Transport-Chaos wegen Deutschland

Der Dienstleister für Güterverkehr, Hupac, spricht schon jetzt von einem «gigantischen Umsatzausfall» der Branche.

Trasse ist bei einer Untertunnelung abgesackt. Die Folgen des Bahnunterbruchs bei Rastatt sind immens.

Trasse ist bei einer Untertunnelung abgesackt. Die Folgen des Bahnunterbruchs bei Rastatt sind immens. Bild: Keystone

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Die Folgen des Unterbruchs der Eisenbahnstrecke bei Rastatt in Deutschland sind für den Gütertransport in und durch die Schweiz weitaus gravierender als bisher öffentlich bekannt. Sie sind auch weitaus schlimmer als beim Personentransport. Dies zeigen Auskünfte von Dienstleistern und Betroffenen. Mit zunehmender Dauer des Unterbruchs dürfte sich somit die Verharmlosung von offizieller deutscher Seite nicht länger aufrechterhalten lassen, man habe es mit einer «technischen Störung» zu tun, wenn auch mit einer schweren. Denn gestern sickerte vonseiten der DB Netz AG durch, es sei ungewiss, bis wann der Streckenunterbruch repariert sei. Vorsichtig heisst es, «vor 26. August» werde dies nicht der Fall sein. Krisenkommunikation scheint weder die Stärke der Deutschen Bahn und des Netzbetreibers zu sein, noch von der Regierung Baden-Württemberg oder der Bundesrepublik.

«Gravierende Folgen für Kunden»

Unterbrochen ist mit dem Versagen deutscher Tunnelbauer mit ihrer gescheiterten Gleis-Unterquerung bei Rastatt nichts anderes als eine Hauptarterie – also eine zentrale Nord-Süd-Bahnverbindung und eine der wichtigsten Gütertransportstrecken in Europa überhaupt. Zunehmend desillusioniert gibt sich SBB Cargo. Gestern hiess es, es fehle an alternativen Gütertrassen. Zudem stünden auf den Alternativrouten nicht genügend Lokomotiven und Lokführer zur Verfügung. Im Alltag gestresster Transportdisponenten heisst dies: überall auf der Nord-Süd-Achse stauen und verspäten sich Waren in unzähligen Containern.

Hupac ist ein wichtiger Transportdienstleister mit Sitz in Chiasso. Das Logistik- und Transportunternehmen für den kombinierten Verkehr Strasse/Schiene betreibt auch in Basel einen operativen Standort. Was Sprecherin Irmtraut Tonndorf auf Anfrage berichtet, lässt erahnen, mit welchen Problemen sich derzeit Transporteure, Disponenten und Verantwortliche in der Schweiz und in anderen Ländern Europas herumschlagen.

Gegen 5500 Wagenmodule bewegt Hupac pro Tag. «Über 70 Prozent unserer Züge bedienen Kunden, deren Ladungen über den betroffenen Hauptverkehrskorridor befördert werden», sagt Tonndorf. Betroffen seien die Hupac-Verbindungen Benelux-Schweiz/ Italien, Deutschland-Schweiz/Italien und Skandinavien-Schweiz/Italien. «Ein Unterbruch der Güterströme hat gravierende Folgen für die Endkunden», erklärt die Hupac-Sprecherin. Damit das Netzwerk zumindest teilweise aufrechterhalten werden könne, arbeite man «in enger Zusammenarbeit mit Kunden und Bahnpartner» an Umleitungen und Alternativen.

Massiv weniger Umsatz

Das Logistikproblem mit Tausenden Tonnen gestrandeter und verspäteter Güter wird sich nächste Woche wohl noch zuspitzen. Denn noch ist in Italien Hauptferienzeit. Viele Firmen haben geschlossen. «Ferragosto» geht zu Ende. Ab nächster Woche sollten eigentlich statt derzeit 50 Hupac-Züge pro Woche 60 bis 70 Züge täglich die derzeit unterbrochene Strecke befahren. Dies wird aber nicht der Fall sein. Vor dem 26. August geht auf dem Hauptkorridor Karlsruhe–Basel sicher rein gar nichts.

Betroffen ist auch die Schweiz direkt. Betroffen seien insbesondere Hupac-Kunden der Verbindung Köln–Aarau. Die Hupac-Züge Antwerpen–Basel können derweil linksrheinisch verkehren, also über Frankreich. Das ändert nichts am Umstand, dass viele Branchen und Abnehmer in Italien, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, in Skandinavien und sogar in Polen und Russland betroffen sind.

Der Schaden lässt sich noch nicht beziffern. Tonndorf spricht von einem «gigantischen Umsatzausfall plus Mehrkosten wegen Ineffizienzen». Einzuberechnen sind auf der Ausfallseite auch «Massnahmen zur Krisenbewältigung bei allen Partnern der Logistikkette», so Tonndorf. «Wir sind von der Blockierung in Deutschland ebenfalls betroffen», sagt Luzi Weber der Migros – auch wenn man den Vorteil habe, dass rund 50 Prozent der Migros-Container über Südhäfen wie Genua in die Verteilzentren der Migros kommen. Weber: «Betroffen sind Güter aus allen Bereichen des Sortiments – von der Grapefruit bis zum Weihnachtsschmuck.» Aktuell prüfe man mögliche Alternativen.

Man habe bereits damit angefangen, gewisse Lieferungen via Lastwagen in die Schweiz zu bringen. Andere Ausweichmöglichkeiten seien der linksrheinische Bahnkorridor, über den die Migros heute schon Bananen in die Schweiz führen lässt, oder die Rheinschifffahrt. Weber erwartet «Verzögerungen, aber keine Lieferengpässe».

«Wir setzen seit Längerem vermehrt auf den Rhein als Transportweg, daher sind wir von der aktuellen Sperrung der deutschen Rheintalstrecke nur punktuell betroffen», sagt derweil Coop-Sprecherin Andrea Bergmann. Bei Lidl heisst es demgegenüber kurzum, man sei vom Streckenunterbruch nicht betroffen. Philippe Vetterli von Aldi Suisse hält fest: «Wir haben Rücksprache mit zahlreichen Lieferanten betreffs der Sperrung der Rheintalbahnstrecke gehalten und uns im Logistikbereich organisiert.» Grössere Einschränkungen und daraus resultierende finanzielle Einbussen seien für Aldi derzeit nicht zu erwarten.

Kein Konzept für diese Krise

Die Verantwortlichen von BLS Cargo sehen sich aufgrund des Streckenunterbruchs ähnlich wie Hupac vor erheblichen Problemen. BLS Cargo fährt etwa 400 Züge pro Woche, wovon 140 von der Sperre betroffen waren oder sind. «Pro Zug sind das mehrere Hundert Tonnen Güter, vom WC-Papier über Wein bis zu Teilen für die produzierende Industrie. Blockiert sind derzeit noch einige wenige Züge», sagt Stefanie Burri, Kommunikationschefin bei der BLS Cargo AG. Das Unternehmen ist zu über 90 Prozent im Transitgeschäft durch die Schweiz tätig.

Burri hält fest, es gebe von DB-Netz kein Umleitungskonzept. Dies bedeute, man müsse bei der BLS Cargo AG zusammen mit Bahnpartnern im Ausland selber Alternativen erarbeiten. Das Problem: Ausweichrouten, etwa via Stuttgart–Singen–Schaffhausen oder via Frankreich kosten mehr Geld. «Nicht jeder Kunde ist bereit, diese Mehrkosten zu übernehmen», sagt Burri.

Über die Frage, ob die Deutsche Bahn respektive DB-Netz für entstandene Schäden aufkomme, herrscht Unsicherheit. «Diese Frage stellen wir uns auch», sagt Stefanie Burri von der BLS. Die Frage werde man gemeinsam mit den Bahnpartnern DB-Netz «konkret stellen». Ähnlich die Bemerkung dazu von Irmtraut Tonndorf für die Hupac Intermodal SA. «Gute Frage», meint sie. Priorität sei jetzt erst einmal, die Normalität der Infrastruktur so schnell wie möglich wiederherzustellen.

Prinzipiell sei der Infrastrukturbetreiber aber ein vollwertiger Partner der Logistikkette, dessen Aufgabe es sei, die Funktionalität der Schienenstrecken zu garantieren. «Wenn dies nicht der Fall ist, abgesehen von höherer Gewalt, wäre es korrekt, in Zukunft ein Haftungsprinzip zu definieren», so Tonndorf. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.08.2017, 07:25 Uhr

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