«Wir wollen nicht profitieren, wenn Bauern ihre Ernte verlieren»

Grünliberalen-Präsident Jürg Grossen über das Topthema Klimawandel und wie er bei den Bauern punkten will.

Der 49-jährige Jürg Grossen steht seit 2017 an der Spitze der Grünliberalen.

Der 49-jährige Jürg Grossen steht seit 2017 an der Spitze der Grünliberalen.

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Der nächste Sommer kann für die Grünliberalen nicht genug heiss werden.
Wir wollen nicht davon profitieren, wenn Tiere notgeschlachtet werden müssen oder die Bauern ihre Ernte verlieren. Ich gönne niemandem einen Schaden.

Aber es ist eine Tatsache, dass grössere Naturereignisse Ihrer Partei entgegenkommen. Wie etwa bei den Wahlen 2011, kurz nach der Katastrophe von Fukushima.
Es ist unbestritten, dass sich kurzfristige Ereignisse auf das Wahlverhalten der Leute auswirken, nicht nur im Umweltbereich. So haben 2015 die Migrationsströme die Zusammensetzung des neuen Parlaments dominiert. Spürbare Klimaerwärmungen wie ein Hitzesommer sind unbestritten ein Vorteil für uns, da die negativen Konsequenzen einer falschen Umweltpolitik sehr gut sichtbar werden.

Bleibt die Klimapolitik das Wahlkampfthema Nummer eins für Sie?
Der Klimaschutz wird sicher eines der dominierenden Themen. Die Energie- und Umweltpolitik ist ja seit Beginn ein Kernthema der grünliberalen Politik. Wir wollen unsere Umweltpolitik mit einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum kombinieren, denn der Klimaschutz darf die Wirtschaft nicht abwürgen. Das muss Hand in Hand gehen. Ein zweiter Schwerpunkt unserer Kampagne ist die dringend notwendige Stärkung der Innovationskraft unseres Landes. So wollen wir die Digitalisierung als Chance nutzen und nicht – wie die SP oder die Grünen – deren Nutzen dauernd infrage stellen.

Für Diskussionen wird auch die Europapolitik sorgen. Haben Sie mit dem klaren Bekenntnis zum Rahmenabkommen nicht einen schwierigen Ansatz gewählt, um Wählerstimmen zu gewinnen?
Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem klaren Bekenntnis zum Rahmenabkommen vielen Schweizerinnen und Schweizern, aber auch der Wirtschaft aus dem Herzen sprechen. Wenn man das Pro und Kontra auf die Waagschale legt, werden viele noch zur Einsicht gelangen, dass dieses Rahmenabkommen das Optimum ist, das wir zurzeit von der Europäischen Union bekommen können. Wenn wir dieses ablehnen, wird die Situation für die Schweiz klar schlechter.

Das tönt nach Fatalismus.
Wir müssen einen kleinen Preis zahlen, das ist unbestritten. Aber wir bekommen dafür den idealen Zugang in die EU für Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft. Man darf aber nicht vergessen, das Rahmenabkommen zwingt uns nicht, etwas zu übernehmen, das uns überhaupt nicht passt, schliesslich können wir über alles noch das Volk befragen. In diesem Sinne ist die Souveränität nicht angetastet. Fatal ist, wie der Bundesrat in diesem Dossier agiert. Es kann doch nicht sein, dass die Landesregierung nicht in der Lage ist, das zäh ausgehandelte Abkommen einer Beurteilung zu unterziehen. Es in eine Konsultation zu geben, ist reine Zeitschinderei, denn es ist seit Monaten klar, dass sich weder SP noch SVP in diesem Dossier auch nur einen Millimeter bewegen werden.

Schüler gegen Klimawandel: Vor Weihnachten demonstrierten rund eintausend Jugendliche in Bern für Klimaschutz. Video: SDA

Und mit dieser Position wollen Sie in den Wahlkampf ziehen?
Wir setzen nebst dem Klimaschutz und der Innovation tatsächlich auch auf die internationale Vernetzung, ohne die wir als kleine Schweiz isoliert dastehen. Mit diesen drei Pfeilern wollen wir die Leute überzeugen. Sicher können wir nicht mit der grossen Kelle anrichten und gross angelegte Plakatkampagnen fahren wie die grossen Parteien.

Wie viel Geld investieren die Grünliberalen in den Wahlkampf?
Seitens der nationalen Partei werden wir gut eine halbe Million Franken zur Verfügung stellen. Aber es ist klar, dass auch die einzelnen Kandidaten ins Portemonnaie greifen müssen, um sich bekannt zu machen. Wir haben verschiedene Bevölkerungsgruppen evaluiert und versuchen, diese mit den entsprechenden Kanälen zu erreichen. Wir zielen damit sicher auf eine fortschrittliche, dem Wandel gegenüber offene Wählerschaft.

Das bedeutet, dass Sie auf die Städte fokussieren, wo Sie bereits heute Ihre Klientel haben. Ist das nicht ein gar bescheidener Ansatz?
Fortschrittlich sein ist doch keine Frage von Stadt und Land. Nehmen Sie meinen Wohnort, Frutigen, im tiefsten Berner Oberland gelegen: Hier kamen wir im letzten Frühling auf einen Wähleranteil von 15 Prozent bei den kantonalen Wahlen. Es ist doch eine Mär, zu glauben, fortschrittliche Leute würden nur in der Stadt leben.

Wir wurden von der «Bauernzeitung» tatsächlich als unfreundlichste Partei gegenüber bäuerlichen Anliegen eingestuft.

Trotzdem, gerade in kleinen, eher konservativen, von der Landwirtschaft noch stark geprägten Kantonen vermögen Sie nicht zu überzeugen. Nehmen Sie die Bauernschaft zu wenig ernst?
Wir wurden von der «Bauernzeitung» tatsächlich als unfreundlichste Partei gegenüber bäuerlichen Anliegen eingestuft. Aber das ist eine Ehre für uns, schliesslich ging es vorab darum, zu beurteilen, wer am meisten für Subventionen und Direktzahlungen einsteht. Wir setzen auf eine marktorientierte und ökologische Landwirtschaftspolitik: Wir wollen, dass die Schweiz gesunde, möglichst lokal produzierte Lebensmittel produziert und nicht von Futtermittelzuschüssen aus dem Ausland lebt. Da unterscheiden wir uns ganz klar von den Grünen, die in dieser Frage gerne mit der SVP zusammengehen, um eine protektionistische, auf Subventionen ausgerichtete Landwirtschaftspolitik zu zementieren.

Diese Sicht scheint aber bei den meisten Bauern nicht anzukommen, sonst wären Sie in bäuerlich geprägten Kantonen besser vertreten.
Ökologisch ausgerichtete Bauern haben vielleicht noch nicht realisiert, dass die sogenannte Bauernpartei SVP gar nicht eine Politik macht, die sie langfristig stärkt. Sondern eine, die Grossbauern und eine industrielle Landwirtschaft mit einem hohen Pestizideinsatz fördert.

Die Leute wollen demnach einfach nicht realisieren, wie gut Ihre Politik ist. Ist das nicht ein wenig überheblich?
Nein, die müssen uns auch zuerst kennen lernen. Vielleicht verkaufen wir uns in dieser Frage noch ein bisschen zu wenig gut. Wir versuchen seit gut einem Jahrzehnt, auf uns und unsere Positionen aufmerksam zu machen. Aber gerade in der Landwirtschaftspolitik braucht es sehr lange, bis dies gelingt.

Das wird im Wahlkampf nicht einfach, die Polparteien werden Ihnen mit knackigen Slogans die Show stellen.
Die progressive Mitte muss gestärkt werden. Das kann sie nur, wenn sie auf Fortschritt setzt. Denn sowohl rechts wie links sind inzwischen konservative Kräfte am Werk. Von der SVP ist man sich dies gewohnt. Aber auch die SP bewegt sich immer stärker in diese Richtung, sei dies bei der Digitalisierung, bei neuen Arbeitszeitmodellen oder bei der Medienpolitik. Zudem lässt sie sich von den Gewerkschaften den Stillstand beim Rahmenabkommen diktieren. Ich bin überzeugt, dass auch die Wähler gemerkt haben, dass die ausgehende Legislatur eine verlorene war, denn das Resultat sind null Komma null Reformen.

Ihr Ziel für die Nationalratswahlen?
Wir wollen wieder öfters das Zünglein an der Waage sein. Dafür müssen wir zulegen von heute sieben Sitzen im Nationalrat auf mindestens zehn. Das ist das Ziel, ideal wären zwölf Sitze.

Sie wirken eher zurückhaltend. Sind Sie die richtige Person, um die Partei in den mitunter lauten und aggressiven Wahlkampf zu führen?
Es gibt immer mehr Leute, die sich auch gerne differenzierte Töne anhören und hinter die Schlagzeilen schauen wollen. Und das kann ich mit meiner eher ruhigen Art sicher gut transportieren. Aber immer bleibe ich nicht ruhig: Bei der Beratung zum CO2-Gesetz habe ich mich fürchterlich enerviert, wie sich die FDP an die SVP, die ja gar keinen Klimaschutz will, angeheftet hat. Alles ins Ausland verlagern und keine Verantwortung für die nächste Generation übernehmen zu wollen, das ist schändlich für unser Land. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 08:57 Uhr

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In Zahlen

4,6 Prozent
Die Grünliberalen (GLP) erreichten nach ihrem Höhenflug im Jahr 2011 mit einem Wähleranteil von 5,4 Prozent bei den Wahlen 2015 nur noch einen Anteil von 4,6 Prozent.

+4 Sitze
In kantonalen Parlamenten gewann die GLP seit 2015 zwar elf Sitze dazu; sie musste aber auch sieben Sitze abgeben.

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