Wissenschaft vs. SVP

«Von der Realität überholt», «schlicht falsch»: Klimaforscher kritisieren das Umweltprogramm der Volkspartei scharf.

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Im Schachtelsatz steckt die Kernaussage.

«Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die alarmierenden Meldungen der letzten Jahre, wonach menschliche Aktivitäten das Klima der Erde beeinflussen würden, nicht der Realität auf diesem Planeten entsprechen.»

So das Positionspapier der SVP zur Klimapolitik. Naheliegende Schlussfolgerung: Wenn man keine Massnahmen ergreift, ists wohl nicht weiter schlimm.

Unter Wissenschaftlern stösst das Papier auf Unverständnis, ja Entsetzen. Reto Knutti, Klimaphysik-Professor an der ETH, sagt: «Das Papier ist hoffnungslos veraltet.» Dies einerseits bezüglich des Wissens um den Klimawandel, anderseits auch bezüglich der politischen Diskussion. Tatsächlich kommt das Pariser Klima-Abkommen in den Ausführungen der SVP gar nicht vor. Das fast zehn Jahre alte Schreiben ist nichtsdestotrotz das aktuelle Positionspapier der Partei.

Knutti bemängelt faktische Fehler. Etwa die Aussage der SVP, seit 2005 habe es abgekühlt. Dieser «Mythos der Klimapause» sei schon lange widerlegt. Die Behauptung, «dass in diesem Jahrhundert keine Klimaerwärmung stattgefunden und das Meer sich sogar abgekühlt hat», sei, so der ETH-Wissenschaftler, «schlicht falsch». Knutti verweist auf den Stand der Forschung. Diesem zufolge sei der Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit «von mehr als 95 Prozent der Hauptverursacher der globalen Erwärmung seit 1950».

«Zahlenspielereien»

Stefan Brönimann, Professor der Uni Bern und Leiter der dortigen Klimatologie-Abteilung, sagt: «Ich denke, die SVP sollte schleunigst ein neues Positionspapier verfassen.» Viele der aufgeführten «Zahlenspielereien» seien schon 2009 fragwürdig oder falsch gewesen. Heute, nach einer weiteren Erwärmung, erscheine das Papier in noch schieferem Licht. Die SVP sei von der Realität überholt worden.

Bereits vor drei Jahren hatte der Klimaforscher und Uni-Professor Thomas Stocker moniert, «politische Parteien, die einen markanten Machtgewinn hinter sich haben, veröffentlichen auf ihren Webseiten hoffnungslos veraltete Positionspapiere, in denen steht, dass der Klimawandel nicht bewiesen sei». Stocker und sein Team sind mit Analysen von Eisbohrkernen international bekannt geworden – Stäben aus Eis, die alte Luft speichern und so Rückschlüsse auf Klimaveränderungen ermöglichen.

Keine «Überraschungen»

SVPler erklären dieser Tage gern, solange sich das Engagement anderer Länder, zumal der grossen, nicht intensiviere, müsse auch die Schweiz nicht mehr tun. Knutti sagt dazu, das sei, «wie wenn ich behaupte, dass meine Steuern im Vergleich zu allen Steuereinnahmen der Schweiz so klein sind, dass es keinen Unterschied macht, ob ich Steuern zahle oder nicht».

Und die SVP? Das Generalsekretariat erklärt, man überarbeite derzeit das Parteiprogramm, somit auch die klimapolitischen Positionen. Deshalb wolle man die Beanstandungen der Forscher nicht kommentieren. Der Clinch zwischen Wissenschaft und Volkspartei dürfte jedenfalls weiterbestehen: Mit «Überraschungen» sei im neuen Papier nicht zu rechnen, so das Sekretariat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 17:02 Uhr

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