Lebensgefahr für Rettungskräfte

Die Bergung von verunglückten Elektroautos ist für Rettungskräfte gefährlich. In den Fahrzeugen stecken Kabel, die mit bis zu 450 Volt geladen sind.

Schwierige Bergung: Unfall eines Tesla auf der A 13 bei Reichenau GR. Foto: Boris Pini

Schwierige Bergung: Unfall eines Tesla auf der A 13 bei Reichenau GR. Foto: Boris Pini

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Es passiert auf der A 13, beim Anschluss Reichenau GR. Der Fahrer verliert die Kontrolle über seinen schwarzen Tesla Modell S. Der Wagen kollidiert mit der Ausfahrtstafel, knallt auf die Leitplanke und landet auf dem Rasen dahinter. Verletzt wird niemand. Aber zur Bergung des Elektroautos müssen die Spezialisten von der Stützpunktfeuerwehr Chur anrücken.

Wenige Monate zuvor, im März 2016, kommt es auf der Autobahn A 1 bei Kernenried BE zu einem Crash. Ein Elektroauto prallt gegen den Anhänger eines Werkhoffahrzeugs, das für Arbeiten auf dem Überholstreifen im Einsatz ist. Die Ambulanz bringt den Lenker ins Spital, für die Bergung des Elektroautos muss die Berufsfeuerwehr aus Bern aufgeboten werden.

Elektroautos sind an sich nicht gefährlicher als herkömmliche Fahrzeuge. Doch bei einem Unfall rasch zu erkennen, ob es sich um ein Stromfahrzeug handelt, kann für Polizisten, Rettungssanitäter und Feuerwehrleute lebenswichtig sein. Durch die Kabel im Wagen fliessen bis zu 450 Volt. Zum Vergleich: Aus einer Steckdose kommen 230 Volt. Mehrere Hundert Volt können tödlich sein.

«Sicherheitsrisiken» beim Umgang mit Elektroautos

45 600 Stromfahrzeuge waren 2015 auf den Schweizer Strassen unterwegs. In diesem Jahr wurden bis im Oktober 2700 Elektroautos und 8600 Hybridfahrzeuge neu zugelassen. Ein Hybrid hat zwei Antriebssysteme, einen Benzin- oder Dieselmotor und einen Elektromotor. Die Kombi-Fahrzeuge boomen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres nahm die Zahl der Zulassungen im Vergleich zur Vorjahresperiode um satte 24 Prozent zu.

Berufsfeuerwehren sind mit der nötigen Schutzkleidung ausgerüstet. Foto: Esther Michel

Bei Unfällen stellen diese Fahrzeuge die Einsatzkräfte vor neue Herausforderungen. In einer 25-seitigen Informationsbroschüre warnt die Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (Ekas) vor den «hohen Sicherheitsrisiken», die es bei einem unsachgemässen Umgang mit den Hochvoltsystemen in Elektro- und Hybridfahrzeugen gebe. Von den Unfallwagen gingen «besondere Gefährdungen» aus, etwa Stromschläge und Lichtbögen, was zu Verbrennungen, Augenschäden und Herzrhythmusstörungen führen könne – bis hin zu «Herzstillstand, Atemstillstand und Tod».

Zum Schutz tragen Rettungskräfte beim Hantieren an verunglückten Stromfahrzeugen Elektro-Gummihandschuhe, die bis 1000 Volt isolieren, darunter Kevlar-Handschuhe als Hitzeschutz. Kurt Bopp, 60, kennt die Gefahren. Er ist Instruktor bei der Berufsfeuerwehr von Schutz & Rettung Zürich, der grössten zivilen Rettungsorganisation der Schweiz. «Wenn das Auto normal funktioniert, kann man den Zündschlüssel ziehen, um das Antriebssystem in einen sicheren Zustand zu bringen», sagt er. «Aber wir haben es meist mit stark beschädigten Fahrzeugen zu tun, da funktioniert vieles nicht mehr so, wie es sollte.»

Bopp weiss von mehreren Unfällen und Bränden, bei denen die Karosserie eines Elektroautos noch unter Spannung stand. In einem Fall habe man sogar noch drei Wochen später eine Spannung von 158 Volt festgestellt. «Und dieses Fahrzeug war völlig ausgebrannt.»

Vor zwei Monaten haben die Experten von Schutz & Rettung die Zürcher Kantonalpolizei im Umgang mit E-Mobilen geschult, und auch die Zürcher Stadtpolizei schickt alle Rekruten in den Kurs, damit sie die Sicherheitsregeln kennen. Doch längst nicht alle Sicherheitskräfte nutzen die Ausbildungsangebote. An der Interkantonalen Polizeischule im luzernischen Hitzkirch wurden dieses Jahr vier Weiterbildungskurse über «Gefahren Hybridfahrzeuge» angeboten – sie mussten wegen zu geringer Teilnehmerzahl wieder abgesagt werden.

Für fast alle Fahrzeugtypen gibt es «Rettungskarten»

Dabei ist es oft schon schwierig genug, festzustellen, welche Technologie in einem Unfallwagen steckt. Elektro- und Hybridfahrzeuge unterschieden sich äusserlich meist kaum von normalen Autos. «Es gibt Feuerwehren, die Laptops mit speziellen Programmen benutzen, um charakteristische Merkmale zu erkennen», sagt Christian Stieger vom Schweizerischen Feuerwehrverband. «An Hochvoltfahrzeugen sind zum Beispiel die meisten Kabel orange, um zu signalisieren, dass hier Hochvoltstrom fliesst.»

Hilfe würden auch die sogenannten Rettungskarten bieten, die es für fast alle Fahrzeugtypen im Internet gibt. Die technischen Datenblätter zeigen zum Beispiel, wo die elektrischen Leitungen verlaufen. Doch nicht jeder Automobilist hat die Karte im Wagen unter der Sonnenblende deponiert, wo sie die Rettungskräfte suchen.

Jetzt will der Feuerwehrverband zusammen mit der Vereinigung der Berufsfeuerwehren und der Feuerwehrkoordination Schweiz nach einer Möglichkeit suchen, um am Unfallort anhand des Kontrollschilds die Rettungskarte eines Unfallwagens aus einer Datenbank abrufen zu können.

Manchmal aber sind selbst Profis hilflos. Im September starb in den Niederlanden der Fahrer eines Elektroautos am Unfallort. Die Retter konnten den Mann erst nach Stunden bergen – sie mussten befürchten, dass die Karosserie des Fahrzeugs unter Strom stand. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.11.2016, 07:52 Uhr

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