Wo die Eisbrocken fliegen

Zu Besuch auf dem Mont Crosin im Berner Jura, Standort des grössten Windparks der Schweiz.

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Der Mont Crosin ist kein Berg, sondern vielmehr eine Hochebene, ganz hinten im Berner Jura. 1200 Meter über Meer und karg. Die Winter sind lang. Der erste Schnee fällt im Oktober und jetzt, Anfang Mai, ist der Schnee eben erst geschmolzen. Tausende von Osterglocken blühen.

Nur wenige Leute wohnen hier, ­Bauern, die auf ihren Privatstrassen mit Autos ohne Nummern verkehren zum Beispiel. Oder Freigeister auf der Flucht vor der Gesellschaft. Sie vereint vor allem der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Willkommen im Wilden Westen der Schweiz.

Mit der Ruhe ist es aber längst vorbei. Hier oben steht der grösste Windpark der Schweiz. Seit 1996 hat ihn die Juvent SA, eine Tochtergesellschaft der BKW Energie AG, aufgebaut. «Deutschschweizern ist der Landschaftsschutz wohl sehr wichtig, darum wollen sie solche Projekte lieber beim Nachbarn als vor ihrer Haustüre, in Gebieten wie im Jura hat es auch mehr Platz», sagte Bundesrätin Doris Leuthard Ende März in einem Interview in der Aargauer­zeitung. Sie muss Gegenden wie den Mont Crosin gemeint haben.

Noch grössere Turbinen

Die sechzehn Windturbinen wurden eben mit noch grösseren ersetzt. «Re­­powering» nennt das die Betreiberin und ist stolz darauf. Für den bernischen Stromkonzern ist der Mont Crosin ein Vorzeigeobjekt. Für jene, die dort wohnen, weniger. Die neuen Anlagen geben einen Vorgeschmack auf die Energiestrategie. Sie sind bis 150 Meter hoch, die Rotorblätter mehr als fünfzig Meter lang.

Wer in der Nähe steht, hört schon bei wenig Wind drei Geräusche: das Brummen des Getriebes, das Zischen der Rotoren und das Wummern, wenn das Rotorblatt am Turm vorbeisaust. Wenn der Wind richtig weht, raubt der Lärm den Menschen den Schlaf. Doch damit nicht genug: Mehr als 20 Vögel sterben jährlich zwischen den Rotoren der Windkraftanlagen, gibt das Bundesamt für Energie (BFE) in einer Untersuchung zu. Auf dem Mont Crosin hat das gereicht, dass es keine Raubvögel mehr gibt. In der Folge haben sich die Mäuse so vermehrt, dass Bauern ihre Wiesen wieder neu ansähen mussten.

Im Winter ist es gefährlich. Da schleudern die Windräder kiloschwere Eisbrocken durch die Gegend. Das Eis bildet sich bei Nebel und Sturmfronten sowohl an den Rotorblättern als auch am Maschinenhaus im Zentrum des Windrades. Der BaZ liegen Bilder vor von bis zu fünf Kilo schweren und fast einen Meter langen Brocken, die der Form nach von einem Rotorblatt stammen. Gefunden wurden sie mehrere Hundert Meter weit weg von der Windkraftanlage.

Die Rotorspitze erreicht Geschwindigkeiten von 400 Stunden­kilometern und mehr. Je nach dem Winkel, in dem die Brocken abbrechen, fliegen sie wie Artilleriegeschosse durch die Gegend. Kein Wunder, dass im Handbuch des Herstellers der Wind­turbinen ein Sicherheitsabstand von 400 Metern vorgeschrieben ist – für seine Monteure.

Spielplatz im Gefahrenbereich

Für Besucher des Windparks im ­Berner Jura gilt das offenbar nicht. Auf dem Mont Crosin wird dieser Abstand nämlich nicht eingehalten. Sowohl Wander- als Schneeschuhwege wie auch die Langlaufloipe verlaufen innerhalb des vom Hersteller bezeichneten Gefahrenbereiches. Dies, obwohl die Loipe bereits einmal verschoben wurde. Die BKW hat sogar zwei Spielplätze eingerichtet, einen zweihundert Meter von einer Windturbine entfernt, den anderen dreihundert Meter von einer anderen.

Die BKW stört das alles nicht. «Die Wind­energieanlagen der Juvent SA wurden unter Einhaltung aller behördlichen Auflagen aus Baubewilligung, Plangenehmigungen und Überbauungs­­­ordnung gebaut», schreibt die Kommunikationsabteilung. Man mache eine «Gefährdungsbeurteilung», die regelmässig überprüft und «soweit nötig» angepasst werde. Und im Übrigen seien die Spiel- und Picknickplätze im Winter «nicht nutzbar».

Alles kein Problem also? Bei der Gefahrenbeurteilung von Eiswurf stützt sich das Bundesamt für Energie auf eine vom Deutschen Windenergieinstitut entwickelte Formel. Das Unternehmen verdient sein Geld mit der Windindus­trie. Bei dieser Berechnung wird angenommen, dass sich die Rotorblätter nicht drehen. Der Wind spielt nur insofern eine Rolle, als dass er die Eisstücke beim Herunterfallen abtreibt. Dass die Brocken durch die Windräder beschleunigt werden, fliesst nicht in die Beur­teilung ein.

Von Lobbyisten verfassten Studie

Diese Formel verwendete auch eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE), als es vor mehr als zehn Jahren die Gefahren von Windkraft­anlagen untersuchen liess. Der Auftrag ging nicht an ein unabhängiges Institut, ­sondern an die Lobbyorganisation für ­Windenergie «Swiss-Eole», damals mit Sitz in Bubendorf, heute in Liestal. Seit 2001 erhielt dieser Verband vom BFE rund sieben Millionen Franken, wie die Sonntagszeitung berichtete.

Gemäss internen Dokumenten diente das Geld auch dazu, die Akzeptanz der Wind­energie zu verbessern. Windturbinen sollten als «billig», «akzeptierbar», «rentabel» und «schön» angesehen werden. Genau diese Lobbystelle untersuchte 2005 die Sicherheit von Windenergieanlagen. Und sie nahm für die Unter­suchung des Gefahrenbereiches die deutsche Schätzformel an, welche die mögliche Beschleunigung der Eisbrocken ausser Acht lässt.

Bis vor Kurzem gab es auf dem Mont Crosin bloss kleine Warnhinweise wegen Eiswurf: Weiss-rote Dreiecke wie man sie aus dem Strassenverkehr kennt, auf denen, getreu der Berechnungs­methode für Eiswurf, wie sie die Windkraft-Lobbyisten im Auftrag des BFE verwendeten, Eis senkrecht von einem Windrad zu Boden fällt. Angebracht wurden sie an den Türmen der Windturbinen. Um sie zu sehen, musste man sich also zuerst in Gefahr bringen.

«Abstand halten»

Im vorletzten Winter wurden erstmals Warntafeln in sicherer Entfernung angebracht. Ein Warnlicht leuchtet bei bestimmten Witterungsverhältnissen. Daneben steht: «Von Windturbinen Abstand halten». Wie viel Abstand steht hingegen auch da nicht. Auch die Warndreiecke auf den Türmen wurden ­vergrössert. Gefährlich ist es weiterhin. Eine Scheune steht nicht weit von einer Anlage. Das Dach aus Eternit ist gesprenkelt. Es muss jeden Frühling von Eisschlagschäden repariert werden.

Es hat aufgefrischt an diesem Nachmittag Anfang Mai. Ein kalter Wind bläst über die hügelige Hochebene des Mont Crosin. Die Osterglocken wehren sich dagegen. Von Nahem sehen sie aus wie kleine Windturbinen. Einigermassen sauber mag die Windenergie sein. Sicher ist sie nicht. Und der Ertrag ist gering: Die Windräder liefern nur 20 Prozent der installierten Leistung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.05.2017, 09:09 Uhr

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