Verstehen Sie Vollgeld?

Das Leben als Stimmbürger ist anspruchsvoll, um nicht zu sagen: anstrengend.

Helvetia und Wilhelm Tell. Verkleidete Initianten enthüllen zum Kampagnenstart im März das Abstimmungsplakat.

Helvetia und Wilhelm Tell. Verkleidete Initianten enthüllen zum Kampagnenstart im März das Abstimmungsplakat. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zu allem Möglichen und Unmöglichen haben Sie sich, liebe Stimmbürgerin, lieber Stimmbürger, in den vergangenen Jahren an der Urne äussern müssen. Man wollte Ihre Meinung erfahren zur Einführung eines «bedingungslosen Grundeinkommens». Man verlangte Ihnen ein Urteil ab zur Initiative für eine «nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft». Man hat Sie gezwungen, sich über die «Rettung des Schweizer Goldes» Gedanken zu machen und über «gerechte Löhne».

Jedes Mal mussten Sie zuvor die oft nicht leichte Materie studieren; jedes Mal hatten Sie Pro und Kontra abzuwägen; jedes Mal mussten Sie einen Entscheid fällen. Bestimmt werden Sie ein paar tiefe Seufzer gemacht haben. Ja, das Leben als Stimmbürger ist anspruchsvoll, um nicht zu sagen: anstrengend.

Nie aber war es anstrengender als in diesen Tagen. Am 10. Juni sind Sie wieder gefragt. Es geht um die Volksinitiative mit dem Titel «Für krisensicheres Geld: Geldschöpfung allein durch die Nationalbank!».

Sie haben Mühe

Sie haben es – die Interpunktion im Titel liefert den Hinweis – mit einem Vertreter der seltenen Gattung der imperativen Initiative zu tun, wie sie hierzulande vor knapp 30 Jahren erstmals in Erscheinung getreten ist. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1989 kamen, das muss ich hier noch rasch loswerden, sämtliche Volksbegehren ohne Ausrufezeichen aus. Sogar die Armee-Abschaffungs-Initianten haben darauf verzichtet, obwohl ihr Ansinnen derart radikal war, dass in diesem Fall der Gebrauch des Ausrufezeichens für einmal angebracht gewesen wäre.

In der Geschichte der Volksbegehren tritt das Ausrufezeichen erstmals 1990 auf. Es hatte den Charakter eines staatsbürgerlichen Appells: «Für eine Begrenzung des Strassenbaus!» hiess das Anliegen, über das damals abzustimmen war. In den nächsten Jahren wurden weitere dringliche Wünsche deponiert: «Weg vom Tierversuch!», «Energie statt Arbeit besteuern!», «Mehr Wachstum für die Schweiz!», «Staatsverträge vors Volk!» oder «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln!». Bemerkenswert ist, dass die Stimmenden ihre Ausrufezeichen in diesen Fällen anders setzten, als es die Urheber gewünscht hatten: Sie lehnten diese Initiativen rundweg ab. Vielleicht aus Trotz, weil sie die Interpunktion, die einen unangenehm erzieherischen Beigeschmack hat, an gewisse Lehrer erinnerte, die ihre Korrekturen auf Prüfungsarbeiten mit vorwurfsvollen Ausrufezeichen zu garnieren pflegten.

Sie kennen Bargeld – aber Vollgeld?

Den «Verein für monetäre Modernisierung», der Sie nun zwingt, in vier Wochen wieder einmal Ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachzukommen, schreckt das alles nicht ab. Er hofft wohl, der Imperativ verleihe seinem Anliegen Nachdruck; er glaubt, dank dessen appellativen Charakters würden Sie ein Ja auf Ihren Stimmzettel schreiben: Geld schöpfen soll die Nationalbank! Nur die Nationalbank! Ausschliesslich die Nationalbank! Niemand sonst als die Nationalbank! Allein! Die! Nationalbank! Fertig! Schluss!

Aber Sie werden das nicht tun. Sie haben ja schon Mühe, den Titel der Initiative zu buchstabieren: «Für-krisensicheres-Geld – Geldschöpfung-allein-durch-die-Nationalbank!» – da bekommen Sie Atemnot, da wird Ihnen schwindlig. Selbst der populärere Kurzbegriff «Vollgeld-Initiative» dürfte Ihnen die Luft abschnüren.

Vollgeld? Sie kennen Bargeld, Sie kennen Papiergeld, Sie haben schon vom Buchgeld gehört, Sie selber besitzen kein Geld, ein bisschen Geld oder ganz viel Geld – aber Vollgeld?

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert Vollgeld als «System, das Geld als gesetzliches Zahlungsmittel eines Währungsraums umfassend regelt». Doch erstens hilft Ihnen als Laie diese Definition nicht weiter. Zudem warnt Wikipedia, der Text habe «inhaltliche und formale Mängel».

Sie trauen also der Sache zu Recht nicht. Schlimmer noch: Je mehr Sie über das Thema nachdenken, umso weniger verstehen Sie es.

Sie sind nicht allein

Irgendwie ahnen Sie, dass Geld letztlich nur ein Versprechen in Form eines bunt bedruckten Fetzens Papier ist, mit dem man sich einen materiellen Gegenwert erkauft. Aber wo das Problem liegen soll, wenn Geschäftsbanken mit elektronischem Geld wirtschaften dürfen und die Nationalbank kein Geld-Monopol hat, können Sie sich nicht wirklich erklären. Sie wissen nur, dass Geld die fatale Eigenschaft hat, schnell wegzuschmelzen, wenn man es am dringendsten braucht.

Das alles mag Sie deprimieren. Aber Sie sind nicht allein. Sogar Finanzminister Ueli Maurer, der sich tagein, tagaus mit Zahlen befasst, gestand, es sei «ziemlich anspruchsvoll», zu erklären, was die Initianten anstreben. Wenn man Sie also fragt: Verstehen Sie Vollgeld?, dürfen Sie mit gutem Gewissen antworten: Nein.

Die Initianten schreiben: «Vollgeld ist der Schweizer Franken der Nationalbank. Heute sind nur Münzen und Banknoten gesetzliches Zahlungsmittel. Diese machen aber bloss zehn Prozent der umlaufenden Geldmenge aus. Etwa 90 Prozent sind elektronisches Geld, das die Banken per Knopfdruck selber schaffen, um damit ihre Geschäfte zu finanzieren.»

Das eidgenössische Finanzdepartement veranstaltete ein Vollgeld-Theorie-Seminar für Bundeshaus-Korrespondenten, in der Hoffnung, diese könnten anschliessend über ihr Medium der Öffentlichkeit darlegen, wo das Problem angeblich liegt. Doch die meisten haben kapituliert. So wie Sie. Sie brachten es nicht einmal fertig, den Status quo zu erklären. In ihrer Not griffen sie zum Argumentarium der Initianten und kopierten fleissig den Satz vom Geld, das die Banken «per Knopfdruck» schaffen.

Bei der Sonntags Zeitung klang das dann so: «Gibt die Bank Kredit, schreibt sie dem Kunden das Geld per Knopfdruck auf dem Konto gut. Sie schafft damit neues Geld, das vorher nicht in der Welt war.» Das St. Galler Tagblatt erklärte: «Über 90 Prozent der Geldmenge sind sogenanntes Buchgeld, das die Banken per Knopfdruck selbst schaffen.» Der Blick schrieb: «Wer heute bei einer Bank einen Kredit von zum Beispiel einer halben Million Franken aufnimmt, erhält den Betrag nicht in bar, sondern elektronisch auf ein Konto gutgeschrieben. Per Knopfdruck entsteht so neues Geld.» Und in der Südostschweiz hiess es: «Buchgeld entsteht durch die Kreditvergabe von Geschäftsbanken, per Knopfdruck.»

Sie werden Nein sagen

Peter Hablützel, ehemaliger Chef des Bundes-Personalamts und Unterstützer der Vollgeld-Initiative, hat erklärt, die Vollgeld-Initiative ziele auf den «mysteriösen Kern des Kapitalismus». Sie werden zum Schluss kommen, dass dieser Kern mysteriöser wird, je mehr Sie darüber lesen.

Das Leben als Stimmbürger ist anspruchsvoll, um nicht zu sagen: anstrengend. Sie werden darum am 10. Juni ein kraftsparendes Nein einlegen, und Sie dürften nicht allein sein: Die SRG-Trendumfrage vom 4. Mai nahm das Resultat vorweg: «Die Initianten werden einen schweren Stand haben. Der Problemdruck ist schlichtweg zu gering.» Falls in den paar Wochen vor der Abstimmung nichts Unerwartetes mehr passiere, sei «nur ein Szenario» wahrscheinlich: «die Ablehnung».

Am 23. September haben Sie es, liebe Stimmbürgerin, lieber Stimmbürger, übrigens wieder einfacher: Die Velo-Initiative kommt zur Abstimmung. Sie müssen sich dann angesichts der Schlichtheit des Themas nicht den Kopf zerbrechen und können mit beiden Rädern auf dem Boden der Realität bleiben, statt sich mit einer ökonomischen Theorie beschäftigen zu müssen – einer Theorie, von der nicht einmal die Promotoren wissen, ob sie in der Praxis funktionieren würde, weil sie weltweit bisher niemand in die Tat umgesetzt hat. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 10:01 Uhr

Artikel zum Thema

Vollgeld ist urschweizerisch

Kommentar Die These, die Vollgeld-Initiative sei vom Ausland fremdgesteuert, ist falsch – eine Replik. Mehr...

Die Schweiz als Versuchslabor

Ausländische Politaktivisten unterstützen die Vollgeld-Initiative. Sie wollen testen, ob ihre Theorie in der Praxis taugt. Mehr...

«Jeder soll 1000 Euro pro Monat erhalten»

Der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar will ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...