Geschäft ohne Grenzen

Die Mitarbeiter der HSBC Schweiz bereisten vier Kontinente, um das Geld ihrer Kunden diskret in die Schweiz zu holen. Jetzt greift Staat um Staat die Bank an.

«Kunde extrem zufrieden»: Im Hotel Hilton in Tel        Aviv trafen die Mitarbeiter von HSBC Schweiz Dutzende Klienten. Foto: Walter Bibikow (Mauritius Images)

«Kunde extrem zufrieden»: Im Hotel Hilton in Tel Aviv trafen die Mitarbeiter von HSBC Schweiz Dutzende Klienten. Foto: Walter Bibikow (Mauritius Images)

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Sie trafen ihre Kunden im Hotel Hilton in Tel Aviv. Im Franklin Roosevelt in Paris. In «seiner Sommerresidenz in Kopenhagen». In der flirrenden Hitze von Pointe-Noire im Kongo. In Nairobi, in Lomé, der Hauptstadt Togos, in Senegal, in Saudiarabien. Im Park Lane Hotel in Antwerpen sassen sie mit belgischen Diamantenhändlern zusammen. Und natürlich kamen die Klienten auch zu ihnen, in die Filialen nach Zürich, Genf und Lugano.

Die Kundschaft der HSBC Privatbank Schweiz verteilte sich auf 150 Länder, und danach richteten sich die «Relationship Manager» der Bank. «Einige verreisten für zwei Wochen, kamen zurück für zwei Tage – und machten sich gleich wieder auf den Weg», erinnert sich eine Ex-Angestellte.

1645 Termine bei Kunden

Das Problem: Manche der Kundentreffen waren illegal. Und viele Entscheide, die in Hotelsalons und Gourmetrestaurants gefällt wurden, beschäftigen heute die Justiz. Die Vorwürfe gehen immer in dieselbe Richtung: Die HSBC Schweiz soll ihre Kunden bei Steuerdelikten unterstützt haben, und ihre Berater hätten illegal Kunden angeworben und/oder betreut. Bislang haben fünf Staaten gegen die Bank ermittelt: Frankreich, Spanien, Belgien, Argentinien und die USA.

Diese Liste könnte sich noch verlängern. Alleine in den Jahren 2004 und 2005 fanden in 25 Ländern mindestens 1645 Kundentermine statt, wie eine Auswertung von baz.ch/Newsnet ergeben hat. Die Analyse basiert auf Kontodaten und elektronischen Notizen von Kundenterminen der Bankiers. Die Protokolle erstrecken sich über die Jahre 2004 bis 2007. Sie sind Teil der Datensammlung, die der französischen Zeitung «Le Monde» und dem International Consortium of Investigative Journalists zugespielt wurde.

Die Daten erlauben es, ins Gewebe der HSBC Schweiz hineinzuzoomen. So lässt sich beobachten, wie gut das «Cross-Border»-Geschäft funktionierte – und wie es die Bank ins Schlingern brachte.

Das Unheil begann mit fünf DVDs. Am 26. Dezember 2008 übergab Hervé Falciani die Silberscheiben am Flughafen von Nizza französischen Steuerfahndern. Der Informatiker hatte in der Bank heimlich Dateien kopiert, die Namen, Kontonummern und -stände enthielten, insgesamt über 100 000 Einträge. Ein Schatz für die Steuerbehörden, eine Katastrophe für die Bank. Und ein politisches Desaster: Die «Affaire Falciani» störte die französisch-schweizerischen Beziehungen – für die Schweiz war der Mann ein Datendieb, für Frankreich eine wertvolle Quelle.

Kommt dazu: Ab 2010 gaben die Franzosen die Files weiter, nach Belgien, Deutschland, Italien, Irland, Spanien, Kanada, Australien, in die USA. Eine beispiellose Jagd nach Steuersündern lief an. Spanien trieb mindestens 300 Millionen Euro an Steuergeldern ein, England 135 Millionen Pfund. In Griechenland führte die «Falciani-Liste» zu einem Skandal, weil auch Politiker darin auftauchten. Unter dem Druck der fiskalischen Treibjagd schnellten die Selbstanzeigen nach oben – alleine in Frankreich flossen 1,2 Milliarden Euro an den Staat.

Das war die erste Phase. In manchen Ländern läuft diese bis heute; Indien etwa hat sich ebenfalls Zugriff auf die Daten besorgt und durchleuchtet nun 627 Namen. Andere Staaten haben die Recherchen abgeschlossen. So hat Deutschland gemäss Justizquellen alle 1136 Einträge abgearbeitet.

«Sollten 1 Million USD erhalten»

Während die Öffentlichkeit sich mit Namen und Kontoständen der Prominenz beschäftigte, die im Zuge der Ermittlungen hochgespült wurden, lief im Hintergrund die zweite Phase an: die Attacke gegen die Bank selbst. Auch hier spielt Frankreich – neben den USA – die Rolle des Anführers. Am 18. November 2014 verkündeten die französischen Staatsanwälte offiziell, die Bank werde untersucht. Vorab verlangten sie eine Kaution von 50 Millionen Euro.

Die Ermittler werfen der HSBC vor, ihre Relationship Manager seien ohne die nötige Bewilligung in Frankreich aktiv gewesen. Polizisten identifizierten 24 Banker, die sich in Frankreich mit Kunden getroffen hatten. Dabei ging es nicht nur darum, im lockeren Rahmen Beziehungen zu pflegen – es ging ums Geschäft, wie die Notizen der Berater zeigen: «Paris, 6. 1. 05: Klient wollte mich sehen, um über die Schliessung von zwei Konten bei der Barclays Bank und der UBS und den Transfer des Gelds zu uns zu reden. Habe mir die Portfolios angeschaut, wir sollten ein Vermögen von 1 Million USD erhalten.»

Nicht alle Kunden waren Millionäre. Je weniger Geld jemand der Bank brachte, desto besser mussten seine Kontakte sein. Damit konnte der Chef einer Kleiderboutique in Marseille punkten: «Kleiner Kunde bei uns, aber gutes Potenzial wegen seiner Mutter und seiner Brüder», notierte der Berater. Oder ein Klient in Barcelona, der rund 700'000 Dollar bei der Bank deponiert hatte: Trotz eines Herzinfarkts kurz zuvor lud er «seinen» Banker zum Dinner ein, begleitet von «mehreren Freunden und Geschäftspartnern». Als Dank offerierte die Bank ihm und seinem Sohn eine Einladung an ein Formel-1-Rennen. Der Kunde zeigte sich laut Eintrag in seiner Fiche «sehr erfreut». Den Bankern war klar, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegten. «Die Relationship Manager hatten spezielle Mobiltelefone, um diskret ihr Büro anrufen zu können, während sie im Ausland waren», sagt ein Ex-Angestellter der Bank zu baz.ch/Newsnet. «Eines Tages wurde einer am Zoll gestoppt. Danach durften sie keine Laptops mehr mitnehmen.»

«Offshore Outlet»

Der zweite Vorwurf der Franzosen an die Bank dreht sich um Steuerhinterziehung. Die HSBC soll ihren Kunden als «organisierte Bande» beim Verstecken von Steuergeld geholfen haben. Die Falciani-Files zeigen: Die HSBC funktionierte als eine Art «Offshore Outlet». Sie bot ihren Klienten «ab Stange» Gesellschaften in Steuerparadiesen an, um eine neue Abgabe zu umgehen. Ab Sommer 2005 mussten europäische Kunden von Schweizer Banken auf die Zinsgewinne ihrer Anlagen eine Steuer zahlen, zuerst 15 Prozent, später 35 Prozent. Es gebe aber «Möglichkeiten», diese Steuer zu umgehen, teilte die Bank ihren Klienten mit.

Was das bedeutete, schilderte ein Kunde den französischen Ermittlern. Er hatte knapp 400'000 Euro auf ein Konto eingezahlt: «Die Bank schlug mir vor, in Panama oder auf den britischen Jungferninseln eine Offshore-Firma zu übernehmen. Für solche Firmen galt die neue Steuer nicht. Den Namen ‹meiner› Offshore-Firma wählte ich auf einer Liste aus. Die Bank bereitete alle Papiere vor, ich musste nur noch unterschreiben. Es gab verschiedene Varianten, auch einen Trust oder eine Stiftung bot die Bank an, die Preise bewegten sich zwischen 2500 und 6000 Dollar pro Jahr. Ich entschied mich für die 2500-Dollar-Option.»

«Signifikante Strafe»

HSBC Schweiz entschied angesichts der Anschuldigungen, mit den französischen Behörden zu kooperieren. baz.ch/Newsnet liegen mehrere Einvernahmeprotokolle des Chefjuristen vor. Der sagte, die Bank werde sich überlegen, den Streit mit Frankreich mit einem Schuldeingeständnis zu beenden. Es wäre nicht die erste solche Anerkennung: In den USA hat HSBC Schweiz bereits im November 2014 eine Summe von 12,5 Millionen Dollar an die US-Börsenaufsicht bezahlt. Auch damals gab sie zu, dass ihre Berater ohne Bewilligung Kunden angeworben und betreut hatten.

Eine Einigung mit Frankreich würde nur eines von vielen Feuern löschen. In den USA wird das Justizdepartement wohl wegen Steuerdelikten eine Millionenbusse gegen die Bank verhängen, HSBC selbst rechnet mit einer «signifikanten Strafe». Und zwischen Madrid, Brüssel und Paris ist eine Ermittler-Allianz entstanden: Belgier und Spanier haben mit den Franzosen je ein gemeinsames Team gegründet und tauschen Beweismaterial aus. Spanien hat die Bank bislang nicht formell angeschuldigt; die belgischen Staatsanwälte dagegen taten dies im November 2014, fast im Gleichschritt mit Frankreich. Ein Blick in die Daten zeigt, dass die Banker 2004 und 2005 über 80-mal nach Antwerpen gereist waren. Viele Klienten waren Diamantenhändler – und auch sie interessierten sich für preiswerte Offshore-Konstrukte. Ein Banker notierte:
«Antwerpen, 2. 3. 05. Wir trafen die Kundin in ihrem Büro. Wir verkaufen ihr eine simple Panama-Gesellschaft für 1200 Dollar. Ich sagte ihr, dass wir sie warnen werden, wenn die Gesellschaft ihren Steuerzweck nicht mehr erfüllt [. . .]. Wir würden dann die Struktur entsprechend anpassen.»

Der HSBC-Chefjurist deutete in seiner Befragung vorsichtig an, auch den Streit mit Belgien einvernehmlich beenden zu wollen, wenn alle Fakten bekannt seien. Doch selbst dann wird die Bank die Akte Falciani noch nicht schliessen können. Die Kundenbetreuer arbeiteten auf vier Kontinenten, die baz.ch/Newsnet-Analyse offenbart Treffen in Marokko, Italien, der Türkei, Südafrika oder Israel. Viele dieser Länder haben die Falciani-Files bislang noch nicht erhalten; Frankreich scheint aber nach wie vor gewillt, die Daten mit anderen Staaten zu teilen.

Wie schnell es gehen kann, zeigt der Fall Argentinien: Ende September 2014 schickten die Franzosen die Daten, schon im November griffen die Steuerfahnder durch. HSBC habe für 4040 argentinische Kunden ein «Matrioschka-System» aus Offshore-Firmen aufgebaut, sagte ein Fahnder vor der Presse.

«Zidane», «Cruyf»

HSBC antwortete nicht auf Fragen von baz.ch/Newsnet zu den Reisen ihrer Relationship ­Manager. In einer allgemeinen Stellungnahme schreibt die Bank, die Schweizer Privatbankindustrie habe früher ganz anders funktioniert als heute. Man anerkenne «vergangene Compliance- und Kontrollfehler». Die Bank kooperiere mit den «relevanten Behörden», welche diese «Angelegenheiten» untersuchten.

Zu diesen «Angelegenheiten» gehört der Fall eines belgischen Börsenhändlers. Am 4. Januar 2005 speicherte ein HSBC-Banker folgenden Eintrag in der internen Datenbank: «Wir haben ein Verbot, den Kunden anzurufen. Er ruft immer uns an. Hat heute angerufen. Er nennt oft den Namen eines Fussballspielers («Zidane», «Cruyf»[sic]); will den Kaviarpreis wissen, das heisst, den Stand seines Vermögens.»

Der höchste «Kaviarpreis» 2006/2007 betrug exakt 1'249'672,00 Dollar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2015, 23:45 Uhr

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Belgien will Beweise

Staatsanwalt droht mit Haftbefehl

Die belgische Justiz hat gestern Montag im Verfahren gegen die HSBC Schweiz den Druck erhöht. Ein Staatsanwalt in Brüssel hat laut einem Communiqué vor zwei Monaten bei den Schweizer Behörden ein Rechtshilfegesuch gestellt. Bis heute habe man aus der Schweiz «noch keinerlei Antwort» erhalten. Der Staatsanwalt droht nun damit, gegen das frühere Direktorium der Bank internationale Haftbefehle auszustellen, sollte keine «wirksame Kooperation» mit der Schweiz möglich sein. Eventuell würden die Haftbefehle auch auf das aktuelle Management ausgeweitet. Hintergrund ist die Untersuchung gegen HSBC Schweiz wegen Steuerhinterziehung und illegaler Ausübung von Finanzaktivitäten, die seit dem 17. November 2014 läuft. Einen Teil der Informationen haben die belgischen Behörden von der Bank selbst erhalten; andere sind nur über den Rechtshilfeweg erhältlich. Das Bundesamt für Justiz bestätigte am Montag gegenüber dem TA den Eingang des Gesuchs. Es werde zurzeit geprüft, sagte ein Sprecher. Die Prüfung sei aber noch nicht abgeschlossen, weshalb auch noch keine Antwort erfolgt sei.

HSBC Schweiz nahm zur Drohung keine Stellung. CEO Franco Morra ergänzte in einem gestern verschickten Statement nur die Position, welche die Bank bereits publik gemacht hatte: «Wir haben keinen Appetit auf Kunden, die unsere Compliance-Standards nicht einhalten. Die aktuellen Enthüllungen sind eine Erinnerung daran, dass das alte Geschäftsmodell des Schweizer Private Banking nicht länger akzeptabel ist.» (ms)

Swissleaks

Seit September 2014 analysieren rund 140 Journalisten Kundendaten der Privatbank HSBC Schweiz. Federführend ist das Inter­national Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Ab dem 9. Februar 2015 publizieren über 40 Medien ihre Recherchen, darunter «Le Monde», «Süddeutsche Zeitung», «Guardian», BBC und CBS. In der Schweiz sind der «Tages-Anzeiger», «Der Bund», «SonntagsZeitung», «Le Matin Dimanche», «L’Hebdo» und «Le Temps» beteiligt. Die Schweizer Recherchen werden auch auf www.swissleaks.net veröffentlicht.

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