«Was passiert ist, tut mir so leid»

Nach dem Prozess um die Totgeburt einer Syrerin sagt der verurteilte Grenzwächter, er sei «irgendwie erleichtert». Und spricht die Frau direkt an.

«Die Militärstrafjustiz hat mich enttäuscht»: Die Opferanwältin zum Schuldspruch. Videos: SDA

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Und dann tut er es doch. Nach viereinhalb Jahren. Vor dem Zürcher Obergericht steht er, als Ankläger und Verteidiger ihre Interviews absolviert haben, die meisten Journalisten gegangen sind, plötzlich da. Er, der Grenzwächter. Neben ihr, der Flüchtlingsfrau. «Jetzt tue ich es», sagt er zur kleinen Gruppe von Anwesenden. «Jetzt tue ich es doch.»

Als Erstes ergreift er die Hand ihres Ehemannes. «Sie können doch Italienisch, nicht wahr?» Omar Jneid nickt. Der Grenzwächter kann es auch. Also beginnt er zu reden: «Was passiert ist, tut mir so leid. Ich wollte das nicht.» Er spricht rasch, er spricht viel, erklärt, führt aus. «Warum haben Sie nicht…», setzt Omar Jneid an. «Warum haben Sie nicht… Ich stand doch vor Ihnen. Habe Sie um Hilfe gebeten.» Die beiden Männer diskutieren, Suha Alhussein Jneid steht daneben und schaut ins Leere. Sie spricht kein Italienisch.

Geldstrafe von 22'500 Franken

Nach einer Weile wendet sich der Grenzwächter zu ihr – und ihrer Anwältin: «Ich weiss nicht, ob sie mir die Hand geben will. Ich habe einen Fehler gemacht. Das möchte ich ihr sagen. Ich wollte es schon lange.» Doch erst jetzt, nach der Urteilsverkündung, könne er es. Suha Alhussein Jneid kann es nicht. Als er ihr die Hand reicht, wendet sie sich ab. «Die Entschuldigung… Sie bringt mir meine Tochter auch nicht zurück», bricht es auf Arabisch aus ihr heraus. Die Anwältin übersetzt. Der Grenzwächter redet weiter, möchte sich erklären, unbedingt. Die 26-Jährige weint jetzt. Dann tritt sie weg. Die Männer diskutieren weiter, beide mit ruhiger Stimme, aber sichtlich aufgewühlt.

Eine halbe Stunde zuvor hatte das Militärappellationsgericht in den Räumen des Zürcher Obergerichts sein Urteil verkündet: Es verurteilte den 58-jährigen Walliser wegen einfacher sowie fahrlässiger Körperverletzung und Nichtbefolgung von Dienstvorschriften zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 150 Franken, das sind 22500 Franken. Frei sprach es ihn hingegen vom Vorwurf der versuchten Tötung, den Ankläger Kenad Melunovic im Rahmen der Appellationsverhandlung erhoben hatte. In erster Instanz war der Grenzwächter im Dezember 2017 auch noch wegen versuchten Schwangerschaftsabbruchs schuldig gesprochen worden, dafür sah das Militärappellationsgericht jetzt aber keine Anhaltspunkte.

Video – Das sagt der Verteidiger

Auch in zweiter Instanz ist es bei einem Schuldspruch geblieben.

Mit einer bedingten Geldstrafe reduzierte die Berufungsinstanz das Strafmass; die Freiheitsstrafe entfällt. In erster Instanz war der Grenzwächter noch zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 7 Monaten sowie einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 150 Franken (9000 Franken) verurteilt worden. Die Probezeit wurde damals und auch heute auf zwei Jahre festgesetzt.

«Sie haben sich nicht sorgfältig verhalten. Sie haben sich nicht pflichtgemäss verhalten. Sie ­haben Ihre Führungsfunktion nicht wahrgenommen», sagte Gerichtspräsident Maurus Eckert zum Grenzwächter. Diese Pas­sivität habe dazu geführt, dass die Schmerzen bei der Schwangeren «anhielten, ja gar stärker wurden». Auf dem Perron, wo der Zug nach Italien bereitstand, habe er die Notsituation schliesslich erkannt. «Doch statt sofort einen Arzt anzurufen, entliessen Sie die Frau ins Ungewisse. In den schwarzen Tunnel, der unter dem Simplonpass durchgeht. Damit nahmen Sie eine Verschlimmerung der Schmerzen in Kauf.»

Blick in die Verhandlung vor dem Militärappellationsgericht in Zürich. Foto: Linda Grädel, Ennio Leanza (Keystone)

Auch das Gericht, so der Präsident, habe sich gefragt, warum er so gehandelt habe. Viele Motive waren an der Appellationsverhandlung genannt worden. Warum sprach der Grenzwächter die Syrerin, die vor Schmerzen verkrümmt auf einer Holzpritsche lag, nicht ein einziges Mal an? Warum rief er selbst dann nicht die Ambulanz, als er bemerkte, dass sie zum Zug getragen werden musste? War es «unverständliche Gleichgültigkeit ohne jegliche menschliche Regung», wie Ankläger Kenad Melunovic dem Grenzwächter vorwarf? Fehlte diesem, so sein Verteidiger Franz Müller, die Schulung im Umgang mit Flüchtlingen? War es Überforderung? Abgestumpftheit? Oder etwa Rassismus, wie Opferanwältin Dina Raewel vermutete?

«Kein rassistisches Motiv»

«Wir sehen kein rassistisches Motiv», sagte der Gerichtspräsident. «Der Hund ist wohl in der Routine begraben, in der Gewohnheit.» Doch als Grenzwächter sei man angehalten, jederzeit sein Bestes zu geben. Es könne sein, dass man 99 Mal angelogen werde. Und doch müsse man die hundertste Person fair und mit Respekt behandeln. «Das ist eine Herausforderung, aber dieser müssen Sie sich stellen.»

Ob es dazu kommen wird, ist unwahrscheinlich. Der Vater dreier erwachsener Kinder arbeitet auf dem Grenzwachtposten Brig bereits heute nur noch im Büro. Ohne Uniform und Kontakt zu Grenzgängern. Etwas anderes kann er sich nach den Ereignissen vom 4. Juli 2014, als er als Einsatzleiter für die Rückführung der 36-köpfigen Flüchtlingsgruppe verantwortlich war, nicht mehr vorstellen; wenn überhaupt. «Ich glaube, ich war ein guter Grenzwächter. Jetzt bin ich es nicht mehr», sagte er.

Der Ankläger ist ob dem Urteil «nicht enttäuscht». Für all das, was wirklich passiert sei, sei der Grenzwächter verurteilt worden. Von all dem, was hätte passieren können, sei er freigesprochen worden. Das Urteil sei «nachvollziehbar und gut begründet». Genau wie der Verteidiger will er für einen allfälligen Weiterzug ans Militärkassationsgericht – die letzte Instanz der Militärjustiz – die schriftliche Urteilsbegründung abwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2018, 10:33 Uhr

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