Vollgeld ist urschweizerisch

Die These, die Vollgeld-Initiative sei vom Ausland fremdgesteuert, ist falsch – eine Replik.

Kritik am System. Die Vollgeld-Initianten wollen, dass nur noch die Nationalbank Geld erzeugen kann.

Kritik am System. Die Vollgeld-Initianten wollen, dass nur noch die Nationalbank Geld erzeugen kann. Bild: Keystone

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Vollgeld-Kritiker haben keine guten Argumente. Deshalb wird von einer angeblichen Steuerung und Finanzierung der Initiative durch das Ausland geschwafelt. Vom Ausland gesteuert ist jedoch das heutige Geldsystem.

Kurt Tschan behauptete Ende März in dieser Zeitung, dass der Verfassungstext der Vollgeld-Initiative im Ausland geschrieben worden und die Initiative aus dem Ausland finanziert sei. Eine aus der Luft gegriffene These.

Korrekt ist, dass der Verfassungstext durch Schweizer geschrieben worden ist. Allen voran von Philippe Mastronardi, emeritierter Staatsrechtsprofessor der Hochschule St. Gallen. Auch die angebliche Finanzierung aus dem Ausland ist lächerlich: Gerade mal einige Tausend Euro flossen seit 2015 in die Kampagnenkasse. Richtig ist einzig, dass die Vollgeld-Initianten vernetzt sind: Wie die Nationalbank, so tauschen sich auch die Vollgeld-Befürworter international aus.

Es gibt aber tatsächlich eine ausländische Einmischung ins Schweizer Geldwesen: Die UBS und die Credit Suisse erzeugen fünfmal mehr von unserem Geld als die Schweizerische Nationalbank. Diese stellt nämlich nur das Bargeld her – zehn Prozent der Schweizer Geldmenge. Die beiden Grossbanken hingegen erzeugen fast die Hälfte des umlaufenden Geldes.

UBS wie CS sind grossmehrheitlich in der Hand von ausländischen Aktionären, und im Management sprechen wohl die wenigsten Schweizerdeutsch. Im Klartext: Grossbanken in ausländischer Hand stellen die Hälfte unseres Schweizer Geldes her.

Illegitimes Privileg

Dass «unsere» Grossbanken nur im Etikett schweizerisch sind, ist wohl bekannt. Dass Banken selber Geld erzeugen, erstaunt wohl mehr. Dieser Fakt ist zwar der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, wird aber von Zentralbanken weltweit und auch von unserer Nationalbank bestätigt.

Die Deutsche Bundesbank räumt auch gleich mit einem weiteren kollektiven Irrtum auf. Sie schreibt: «Tatsächlich wird bei der Kreditvergabe durch eine Bank stets zusätzliches Buchgeld geschaffen.» Die weitverbreitete Vorstellung, dass eine Bank auch altes, schon früher geschöpftes Buchgeld, etwa Spareinlagen, weiterreichen könne, «trifft nicht zu».

Für Normalsterbliche übersetzt heisst das: Immer wenn Banken einen Kredit vergeben, dann reichen sie dafür nicht das Geld der Sparer weiter. Nein, es entsteht aus dem Nichts neues Buchgeld, das vorher nicht existierte. Mit diesem neuen elektronischen Geld kann nun bezahlt werden. Die Gelderzeugung der Banken ist aber nur die Spitze des Eisbergs.

Die Aargauer Kantonalbank gibt in ihrer Broschüre «Wie Banken Geld erschaffen» zu: «Geschäftsbanken schaffen auch Geld durch den Kauf von Wertpapieren, Devisen, Gold oder Grundstücken. Verkauft zum Beispiel ein Unternehmen Obligationen an eine Bank, dann bezahlt die Bank diese Wertpapiere wiederum mit Geld, das sie im Moment der Bezahlung selbst schafft.»

Wahrscheinlich wünschen Sie sich nun, eine Bank zu besitzen wie beispielsweise Thomas Matter, Vollgeld-Kritiker und SVP-Nationalrat, um in die phänomenale Lage zu kommen, selbst Geld herzustellen. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Die Vollgeld-Initiative will den Banken dieses illegitime Privileg wegnehmen. Es ist eine gigantische Wettbewerbsverzerrung, wenn Banken, im Gegensatz zu allen anderen Unternehmen, selber Geld erzeugen und damit einkaufen oder aus dem Nichts gezauberte Kredite gegen Zinsen vergeben.

Geschäftsbanken haben das Profitinteresse ihrer Aktionäre im Fokus. Und weil die Geldherstellung ein Milliardengeschäft ist, erzeugen Banken regelmässig zu viel Geld im Vergleich zur volkswirtschaftlichen Leistung. Das büssen wir Bürger dann mit hohen Mieten und kaum mehr erschwinglichen Hauspreisen. Oder damit, dass wir Banken, die sich mit selbst erschaffenem Geld an der Börse verspekuliert haben, mit Steuergeldern retten müssen.

Für ein Ja am 10. Juni

Die Vollgeld-Initiative macht mit diesem unvernünftigen System Schluss. Künftig soll nur noch die Nationalbank unsere Schweizer Franken herstellen dürfen – zum Wohle der Nation. So sieht es die Verfassung eigentlich bereits heute vor. Dann können Banken nicht mehr mit selbst erzeugtem Geld auf Einkaufstour gehen.

Unsere Realwirtschaft wird gestärkt, und die Gesellschaft profitiert in Milliardenhöhe von der Geldherstellung der Nationalbank. Das Geld auf unseren Konten wird sicher, und Banken können in Konkurs gehen, wenn sie sich verspekulieren.

Immer mehr Menschen begreifen deshalb: Die Vollgeld-Initiative hat am 10. Juni ein klares Ja verdient. Das reiht sich ein in die Schweizer Geschichte. 1848 sagte die Schweiz Ja zu einer staatlichen Währung und dem Schweizer Franken. Seither prägt nur der Bund die Münzen. 1891 sagte das Stimmvolk Ja zur Herausgabe von Banknoten allein durch die Nationalbank. Mit der Vollgeld-Initiative soll nun auch elektronisches Geld allein durch die Nationalbank entstehen. Vollgeld ist urschweizerisch.

Raffael Wüthrich ist Mitglied des Kampagnenteams für die Vollgeld-Initiative. Die Aargauer Kantonalbank gibt in ihrer Broschüre «Wie Banken Geld erschaffen» zu: «Geschäftsbanken schaffen auch Geld durch den Kauf von [...] Wertpapieren, Devisen, Gold oder Grundstücken [...]. Verkauft zum Beispiel ein Unternehmen Obligationen an eine Bank, dann bezahlt die Bank diese Wertpapiere wiederum mit Geld, das sie im Moment der Bezahlung selbst schafft.»

Wahrscheinlich wünschen Sie sich nun, eine Bank zu besitzen, wie beispielsweise Vollgeld-Kritiker und SVP-Nationalrat Thomas Matter, um in die phänomenale Lage zu kommen, selbst Geld herzustellen. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Die Vollgeld-Initiative will den Banken dieses illegitime Privileg wegnehmen. Es ist eine gigantische Wettbewerbsverzerrung, wenn Banken, im Gegensatz zu allen anderen Unternehmen, selber Geld erzeugen und damit einkaufen oder aus dem Nichts gezauberte Kredite gegen Zinsen vergeben.

Raffael Wüthrich ist Mitglied des Kampagnenteams für die Vollgeld-Initiative. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 17:07 Uhr

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