Welcher Kanton am längsten auf einen Bundesrat wartet

Mehrere Regionen fordern nach Didier Burkhalters Rücktritt einen Sitz. Doch wer hat wirklich Anspruch darauf?

Die Ostschweiz fühlt sich chronisch untervertreten: Der St. Galler Bundesrat Kurt Furgler hält am 31. Dezember 1986 seine Abschiedsrede.

Die Ostschweiz fühlt sich chronisch untervertreten: Der St. Galler Bundesrat Kurt Furgler hält am 31. Dezember 1986 seine Abschiedsrede. Bild: Alain Boillat/Keystone

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Nach dem überraschenden Rücktritt von Didier Burkhalter ist in Bern bereits die Suche nach einem geeigneten Nachfolger gestartet. Der Anspruch der FDP auf zwei Bundesratssitze ist derzeit unbestritten. Weniger klar sind die sprachregionalen Ansprüche: Da dem Bundesrat im Moment drei Romands angehören, ist nicht ausgeschlossen, dass ein Vertreter aus der Deutschschweiz in die Landesregierung einzieht.

Falls im Parlament die Deutschschweizer Option zum Thema wird, gilt die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter als aussichtsreiche Kandidatin, zumal sich auch die Ostschweiz chronisch untervertreten fühlt. Seit dem Rücktritt von Hans-Rudolf Merz 2010 hatte sie keinen Bundesratssitz mehr. Zuvor war die grosse Wirtschaftsregion während 40 Jahren immer in der Landesregierung.

«Bei der Zusammensetzung des Bundesrates ist darauf zu achten, dass die Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten sind.»Bundesverfassung, Art. 175

Favorit für Burkhalters Nachfolge ist aber FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis. Als Tessiner geht er mit einem Vorsprung auf andere mögliche Kandidaten ins Rennen. Denn seit Jahren pocht der Südkanton auf seinen Anspruch, wieder in der Landesregierung vertreten zu sein. Letztmals war dies mit Flavio Cotti (CVP) der Fall, der 1999 zurücktrat.

Doch wartet das Tessin damit am längsten auf eine Bundesrätin oder einen Bundesrat? Mitnichten, wie der Vergleich aller Kantonen zeigt, die schon mindestens einmal in der Landesregierung vertreten waren.

Mit Abstand am längsten warten Glarus und Basel-Landschaft auf einen Bundesratssitz. Der Glarner FDP-Vertreter Joachim Heer trat 1878 zurück, vor 139 Jahren. Der Rücktritt von dessen Basler Parteikollegen Emil Frey liegt ebenfalls lange zurück: 1897.

Dass sich die Ostschweiz untervertreten fühlt, hat vor allem damit zu tun, dass ihre zwei grössten Kantone St. Gallen und Thurgau schon lange keinen Vertreter mehr nach Bern schicken durften. Die Amtszeit des St. Galler CVP-Bundesrats Kurt Furgler endete 1986 und diejenige des Thurgauer FDP-Bundesrats Heinrich Häberlin 1934, also vor 83 Jahren.

Und dann gibt es noch die fünf Kantone, die bisher ganz leer ausgingen: Jura, Nidwalden, Schaffhausen, Schwyz und Uri. Dabei fällt vor allem das Ausbleiben des Kantons Schwyz auf: Mit vergleichbarer Bevölkerungszahl wie Neuenburg, das inklusive Didier Burkhalter schon neun Bundesräte stellte, wurden die Zentralschweizer bisher übergangen.

Die drei bevölkerungsreichsten Kantone Zürich, Bern und Waadt führen die Rangliste der Kantone mit den meisten Bundesräten in derselben Reihenfolge an. Dahinter folgt bereits Neuenburg, obwohl es weniger Einwohner hat als zwölf andere Kantone, die dahinter liegen. Das Tessin, das aufgrund der ausgeglichenen Sprachenvertretung schon siebenmal in der Landesregierung vertreten war, ist bevölkerungsmässig ebenfalls übervertreten.

Der Aargau hat fast doppelt so viele Einwohner wie der Südkanton und stellte inklusive der amtierenden Doris Leuthardt erst fünfmal eine Bundesrätin oder einen Bundesrat. Das sind gleich viele wie St. Gallen und Luzern aufweisen. Der Wirtschaftskanton und die Tourismusregion sind mit gut einer halben Million beziehungsweise 400’000 Einwohnern ebenfalls grösser als das Tessin (350’000).

Grund zum Jammern hätten allerdings auch andere, so zum Beispiel der für die Schweiz so wichtige Pharma-Standort Basel. Die beiden Halbkantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt stellten von den bisherigen 116 Bundesräten gerade mal deren drei. Mit Hanspeter Tschudi trat der letzte 1973 ab.

Ganz anders sieht die Rechnung in Appenzell Innerrhoden aus. Mit den CVP-Vertretern Arnold Koller (1986-1999) und Ruth Metzler (1999-2003) stellte der Kleinstkanton bereits zwei Bundesräte. Gemessen an der Bevölkerungszahl war Appenzell Innerrhoden damit am stärksten in der Landesregierung repräsentiert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 10:23 Uhr

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