Was ist mit den Frauen passiert?

Für die Nachfolge von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard kursieren ausschliesslich Männernamen. Die Frauenfrage scheint keine Konjunktur zu haben.

Gruppenbild am Internationalen Tag der Frau 2016: Martin Candinas fotografiert die CVP-Frauen Andrea Gmür-Schoenenberger (LU), Christine Bulliard-Marbach (FR), Ida Glanzmann-Hunkeler (LU), Geraldine Marchand-Balet (VS), Ruth Humbel (AG), Kathy Riklin (ZH) und Elisabeth Schneider-Schneiter (BL).

Gruppenbild am Internationalen Tag der Frau 2016: Martin Candinas fotografiert die CVP-Frauen Andrea Gmür-Schoenenberger (LU), Christine Bulliard-Marbach (FR), Ida Glanzmann-Hunkeler (LU), Geraldine Marchand-Balet (VS), Ruth Humbel (AG), Kathy Riklin (ZH) und Elisabeth Schneider-Schneiter (BL). Bild: Keystone

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2011 wurde die Schweiz erstmals von einer Frauenmehrheit regiert. Mit der Wahl von Simonetta Sommaruga in den Bundesrat gab es mit ihr, Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf vier Bundesrätinnen. Bald ist es vielleicht nur noch eine.

Wenn CVP-Bundesrätin Doris Leuthard im Laufe der Jahre 2018 und 2019 zurücktritt, ist jedenfalls die Chance gross, dass ein Mann sie beerbt. Die Ständeräte Stefan Engler, Konrad Graber und Pirmin Bischof werden als mögliche Nachfolger genannt. Eine Frau ist nicht darunter.

Die Frauenfrage scheint keine Konjunktur zu haben. Nicht beim Ersatz des zurücktretenden Bundesrats Didier Burkhalter, bei dem FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala eine Frauenkandidatur nicht für vordringlich hält, noch bei der Nachfolge der zweitletzten amtierenden Bundesrätin Doris Leuthard.

Babette Sigg, Präsidentin der CVP-Frauen, betont zwar, dass sie nach Kandidatinnen Ausschau halte und valable Persönlichkeiten präsentieren wolle. Sie sagt aber auch, einen Anspruch auf eine CVP-Bundesrätin, oder auch nur auf eine Frauenvertretung auf dem CVP-Ticket, gebe es «leider nicht». Es solle der oder die Beste gewählt werden, das gelte übrigens auch für die FDP, bei der Ignazio Cassis derzeit unbestrittenermassen der beste Anwärter sei.

Die goldenen Jahre der CVP-Frauen

Es ist noch nicht lange her, da war die CVP in dieser Frage um einiges ehrgeiziger. So war sie die einzige bürgerliche Partei, die je für einen Bundesratssitz eine reine Frauenauswahl präsentierte. Als 1999 die Sitze von Arnold Koller und Flavio Cotti frei wurden, portierte die CVP für Kollers Nachfolge die Regierungsrätinnen Rita Roos und Ruth Metzler. Für den Sitz von Cotti kandidierten Adalbert Durrer, Remigio Ratti und Joseph Deiss.

Das Frauenticket war das Resultat jahrelanger Lobbyarbeit der CVP-Frauen, die unter anderem erreichten, dass sich die CVP Schweiz Mitte der Neunzigerjahre eine Geschlechterquote für Delegiertenversammlungen in die Statuten schrieb: «Jedes Geschlecht ist in jeder Delegation je mindestens mit drei Personen und höchstens mit zwei Dritteln aller ihrer Mitglieder vertreten», steht noch heute in den Statuten. Mit dem Zusatz, dass für die CVP-Frauen eine Ausnahme gelte und sie ausschliesslich weibliche Delegierte ernennen dürften.

Geschlechterquote hatte Sogwirkung

Die goldenen Jahre der CVP-Frauen dauerten etwa bis zur Jahrtausendwende. In dieser Zeit spielten sie in der schweizerischen Politik eine Schlüsselrolle, etwa bei Fragen wie der Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs, bei der Weiterentwicklung des neuen Eherechts, aber auch in der Europapolitik, wo die Frauen für eine Öffnung einstanden und in der Mutterpartei zu überzeugen vermochten.

Die Geschlechterquote für die Delegierten sei extrem wichtig gewesen, sagt Rosmarie Zapfl, frühere Nationalrätin und Vizepräsidentin der CVP Schweiz. Das habe auf Frauen eine grosse Sogwirkung gehabt, es hätten sich umgehend mehr zur Verfügung gestellt, und damit seien auch mehr Frauen als vorher aufgestellt und gewählt worden. «Sobald eine Frau in einer einflussreichen Position ist, werden andere Frauen animiert, ebenfalls mitzumachen», sagt sie. Das Prinzip, wonach sich Gleiches zu Gleichem geselle, sei überall zu beobachten, in Bezug auf alle Alters- und Bevölkerungsgruppen.

«Nur so bekommen wir eine Bundesrätin»

Was ist mit den CVP-Frauen passiert? Das habe sie sich auch schon gefragt, sagt Rosmarie Zapfl. Zu ihrer Zeit hätten die Frauen den unbedingten Willen gehabt, an der Macht teilzuhaben. Die CVP-Frauen hätten dies laut und kompromisslos gefordert und seien dabei von den Männern in der Partei unterstützt worden.

So sei es die Idee von Alt-Bundesrat Flavio Cotti gewesen, gemeinsam mit Arnold Koller zurückzutreten, damit die Frauen angesichts der Doppelvakanz eine Chance haben. «Flavio Cotti sagte zu mir: Nur so bekommen wir eine Bundesrätin», erzählt Zapfl. Damals war die Ausgangslage allerdings einfacher für die CVP-Frauen – es gab zwei Sitze zu besetzen, und eine CVP-Bundesrätin hatte es bis anhin nicht gegeben. Beides ist heute anders.

Trotzdem vermisst Rosmarie Zapfl die Vehemenz und Leidenschaft von damals. Wenn sie im Rahmen von Alliance F Veranstaltungen in Bundesbern organisiert, schaue kaum je eine Parteikollegin vorbei, sagt sie. «Ich frage mich dann immer: Wo sind sie, die CVP-Frauen?»

Es hänge sicher mit den damaligen sehr engagierten Persönlichkeiten zusammen, dass die CVP geschlechterpolitisch erfolgreich war, sagt sie. Aber auch mit den Rahmenbedingungen, die Frauen heute noch oft daran hinderten, für einflussreiche Positionen zu kandidieren, weil sie Rücksicht auf die Familie oder anderes nähmen. «Das geht auch gewissen Männern so», betont Zapfl. So habe sie es gerade erlebt, dass ein Top-Politiker nicht Gemeindepräsident werden wolle – aus Rücksicht auf seine Familie.

Einer Illusion verfallen

Yvonne-Denise Köchli, früher «Weltwoche»-Redaktorin, heute Buchverlegerin, sagt: «Das Verheerendste in der Schweizer Politik ist, dass Frauen immer meinen, sie müssten Geduld haben.» Sie sei entsetzt gewesen, als sie gehört habe, dass die FDP-Frauen eine FDP-Bundesrätin nicht als dringlich ansehen, sondern dem Tessiner Anspruch den Vorrang geben.

«Das sind diese alten, schweizerischen Reflexe», sagt Köchli. «Andere haben das Problem weniger, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau beispielsweise. Trudeau beantwortete die Frage, warum er die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen besetze: ‹weil wir im Jahr 2015 leben›.» Köchlis Verlag Xanthippe, der unter anderem auf feministische Publikationen setzt, hat kürzlich das Buch «Iris von Roten: Eine Frau kommt zu früh – noch immer?» herausgegeben.

Warum die CVP-Geschlechterpolitik heute weniger kämpferisch sei, könne sie schwer beurteilen, sagt Köchli. Es seien wohl mehrere Faktoren dafür verantwortlich: die Illusion nach der Jahrtausendwende, die Frauen hätten es jetzt geschafft. «Ende der 90er-Jahre war ich der Ansicht, dass es mich als feministische Publizistin nicht mehr braucht. Was für ein Irrtum.» Weiter die Tatsache, dass viele Vorkämpferinnen der CVP heute nicht mehr aktiv seien.

Und dann gebe es noch das strukturelle Problem, welches nach jedem Fortschritt zu einem Backlash führe, nämlich zur Frage: Was wollt ihr jetzt noch? Die Frage werde immer dann gestellt, wenn ein Etappenziel erreicht sei, etwa eine Frauenmehrheit im Bundesrat. Die Gesellschaft gewöhne sich dann schnell an den Gedanken, dass es keine Frauenförderung mehr brauche, sagt Köchli. «Doch das ist ein Trugschluss.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2017, 18:05 Uhr

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