«Wer die Menschen ständig erziehen will, ist kein aufklärerischer Geist»

Frank A. Meyer prägt seit einem halben Jahrhundert den Schweizer Journalismus. Seine Kolumne im Sonntags-Blick ist bis heute ein Ereignis. Ein Gespräch über Leben und Arbeit.

«Ich liebe nun einmal Bürgerlichkeit»: Frank A. Meyer in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg.

«Ich liebe nun einmal Bürgerlichkeit»: Frank A. Meyer in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Bild: Antje Berghäuser

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BaZ: Herr Meyer, wir sind hier bei Ihnen zu Hause in Berlin-Charlottenburg. Sie haben uns eben Ihre Wohnung und Ihre Aussicht über die Dächer gezeigt. Das ist ein beeindruckendes Refugium, das Sie sich geschaffen haben. Dennoch die Frage: Warum leben Sie hier, in dieser Wohnung, in dieser Stadt?
Frank A. Meyer: Ich habe sieben Jahre im Villenquartier Dahlem gelebt. Dann wollten meine Frau Lilith Frey und ich zurück in die Stadt, mitten ins Häusermeer. Allerdings liegt die Wohnung an einer ruhigen Strasse. Ich gehe aus dem Haus und bin nach genau 160 Schritten am Kurfürstendamm – mittenmang, wie die Berliner sagen.

Mittenmang?
Mittendrin. Doch was heisst das? Berlin ist ja eine Stadt der Städte, mit zahlreichen Zentren und Kiezen, wie es hier heisst. Wenn Sie Unter den Linden spazieren gehen, spüren Sie die monarchische Vergangenheit. Von da fuhr der preussische Adel mit der Kutsche in den Tiergarten zur Jagd. Charlottenburg dagegen ist bürgerlich geprägt. Mein Haus ist typisch für die Architektur des Wilhelminismus, mit zwei Flügeln und einem Innenhof. Eigentlich sind das keine Wohnungen, sondern gestapelte Häuser. Das Bürgertum hat sich mit dieser Wohnform städtisch installiert. Das gefällt mir. Ich liebe nun einmal Bürgerlichkeit.

Berlin gilt nicht gerade als bürgerliche Stadt. Weshalb sind Sie nicht nach München oder Hamburg, wo die bürgerliche Lebensart viel präsenter ist?
Berlin ist das Zentrum der deutschen Politik. Und damit ein Zentrum international wirkungsmächtiger Politik. Das hat mich fasziniert und angezogen. Dann kommt hinzu, dass Berlin Geschichte verkörpert: Preussenzeit, Wilhelminismus, Weimarer Republik, Nazizeit, das Westberlin des Kalten Krieges, Ostberlin als Hauptstadt der DDR, Wiedervereinigung, neues Berlin. Jeder Spaziergang wird zur historisch-politischen Archäologie im Tagebau: Man geht durch Geschichte. Das gibt es nirgendwo sonst.

Auch nicht in anderen geschichtsträchtigen Städten wie Paris?
In Paris finden Sie abgeschlossene Geschichte, gewaltig, wunderschön. Berlin dagegen ist noch voller Wunden, nicht ästhetisiert. Sie sehen Bauten mit Spuren der Eroberung durch die Rote Armee, Einschusslöcher von Maschinengewehrsalven an Gebäuden, als läge der Häuserkampf nicht 73 Jahre zurück. Ich werde immer mal wieder gefragt, weshalb ich die Schweiz für Deutschland verlassen habe. Meine Antwort lautet: «Ich bin nicht nach Deutschland gezogen, sondern nach Berlin.»

Inzwischen leben Sie seit vielen Jahren hier. Hat sich die Stadt verändert?
Berlin ist verludert. Ich kenne keine nordeuropäische Metropole, die schlechter regiert wird als Berlin.

Tatsächlich?
Ja, das ist so. Ich lebe privilegiert auf einer Insel der Bürgerlichkeit, da sieht man viele Dinge nicht. Aber ich stosse darauf, sobald ich meinen Kiez verlasse. Es ist beschämend, wie Deutschland seine Hauptstadt verkommen lässt. Doch es sind die Wähler, die diese Wahl getroffen haben.

Die Stadt verludern zu lassen?
Berlin hat eine rot-rot-grüne Regierung. Das halte ich für fatal. Vor allem für die Grünen sind Menschen, die ein durchschnittliches und fleissiges Leben führen, nicht der Rede wert. Wer nicht hinnehmen will, dass sein Kind in einer Schule mit siebzig oder neunzig Prozent Migrantenkindern einen Startnachteil hat, ist für Rot-Rot-Grün ein Spiesser. Spiesser sind für diese Parteien auch alle, die sich über die Unsicherheit in den Parks und am Abend in den U-Bahn-Stationen beschweren. Man muss in Berlin schon einen Migrationshintergrund aufweisen, um Zuwendung zu erfahren. Es geht dieser Koalition vor allem um Minderheiten und deren spezifischen Bedürfnisse: um Multikulti.

Sie finden also, die Linke betone heute mehr das Trennende, weniger das Verbindene?
Ein Teil der Linken auf jeden Fall – diese Einschränkung ist mir wichtig. Ich meine vor allem die Grünen, die, sieht man genau hin, eine rechte Partei sind: romantisch, moralisch überheblich und von einem lutheranisch-deutschen Erziehungsfuror erfasst. Diese Linke – nicht die bürgerliche Sozialdemokratie! – ist identitär: Sie lehnt die Idee einer verbindlichen Leitkultur ab und hält kulturelle Identitäten für gesellschaftsstiftend. Das beste Beispiel ist ihr Umgang mit dem Islam. Grüne und reaktionäre Linke argumentieren mit der Religionsfreiheit, wenn sie begründen wollen, weshalb wir den autoritären Patriarchalismus und das aggressive Machogehabe des Islam zu tolerieren haben.

Die Religionsfreiheit ist immerhin ein verbrieftes Recht...
Ich bitte Sie! Die Religionsfreiheit hat sich der Freiheit des Einzelnen absolut unterzuordnen. Der Ursprung der Aufklärung ist die Religionskritik. Wie sagte Voltaire? «Écrasez l’infâme!» Wenn wir als Gesellschaft beschliessen, Burka und Niqab zu verbieten, kann sich niemand auf die Religionsfreiheit berufen.

Und auf die Freiheit des Einzelnen, sich verhüllen zu dürfen?
Die Ganzkörperverhüllung ist religiös verordnete Unterdrückung der Frau – Auslöschung ihrer Persönlichkeit. Der Trick der Religion, letztlich jeder Religion, besteht darin, Unterdrückung zur Selbst-Unterdrückung zu machen: Weil ich glaube, unterwerfe ich mich. Was hat dieser manipulative Mechanismus mit Freiheit zu tun?

Dann bevorzugen Sie den französischen Ansatz: dass der Staat in die Kleiderordnung eingreift, keinen Religionsunterricht anbietet und so weiter.
Nein, so weit gehe ich nicht. Ich gehöre zwar keiner Kirche an, stelle aber fest, dass Kirchen viel Gutes tun. Es geht mir vor allem um den Islam. Wo er vorherrscht, ist ökonomisch, kulturell und wissenschaftlich nichts Erfreuliches im Gange, von Demokratie und Rechtsstaat nicht zu reden. Der Islam gehört nicht zu Deutschland oder zur Schweiz, wie gesagt wird – er ist uns fremd und letztlich feindlich. Aber die Muslime, die hier sind, die Menschen islamischen Glaubens, die gehören natürlich zu uns.

«Ich bin frank. Das ist ja eine Eigenschaft. Ich bin direkt und setze mich mit meinen Ideen aus.»

Die Menschen sind gleich, die Kulturen sind es nicht?
So ist es! Die eine Kultur, die islamische, ist um Jahrhunderte verspätet, die andere, unsere christlich-jüdische, ist ein Weltwunder.

Hm.
Wieso «Hm»?!

Das ist ein interessanter Gedanke: die westliche Kultur als Weltwunder...
(Zieht sein iPhone aus der Tasche) Das da ist unsere Zivilisation auf die kleinste Form gebracht. Wir alle kennen die gesellschaftlichen und kulturellen Probleme, die sich aus dem Digitalismus ergeben, doch dieses Wunderwerk modernster Technologie konnte nur die westliche Zivilisation entwickeln.

Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Ich lasse alles offen. Manchmal habe ich das Bedürfnis nach einem Gebet, dann bete ich. Und wenn ich in meinem Haus in der Provence bin und am Abend den Sternenhimmel betrachte, begrüsse ich meinen Vater, der auf dem ersten Stern sitzt.

Was sagen Sie ihm?
«Guten Abend, Papa» – das sage ich laut. Oder ich trete frühmorgens mit der Kaffeetasse auf die Terrasse und begrüsse den heraufziehenden Tag. Ich reklamiere auch, wenn es ständig regnet: «Morgen solltest du dich ein bisschen besser präsentieren», mahne ich dann. Wenn Sie das spirituell finden, irgendwie indianerhaft, dann ist das wohl nicht ganz falsch.

Animistisch...
Ja, genau! Religion ist in uns. Wir projizieren sie nach aussen. Ich grüsse in Berlin mit «Grüss Gott». Darauf reagieren die meisten verblüfft.

«Grüss Gott» ist ja auch ein alpenländischer Gruss.
Der liebe Gott, wenn wir uns denn schon auf ihn einlassen, sitzt ja nicht nur in den Alpen. Er ist überall, gehört uns allen, ob man ihn Allah nennt oder Christus.

Hätten Sie uns mit «Grüss Gott» begrüsst, wären wir wohl auch überrascht gewesen. Es ist ja eher ein bayrisch-österreichischer Gruss.
Ich weiss nicht, wo der herkommt.

Jedenfalls aus katholischen Gebieten.
Das Katholische ist mir ja auch nicht fremd in meiner Lust, das Leben zu feiern. Eher schon das Protestantische, vor allem das Oberlehrer-Luthertum, das mit der Wiedervereinigung ganz Deutschland erfasst hat und auch Berlin prägt. Wenn ich «Grüss Gott» sage, ist das mehr als ein Gruss, fast schon ein Gesprächsangebot.

Als wir uns Ihre alten Fernsehinterviews anschauten, fiel uns auf, dass Sie oft mit der Frage nach dem Namen Ihres Gastes begannen. Geschah das ebenfalls in der Absicht, das Gegenüber zu verblüffen – eine Reaktion zu provozieren, die nicht vorherzusehen war?
Das haben Sie gut beobachtet. Es ist ein wunderbarer Einstieg, denn es ist eine sehr intime Frage, die keiner als zu intim empfindet. Jeder redet über seinen Namen. Die Frage wird ohne Scheu beantwortet, und damit ist man schon ganz nah beim Menschen, den man interviewt. Alles weitere ergibt sich dann leichter.

Sie heissen Frank. Das ist für einen Schweizer kein gewöhnlicher Name.
Nomen est omen: Ich bin frank. Das ist ja eine Eigenschaft. Ich bin offen, direkt und setze mich aus mit meinen Ideen und Meinungen. Der Name passt perfekt. Ein Glück! Ich habe ja nur diesen einen, keinen zweiten, wie ich immer wollte. Das A. steht für André, den Mädchennamen meiner Mutter. Eine Hommage à ma mère.

Haben Sie den Mittelnamen zivilrechtlich eintragen lassen?
Nein. Aber das Ganze ist eine Marke geworden. Aus Meyer eine Marke zu machen, ist eigentlich eine Lebensleistung. Es gibt Leute, die meinen, ich heisse Frankameyer. Die sagen dann: «Guten Tag, Herr Frankameyer».

Und Ihre Familie und Ihre Freunde? Wie nennen die Sie?
Als Kind war ich der Frankli. Das war der Rufname, weil man einen einsilbigen Namen nicht so gut rufen kann. Kürzlich traf ich einen Schulkameraden, den ich wohl 60 Jahre nicht gesehen hatte. Er begrüsste mich mit «Tschau, Frankli». Heute bin ich der Frank. Ausser für meinen Enkel, der mich Fränkie nennt. Und dann gibt es Kosenamen, aber so weit wollen wir hier nicht gehen.

Hat der Name in Ihrer Familie eine Tradition?
Nein, meine Mutter wählte ihn, weil er ihr gefiel. Sie selbst hiess Lydia, ein wunderschöner Name. Und sie war ebenso schön. Meine Schwester heisst Judith.

Ein biblischer Name.
Ja, aber ich weiss nicht, ob das Absicht war. Allerdings stammt meine Mutter aus einer Familie von Glaubensflüchtlingen.

Von Hugenotten?
Genau. Ihre Familie ist in La Scheulte im Jura naturalisiert worden. Sie verfügte über viel französische Sensibilität, obschon sie deutschsprachig war. Damit hat sie mich beeinflusst.

Dass Sie einen Sprachberuf ergriffen haben, könnte das damit zu tun haben?
Das glaube ich nicht. Ein Lehrer hat entdeckt, dass ich schreiben kann. Er kam zu uns nach Hause und sagte meinen Eltern, ich müsse studieren. Ich war aber ein klassischer Schulversager, weil ich sehr früh andere Interessen pflegte, vor allem Lesen statt Aufgaben machen, auch schon politische Belletristik, zum Beispiel Remarque. Mein Vater wies mir den Weg: «Du wirst Schriftsetzer, dann kannst du für eine Zeitung arbeiten und bist nah an der Politik.» Mein Vater war Uhrmacher. Schriftsetzer und Uhrmacher galten einst als Arbeiteraristokratie.

Beides Präzisionsberufe...
Ja, und der Schriftsetzer war auch ein Gestalter. Das Gestalten in Blei zwingt zu grösster Disziplin, zur Ordnung im Denken und am Arbeitsplatz. Der Typograf hatte es mit materialisierter Sprache zu tun. Noch heute nehme ich, wenn ich schreibe, die Sätze in die Hand. Schreiben ist für mich ein Handwerk, ein Denkhandwerk.

Sie wägen jedes Komma?
Das Gewicht, das die Wörter und Sätze damals physisch und haptisch hatten, haben sie für mich heute noch im übertragenen Sinn: Ich wäge meine Wörter und Sätze in der Hand, wie damals die Bleizeilen.

Schreiben Sie am Computer?
Aber natürlich! Es ist wunderbar, wie man da mit den Sätzen spielen kann. Ausschneiden, Einfügen. Kopieren, Einfügen. Löschen. Neu schreiben. Sie können am Computer sehr leicht komponieren. Ich inszeniere meine Inhalte. Auch durch Rhythmen. Zum Beispiel setze ich ein «und» nach dem anderen zu einem flüssig-weichen Ablauf, dann wechsle ich unvermittelt zu Stakkato-Sätzen oder setze einen Abschluss mit einem einzigen Wort auf einer einzelnen Zeile. Dieses Komponieren bereitet mir grosse Lust. Allerdings leide ich, bevor ich die ersten Formulierungen gefunden habe. Erst wenn der Text gelungen ist, bin ich glücklich.

«Indem ich Nein sage zum Islam und anderen Ideologien, verteidige ich die Demokratie.»

Entstehen am Computer bessere Texte als an der Schreibmaschine?
Kürzlich las ich etwas, das ich mit neunzehn für die Seeländer Volkszeitung geschrieben hatte. Ich verfasste dort eine Kolumne unter dem Titel «Blick zurück ohne Zorn». Und wissen Sie was? Ich hätte an diesem Text meiner frühen Jahre nichts zu ändern, kein Komma. Jetzt können Sie natürlich sagen, der Mann habe sich nicht entwickelt…

Wir staunen eher, dass ein 19-Jähriger eine Kolumne hatte, die «Blick zurück ohne Zorn» hiess.
Ich war wohl etwas frühreif. Der Titel der Kolumne bezieht sich auf ein Theaterstück von Osborne: «Blick zurück im Zorn». Ich war, wie Sie daraus ersehen, kein junger Zorniger.

Sie sagen, Sie schreiben immer noch so wie einst. Hat sich Ihre Sprache nicht verändert, seit Sie in Deutschland leben? Das schweizerische Hochdeutsch ist ja ein anderes als das deutsche.
Nein. Wenn die Schweizer ihre angeborene Scheu überwinden, Deutsch zu formulieren, schreiben sie oft besser – schöner! – als die Deutschen. Für die Deutschen ist das Hochdeutsche die Muttersprache, für uns ist es die Landessprache, also eine Bewusstheitssprache, wohingegen die Muttersprache immer eine Unbewusstheitssprache ist. Der Übersetzungsprozess führt dazu, dass wir besser schreiben. Das sehen Sie, wenn Sie Heinrich Böll mit Friedrich Dürrenmatt oder Max Frisch vergleichen. Oder mit Thomas Hürlimann, Peter Bichsel oder Adolf Muschg. Schweizer Prosa ist grossartige Prosa! Ein wunderbarer Poet ist freilich auch mein Freund Martin Walser. Aber der lebt am Bodensee – und ist also fast ein Schweizer.

Was zeichnet gutes Schreiben aus?
Das ist jetzt eine schwierige Frage.

Sie erwähnten den Rhythmus.
Es gibt verschiedene Aspekte. Nehmen wir Thomas Mann. Er hält immer Distanz, mit einer feinen Ironie, die alles durchzieht. Das ist sein Ton, seine Musik. Und wenn ich Musik spüre wie bei Thomas Mann, ist es gelungene Sprache. Es kann auch aggressive Musik sein. Rap beispielsweise ist musikgetriebene Sprache.

Hören Sie das?
Das dröhnt ja vielerorts aus dem Lautsprecher.

Auch hier bei Ihnen zu Hause?
Nein, das nicht. Das ist mir jetzt eingefallen, weil Sie danach fragten. Im Gespräch kommt man ja auf Gedanken, die man sonst nicht hätte. Darum sind Gespräche so wichtig.

Sie haben einmal gesagt, Ihr bedeutendster Gesprächspartner sei ein Schriftsteller gewesen: Manès Sperber.
Er war für mich enorm wichtig. Ich habe ihn durch Richard Reich kennengelernt.

Den freisinnigen Nationalrat?
Ja, das gabs einmal! Politiker, die in der Literatur zu Hause waren. Richard Reich, der Wirtschaftsvertreter, Raymond Broger, der Appenzeller Landammann, Leo Schürmann, der Richter, Preisüberwacher, Gesetzemacher und Nationalbank-Generaldirektor, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich könnte daraus einen Vortragszyklus entwickeln: Politiker als Kulturträger – aber das würde mir kaum jemand glauben. Als junger Journalist im Bundeshaus hatte ich mit Raymond Broger eine Abmachung: Jeder Politiker, der Belletristik liest, bekommt von uns einen Punkt. Wenn einer Gedichte liest, gibts zwei.

Von Ueli Maurer sagt man, er lese Gedichte.
Das ist eine frohe Botschaft. Und er ist trotzdem kein schlechter Bundesrat! Aber wo waren wir stehengeblieben?

Bei Manès Sperber.
Sperber traf ich durch Vermittlung von Richard Reich zweimal in Paris. Wir gingen im Jardin du Luxembourg spazieren und assen Zwiebelsuppe. Dann kam er in meine Fernsehsendung: ein zarter Mensch mit einer unglaublichen Kraft. Nach dem einstündigen Gespräch beugte er sich vor und hielt seine Hand auf mein Knie. Eine zärtliche Geste, die ich nie vergessen werde. Zartheit, Zärtlichkeit und kraftvoller Einsatz für die Freiheit – das prägt auch sein Werk, zum Beispiel seine Autobiografie «All das Vergangene». Europäische Geschichte aus jüdischem Erleben, vom Schtetl in Ostgalizien bis nach Wien. Oder der Roman «Wie eine Träne im Ozean» – ein Jahrhundertbuch!

Und doch kennt ihn heute fast niemand mehr. Wie erklären Sie es sich, dass ein Autor so schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet?
Wir leben alle so lange über unser Leben hinaus, wie man über uns redet – über uns Geschichten erzählt, wie ich gerade über Manès Sperber. Also ist Sperber mit uns in diesem Raum. Sie haben ihn erwähnt, jetzt ist er da. Das können Sie wieder animistisch nennen, aber unsere Worte sind sein Weiterleben. Irgendwann wird niemand mehr nach ihm fragen. Das wird bei uns noch viel schneller gehen.

Sie haben Thomas Mann angesprochen und seine Ironie, die ja auch eine Form des Humors ist. Würden Sie sich selbst als humorvollen Menschen bezeichnen?
Humor beginnt mit dem Lachen über sich selbst, sonst ist es keiner. Und da ich sehr gut über mich lachen kann, bin ich wohl humorvoll. Selbstironie ist wichtig.

Ist Ironie eine sanftere Form von Zynismus?
Es gibt drei Stufen: Ironie, Sarkasmus, Zynismus. Zynismus geht stets auf Kosten von jemandem, Sarkasmus noch nicht, und Ironie schon gar nicht. Zynismus beschädigt immer.

Sind Sie frei von Zynismus?
Ja, das bin ich.

Müssen Sie manchmal dagegen ankämpfen?
Nein, ich bin davon frei, weil es mir um etwas geht. Ich will bewegen und glaube daran, dass man bewegen kann. Wer zynisch ist, verachtet diesen Glauben. Darum verachte ich Zynismus.

Dann halten Sie wenig von Journalisten, die nur beobachten und nichts bewegen wollen?
Wenn Journalisten ihre Arbeit mit heiterer Gelassenheit angehen und sich um eine schöne Sprache bemühen, gefällt mir das. Journalismus ist Sprache, und Sprache ist eine ästhetische Kategorie, eine Kategorie des Lebens. Der Anfang des Lebens ist Sprache.

Im Anfang war das Wort.
Und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Wenn ein Kind «Mama» sagt, beginnt es, sich selbst zu sein. Und dann sagt es «Papa» und dann «liebi Mama» und «liebe Papa».

Ich rede, also bin ich? Das Reden beginnt vor dem Denken?
Natürlich! Unser Leben beginnt auch nicht mit der Frage, sondern mit der Antwort. Wenn das Kind «Mama» sagt, ist das eine Antwort, nämlich die Erkenntnis: «Das ist Mama.» Pablo Picasso hat einmal gesagt: «Ich suche nicht, ich finde.» Ein Künstler ist das Kind, das er in sich bewahrt hat – und gestalterisch zum Ausdruck bringt.

Beschreibt das auch Ihre Arbeit? Sie schreiben jede Woche im Sonntags-Blick und jeden Monat im Cicero eine Kolumne. Dafür brauchen Sie ständig Ideen. Ist das für Sie ein Finden?
Durchaus. Und ich finde meine Ideen überall: beim Spazieren, beim Reden, beim Lesen. Oder beim Schwimmen. Ich schwimme jeden Tag, immer frühmorgens. Wenn ich beim Schwimmen eine Idee habe, oft auch schon die Formulierung dazu, besteht das Problem darin, dass ich sie nicht gleich aufschreiben kann. Manchmal geht der Einfall im Wasser unter. Schrecklich.

Haben Sie nicht längt eine thematische Zauberformel gefunden? Im Sonntags-Blick geisseln Sie zweimal im Monat den Islam, einmal die Banken mitsamt Neoliberalismus und einmal die SVP und Christoph Blocher.
Über das politische Phänomen Blocher schreibe ich eher selten.

Aber über die SVP.
Ja, die kommt vor. Aber ich habe keine magische Formel. Ich bin Journalist, ich schreibe über die Aktualität. Am Aktuellen kann ich Grundsätzliches deutlich machen: die Kultur der Politik oder der Wirtschaft. Dass die stärkste Partei der Schweiz bei mir vorkommt, ist deshalb selbstverständlich. Und so ist es mit der Migration. Sie beschäftigt die Menschen stark, und sie kommt nun einmal aus Ländern, wo der Islam vorherrscht.

Sie unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus. Warum nicht?
Der Islamismus ist eine Erfindung derer, die den Islam verharmlosen. Eine westliche Erfindung. Wer Islamismus sagt, meint damit einen Unterschied zwischen der Religion und der Ideologie.

Und den gibt es nicht?
Der Islam ist eine zur Religion überhöhte Ideologie. Als er entstand, musste eine Ideologie als Religion transportiert werden. Der Islam hat bis heute den Anspruch, dass gilt, was Allah dem Propheten wörtlich diktiert hat. So lächerlich das für aufgeklärte Bürger der westlichen Zivilisation klingt, so ernst ist der Anspruch gemeint: für die Gläubigen in der islamischen Welt wie für die Gläubigen in der islamischen Diaspora, also auch bei uns in Europa. Am Ende geht es um Unterwerfung, was ja schon im Begriff Islam steckt – und um Herrschaft. Aber damit haben wir Erfahrung.

Woran denken Sie?
Die westliche Moderne kennt Herrschaftsideologien, zum Beispiel Kommunismus, Faschismus oder Nationalsozialismus, wozu man als Demokrat sagen musste: Das will ich nicht! Indem ich Nein sage zu autoritären und totalitären Herrschaftsformen, auch zu Männerherrschaft, verteidige ich die Demokratie. Das ist nicht immer leicht, denn die Demokratie ist die Gesellschaftsform der Ent-Täuschung.

Mit Bindestrich?
Genau: Ent-Täuschung! Die beste Partei der Welt, die alles richtig sieht und richtig machen würde, das bin selbstverständlich ich selbst. Die Parteien vertreten meine Überzeugungen höchstens teilweise. Auch widerspricht mir ständig jemand, der eine andere Überzeugung vertritt – und dann noch jemand und noch jemand. Das aber geht nicht ohne Streit, wenn wir zu einer Lösung kommen wollen. Und die Lösung ent-täuscht uns.

Weil sie unseren Narzissmus kränkt?
Wie könnte es anders sein? Wir haben uns getäuscht in der Annahme, als Einzige recht zu haben. Wenn sich Bürger über die Demokratie enttäuscht zeigen, dann meinen sie diese Ent-Täuschung. Der Gedankenstreit ist das Urelement der offenen Gesellschaft. In Deutschland spüre ich zu wenig Lust an diesem Streit. Das ist bedenklich.

«Im nächsten Leben werde ich Kater. Aber am liebsten doch wieder Journalist.»

Wo denn zum Beispiel?
2015 hat Kanzlerin Merkel mit einer Machtanmassung sondergleichen die Grenzen geöffnet. Inzwischen beherbergt Deutschland über 1,5 Millionen neue Einwanderer, vor allem aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum. Nichts wurde diskutiert, weder im Bundestag, dem Verfassungsorgan, noch in der Öffentlichkeit, also in den Medien. Die Bürger durften nur jubeln, zustimmen oder den Mund halten. Wer aufmuckte, wurde als Rechtsaussen oder Rassist beschimpft, vor allem von den Medien, die eine nahezu geschlossene Front für eine absurde und, wie man heute sieht, verantwortungslose Willkommenskultur bildeten. Die demokratische Kultur war für einen Moment suspendiert: Kein Streit durfte sein!

Finden Sie es gut, dass der Streit durch die AfD nun in den Bundestag getragen und institutionalisiert wird?
Das ist zunächst einmal das Resultat des vorhergehenden Nicht-Streits. Wie sich die AfD entwickelt, ob sie eine rechtskonservative Partei wird oder ob ihr Kern des deutschen Rechtsnationalismus stärker wird, das Deutsch-Völkische, das muss sich erst noch zeigen. Ob diese Leute intellektuell etwas zu bieten haben, wissen wir auch noch nicht. Aber sie wurden gewählt, und nun soll man mit ihnen reden – debattieren.

Bis jetzt findet diese Debatte kaum statt.
Man diffamiert zunächst einmal die neuen rechten und ganz rechten Parlamentskollegen. Das war genauso, als die Grünen erstmals in den Bundestag einzogen, in ihren Pullovern und mit ihren Topfpflanzen. Diese Grünen spielen sich jetzt gegenüber der AfD besonders gehässig auf. Einst erklärte das grüne Alpha-Tier Joschka Fischer dem Bundestagspräsidenten: «Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.» Was geschähe wohl, sollte sich einer von der AfD etwas Ähnliches erlauben?

Eine kleine Staatskrise?
Nicht auszudenken! Man wendet heute ein, die Grünen seien damals ja auch keine Rechtsaussen-Partei gewesen. Ich bitte Sie, die Grünen waren immer eine rechte Oberlehrerpartei, links drapiert zwar, aber sicher nicht mit linken Wurzeln in der Aufklärung. Wer die Menschen ständig erziehen will, ist kein freier, aufklärerischer Geist.

Sie kritisieren ohne Erbarmen. Zahlen Sie dafür einen Preis? Haben Sie Freunde verloren, zum Beispiel mit Ihrer Kritik am Islam?
Nein, im Gegenteil, ich habe Freunde gewonnen. Und zwar wunderbare Freunde! Hamed Abdel Samad, Ahmed Mansour, Necla Kelek, Bassam Tibi. Aber selbst wenn es anderes gewesen wäre, hätte ich es in Kauf genommen. Wer sich über sein privates Wohlergehen hinaus um die Gesellschaft kümmert, wird politisch. Das ist die Definition des politischen Menschen. Und ich bin ein politischer Mensch, ich kann gar nicht anders. Ich war ja gegenüber dem Islam schon kritisch, als es darüber noch überhaupt keine Diskussion gab. Das nehme ich für mich übrigens bei zwei Themen in Anspruch: beim Neoliberalismus und eben beim Islam.

Beim Neoliberalismus wird Ihnen eher von links applaudiert, beim Islam eher von rechts.
Ich kann mir mein Publikum nicht auswählen. Was den Islam betrifft, halte ich diejenigen, die ihn relativieren und damit schönreden, nicht für links. Ich will von Religionen nicht behelligt werden. Das ist linkes Denken, mein aufklärerischer Furor. Wenn ich im Neoliberalismus religiöse Züge erkenne, lege ich diese ebenso offen. Eine Theorie wie die unsichtbare Hand des Marktes religiös zu deuten, bietet sich ja an. Ich bin antireligiös beseelt, ob es um den Islam oder um den Neoliberalismus geht – oder um den Kommunismus.

Sie haben einmal gesagt, Sie könnten sich vorstellen, Pfarrer zu sein.
Das war eine lustig gemeinte Bemerkung, die ich vor langer Zeit gegenüber meiner Frau machte. Wir wanderten durch den Jura und kamen in ein zauberhaftes kleines Dorf mit einem Platz, überdacht von Platanen, daneben ein Kirchlein und ein Restaurant. Da sagte ich zu Lilith, hier wäre ich gerne Pfarrer, also natürlich Priester, im katholischen Jura. Ich würde die Dorfbewohner verheiraten und beerdigen und an ihrem Leben teilhaben. Es war eine paradiesische Idee, wenn Sie so wollen, völlig im Widerspruch zu meinem Temperament. Lilith sagte mir Jahre später, sie habe das ernst genommen und sei verletzt gewesen, weil es an der Seite eines Priesters natürlich keinen Platz für sie gegeben hätte.

Sie werden also nicht Priester in einem nächsten Leben?
Nein, ich werde Kater auf einem Bauernhof, weitab von den grossen Strassen, damit mich kein Auto überfährt. Aber am liebsten doch wieder Journalist. Ich hatte in meinem Leben Glück. Nach Goethe ist Glück zwar nur ein Augenblick, der Rest ist Leben. Aber dieser Rest verlief für mich bis heute glücklich – unverschattet. Das verdanke ich auch den Menschen, die mich begleitet haben. Dazu gehören Mario Cortesi und Michael Ringier, meine wichtigsten Begleiter auf meinem beruflichen Weg.

Gilt für Sie der berühmte Satz von Albert Camus aus dem «Mythos des Sisyphos»? Muss man sich Frank A. Meyer als einen glücklichen Menschen vorstellen?
Das ist ein wunderbares Bild, zumal Camus zu den ersten Meisterdenkern meiner Jugend zählt. Seit über dreissig Jahren schreibe ich jeden Sonntag eine Kolumne im Sonntags-Blick, seit über zehn Jahren einmal pro Monat eine Kolumne in Cicero. So rolle ich meinen bescheidenen Felsbrocken ein Stück hoch – und muss dann zur Seite treten, damit mich der Stein nicht überrollt. So ist meine Arbeit.

Gab es da nie schlimme Verletzungen?
Nie. Ich habe früh beschlossen – schon als Junge, wie ich mich zu erinnern glaube –, eigenständig stark zu werden. Eine eigene Macht. Und das ist mir ja in meiner Zeit im Bundeshaus auch irgendwie gelungen. Jedenfalls behaupten es meine Gegner und Kritiker. Jetzt zu sagen, ich leide an Verletzungen, wäre unziemlich. Mein Leben war gut – mein Leben ist gut. In meinem Alter muss man hinzufügen: noch. Ich blicke nach vorne. Und wenn ich zurückblicke, dann ohne Zorn.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 15.03.2018, 08:42 Uhr

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Frank A. Meyer, geboren 1944 in Biel, machte eine Lehre als Schriftsetzer, ehe er 1968 mit Mario Cortesi ein Pressebüro gründete. Bald schon versorgte er Zeitungen in der ganzen Schweiz mit Berichten aus dem Bundeshaus. Seit 1972 arbeitet Meyer für den Ringier-Verlag, zunächst als Bundeshauskorrespondent der Schweizer Illustrierten, später als publizistischer Berater von Verleger Michael Ringier. Früh schon verkehrte er mit der politischen Elite des Landes. Ein besonders enges Verhältnis pflegte er mit den Bundesräten Willi Ritschard (SP), Hans Hürlimann (CVP), Flavio Cotti (CVP) und Adolf Ogi (SVP), die er auch politisch beriet. Manchen galt er in dieser Zeit als achter Bundesrat. Heute lebt Meyer mit seiner Frau Lilith Frey in Berlin, wo er für Ringier das Magazin Cicero entwickelte und noch immer viel beachtete Kolumnen in Sonntags-Blick und Cicero schreibt. ebn/hjm

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