätte Wicki, der Exekutiverfahrung aus Kanton und Privatwirtschaft mitbringt. Zudem kommt er aus der Zentralschweiz, die schon lange nicht mehr im Bundesrat vertreten war. Ebenfalls im Gespräch als mögliche Zweitkandidatin hält sich Nationalrätin Regine Sauter (ZH).

Wie bei Leuthard?

Möglich ist aber auch, dass am Ende alle möglichen Gegenkandidaten vor Keller-Sutter kapitulieren. So wie 2006, als die CVP niemanden fand, der sich getraute, Doris Leuthard herauszufordern – weder eine Frau und schon gar keinen Mann. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.10.2018, 20:14 Uhr

CVP: Noch ohne Kandidaten

Bei der Nachfolge von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard halten sich die meisten Kandidaten noch bedeckt. Aber eine Absage gab es gestern: Die Luzerner National­rätin Andrea Gmür teilte mit, dass sie nicht ins Rennen steigen werde. Statt Bundesrätin will sie lieber Ständerätin werden. Gespannt wartet man, ob die als Topkandidatin gehandelte Viola Amherd (VS) einsteigt. Weitere Entscheide von möglichen Kandidaten stehen an, insbesondere von Pirmin Bischof (SO), Erich Ettlin (OW), Daniel Fässler (AI), Peter Hegglin (ZG), Ruth Humbel (AG), Elisabeth Schneider-­Schneiter (BL), Benedikt Würth und Heidi Z’graggen (UR). (gr)

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