Umstrittene Saudis steuern die grösste Moschee der Schweiz

Die Spitze des Genfer Gebetshauses steht am Pranger. Zwölf Jugendliche haben sich laut einem Imam dort radikalisiert, drei Funktionäre sind wegen Staatsgefährdung in Frankreich fichiert.

8 von 13 Stiftungsräten sind Saudis: Genfer Moschee im Quartier Petit-Saconnex. Foto: Keystone

8 von 13 Stiftungsräten sind Saudis: Genfer Moschee im Quartier Petit-Saconnex. Foto: Keystone

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Das Beispiel des Attentäters von Berlin zeigt: Junge Täter radikalisieren sich auch im Umfeld von Glaubensgemeinschaften. Doch selbst etablierte muslimische Gotteshäuser wie die Moschee in Genf setzen dem wenig entgegen. Im Gegenteil. Recherchen zeigen: Der Stiftungsrat der Moschee in der Rhonestadt unterhält engste Beziehungen zu grossen Moscheen in Brüssel und in Wien – beide waren wegen radikaler Vorfälle wiederholt in den Schlagzeilen. Drei wichtige Exponenten der Moschee sind wegen Staatsgefährdung in Frankreich fichiert. Der Einfluss Saudiarabiens auf die grösste Schweizer Moschee ist zudem viel stärker als bisher bekannt.

Die Moschee im Quartier Petit-Saconnex steht seit Monaten unter besonderer Beobachtung der Genfer Sicherheitskräfte und des Nachrichtendienstes. Grund ist unter anderem eine Gruppe von zwölf Jugendlichen. Zwei von ihnen sind nach Syrien in den Jihad gereist und noch immer dort. Ein ehemaliger Imam hatte der «Tribune de Genève» erklärt, er habe deren Radikalisierung in der Moschee beobachtet.

Aufsehen erregte kürzlich zudem die Anstellung eines radikalen Vorbeters. Scheich I. ist zurzeit Imam der Moschee in Volketswil ZH und bekannt dafür, dass er sich nicht eindeutig gegen Steinigungen ausspricht. Die Genfer Moschee hat seinen Vertrag wieder aufgelöst – der Druck der Gläubigen und der Medien war zu gross. Ausserdem hat ein Stiftungsrat der Moschee in Frankreich eine Fiche S – damit kennzeichnen Strafverfolger Personen, die eine mögliche Gefahr für die innere Sicherheit des Landes sein könnten. Der konvertierte Franzose weist die Verdächtigungen von sich. Klar ist, dass er sich von radikalen Ideen nicht distanziert: Im Westschweizer Fernsehen wollte er die Frage nicht beantworten, was er von Steinigungen hält. Er ist nicht der einzige Fichierte. Auch der Sicherheitschef der Moschee sowie ein weiterer Imam haben eine Fiche S.

Stiftungsrat machte in Wien Schlagzeilen

Jetzt zeigt sich auch, dass saudische Kräfte das Gotteshaus dominieren. Bekannt war, dass die ­Moschee 1978 auf einer Parzelle in Genf gebaut wurde, die Saudi­arabien gehörte. Auch wusste man, dass das Königreich das Startkapital von 15 Millionen Franken gespendet hatte. Mehr Geld sei von den Saudis nicht geflossen, versichert die Moschee. Sehr wohl aber Personal: Im Stiftungsrat, der alle wichtigen Entscheide fällt, stammen acht von dreizehn Mitgliedern aus Saudiarabien. Darunter alle, die für die Geschäfte der Stiftung unterschriftsberechtigt sind.

Eine zentrale Rolle spielt der Direktor der Moschee, Ahmed Beyari. Seit Dezember 2012 ist er im Stiftungsrat. Zuvor war der 72-Jährige der saudische Botschafter in Senegal. Er steht in der Kritik, weil er auf die Radikalisierung in der Moschee nicht reagiert habe. Aus Saudiarabien kommt auch Hashim Mahrougi. Er ist nicht nur im Stiftungsrat in Genf, sondern auch Direktor des Islamischen Zentrums in Wien. Auch dort gab es Probleme wegen eines Jihadisten. Anfang 2014 war der 19-jährige Firas H., der die Moschee regelmässig besuchte, nach Syrien gereist. Er hatte zudem in sozialen Medien IS-Propaganda verbreitet. Interpol suchte nach ihm.

Aus Syrien gab er dem österreichischen Fernsehsender Puls4 im September 2014 ein Interview. Auf die Frage, wo er radikalisiert worden sei, antwortete er: «Sämtliche Antworten hat der Direktor des Islamischen Zentrums. Sie rüsten ja den IS auf.» Fünf Monate später wurde Firas H. angeblich im Kampf getötet. Direktor Mahrougi äussert sich auf Anfrage aus Gesundheitsgründen nicht. Nach der Ausstrahlung des Interviews hatte er die Vorwürfe als «Blödsinn» abgetan. Das Zentrum verurteile den IS und melde Personen mit radikalen Ideen den Behörden.

Die Islamische Weltliga wählt die Stiftungsräte

Ein weiteres saudisches Mitglied des Genfer Stiftungsrats ist Jamal Saleh Momenah. Er ist Direktor der grössten Moschee in Brüssel. Im März 2015 kam das Gebetshaus in Belgien in die Schlagzeilen, weil es auf seiner Internetseite den Gläubigen radikale Ratschläge erteilte. So wurde Frauen untersagt, dem Blick von Männern standzuhalten. Unterdessen hat die Moschee diese Verhaltensregeln aus dem Netz entfernt. Die Moschee ist unter Beobachtung der Sicherheitskräfte.

Zu den Genfer Stiftungsräten gehören auch der saudische Konsul in Genf sowie mehrere aktuelle und ehemalige Angestellte des saudischen Staates. Grund für den grossen saudischen Einfluss sind die Statuten der Stiftung. In Genf darf die Islamische Weltliga die Stiftungsräte wählen. Die Liga wurde von Saudiarabien gegründet, um den rigorosen Wahhabismus zu verbreiten. Der Posten des Moschee-Präsidenten ist für den Generalsekretär der Liga reserviert.

Petition der Gläubigen gegen den Direktor

Diese Machtkonzentration macht die Moschee in Genf zu einem in der Schweiz einzigartigen Fall. Experten sind beunruhigt. «Die Zusammensetzung des Stiftungsrats ist nicht ideal», sagt Hasni Abidi, Direktor des Genfer Studien- und Forschungszentrums für die arabische und mediterrane Welt. Besonders problematisch sei die Art und Weise, wie der Stiftungsrat funktioniere. «Viele Mitglieder haben keine Nähe zu unserem Land. Und sie treffen sich nicht oft genug, um eine gute Führung zu gewährleisten», sagt er.

Für Reinhard Schulze, Professor und Islamwissenschaftler an der Universität Bern, ist heikel, dass alle Imame der Genfer Moschee in Saudiarabien ausgebildet wurden. «Der Wahhabismus, der dort gelehrt wird, ist eine rigorose Lehre. Sie postuliert eine islamische Gemeinschaft, die losgelöst von der Zivilgesellschaft lebt.» Das widerspreche der Idee der Integration in der Schweiz und könne Radikalisierungen Vorschub leisten.

Mandat der Stiftungsräte läuft bald aus Die gemässigten Kräfte unter den Gläubigen setzen sich jetzt zur Wehr. 200 Mitglieder der Moschee haben eine Petition lanciert. Sie fordern die Absetzung des jetzigen Direktors Ahmed Beyari. Mohamed Tawffik ist einer der wenigen, die sich trauen, sich öffentlich zu äussern: «Wir erkennen uns nicht wieder in der autoritären Lehre der Moschee.» Tawffik ist Ägypter und besucht die Moschee seit ihrer Gründung in den 70er-Jahren. «Die Direktion der Moschee kennt die Genfer Gesellschaft ungenügend. Wir verlangen, dass die Leitung an Leute übertragen wird, die in der Schweiz integriert sind», sagt er.

Nach Wochen des Schweigens hat die Stiftung auf Anfragen reagiert. Der Direktor spreche Französisch und habe als früherer Student die Schweizer Kultur kennen und schätzen gelernt. Die Petition gegen ihn werde nur von einer Minderheit getragen, ferner gebe es keinerlei Einfluss der Saudis auf die Moschee. Doch das Mandat der Mitglieder des Stiftungsrats laufe bald aus. Es seien Überlegungen über eine neue Zusammensetzung im Gang.

recherchedesk@sonntagszeitung.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.12.2016, 21:48 Uhr

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