Tourismusorte haben zu früh gejubelt

Die Übernachtungszahlen steigen, doch die Erträge der Hotels bleiben tief. Und die Bergbahnen blicken auf eine durchzogene Saison.

Trotz gutem Saisonstart lief es auch bei den Bahnbetreibern holprigFoto: Keystone

Trotz gutem Saisonstart lief es auch bei den Bahnbetreibern holprigFoto: Keystone

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«Steil bergauf» gehe es aus dem Jammertal, die Hotellerie sei schon fast wieder auf Rekordkurs, und die Skigebiete freuten sich «über den schneereichen Start in die Wintersaison» – so lauteten in den jüngsten Monaten die Meldungen aus der Schweizer Tourismusbranche.

Tatsächlich liegt die Schweiz wieder hoch im Kurs. Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Hotelübernachtungen um 5,2 Prozent. Und auch der Start ins neue Jahr ist gelungen, mit einem Plus von 5,2 Prozent im ­Januar und 4,2 Prozent im Februar im Vergleich zu den Vorjahresmonaten, wie das Bundesamt für Statistik am Freitag mitteilte.

Die Gründe liegen auf der Hand: Der stärkere Euro, der nun schon fast bei 1.18 Franken liegt, eine robuste Wirtschaftsentwicklung in den Nachbarländern und eine grössere Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz dank Preissenkungen in den vergangenen Jahren.

Dennoch ist zum Saisonende von der Anfangseuphorie nicht mehr viel zu spüren. Denn der Schein trügt: Mehr Logiernächte bedeuten bei sinkenden Preisen noch längst nicht mehr Umsatz, geschweige denn mehr Gewinn. «Es ist zu früh zum Jubeln. Die Rechnung, mehr Logiernächte ist gleich mehr Ertrag, geht so nicht auf», sagt Casimir Platzer, der Präsident des Wirteverbandes Gastrosuisse.

Die grosse Frage ist, wie viel bei Hoteliers und Bergbahnen unter dem Strich übrig bleibt. Um eine anständige Marge zu erwirtschaften und dringend notwendige Investitionen zu tätigen, bräuchten sie höhere Preise. Doch diese könnten die Hoteliers bislang noch nicht verlangen, sagt Platzer.

Andreas Züllig, der Präsident des Branchenverbandes Hotelleriesuisse, bestätigt: «Diesen Winter waren die Preise in den meisten Betrieben noch auf dem tiefen Niveau der Vorjahre. Für Preiserhöhungen braucht es einen nachhaltigeren Aufschwung.»

Bei den Bergbahnen ist der Vorsprung weggeschmolzen

Tatsächlich wies der Landesindex der Konsumentenpreise für die Beherbergung 2017 noch ein Minus aus. Erst zu Beginn dieses Jahres stiegen die Preise leicht an, allerdings lag das Plus mit unter einem Prozent in etwa im Rahmen der Gesamtteuerung. Die Zahlen des auf die Hotellerie spezialisierten Datenanbieters STR Global zeigen für 2017 noch einen leichten Rückgang der Zimmerpreise. Immerhin ging aber der Ertrag pro verfügbares Zimmer bereits nach oben. Er berücksichtigt neben dem Durchschnittspreis auch die Belegung, die vielerorts gestiegen ist. Bei der Berechnung der Daten stützt sich STR Global auf Meldungen von Hotels in sämtlichen Regionen der Schweiz.

Schaut man sich in den Ferienorten um, fällt die Beurteilung über die Erträge in der Wintersaison unterschiedlich aus. Einzelne Orte, etwa Zermatt VS oder Grindelwald BE, waren erfolgreich unterwegs, wie es in der Branche heisst. «An den Wochenenden konnten wir die Zimmerpreise leicht anheben», sagt Hotelmanagerin Gisela Heller aus Grindelwald. Unter der Woche hingegen habe der Betrieb wie schon in den Vorjahren auf Spezialangebote für die Gäste gesetzt.

Schwerer taten sich hingegen das Engadin und Klosters in Graubünden. «Schon allein wegen des Überangebots an Betten im benachbarten Davos war an Preissteigerungen in Klosters nicht zu denken», sagt Christian Erpenbeck, der Präsident des Hoteliervereins Klosters.

Doch nicht nur die Hotellerie zeigt ein durchwachsenes Bild, auch bei den Bergbahnen lief es holprig. Noch Anfang Februar zog der Verband Seilbahnen Schweiz eine positive Zwischenbilanz zur Saison und präsentierte per Ende Januar ein Gästeplus von 12,5 Prozent. Zu Saisonende muss Sprecher Andreas Keller jedoch zurückkrebsen: «Der grosse Vorsprung durch den frühen Schnee ist von Monat zu Monat weggeschmolzen.» Nicht nur die Stürme im Januar machten den Bahnen zu schaffen, im Februar und März blieben die sonnigen Wochenenden aus und damit die Tagesgäste vielfach fern. Keller rechnet für die Saison nun mit Besucherzahlen über jenen des Vorjahrs, aber unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Ein Plus ist allein deswegen zu erwarten, weil die Bahnen im Jahr zuvor die schlechtesten Zahlen seit langem aufwiesen.

Einen Anhaltspunkt geben die Bergbahnen Graubünden. Sie konnten ihre Ersteintritte bis Ende März um 5,4 Prozent steigern, blieben aber unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Die schweizweiten Zahlen werden kommende Woche veröffentlicht. Ein Plus sei immerhin «psychologisch ein gutes Zeichen für die in den letzten Jahren extrem geforderte Seilbahnbranche», sagt Keller. Viele Bahnen lancierten dieses Jahr günstige Saisontickets oder boten Preise nach Auslastung.

Ein Fazit über Erfolg oder Misserfolg mit Blick auf die Erträge wollen Branchenkenner noch nicht ziehen. Dass die Billigsaisontickets jedoch kein Garant für eine schnelle Erholung nach schwierigen Jahren sind, zeigt der Fall der Saastal Bergbahnen im Wallis. Sie lancierten vor einem Jahr als Pioniere das Saisonticket für 222 Franken und konnten ihre Besucherzahlen deutlich steigern. Trotzdem müssen sie ihren Aktionären nun einen happigen Kapitalschnitt und eine Aktienkapitalerhöhung zumuten, um Investitionen zu tätigen und neue Anleger an Bord zu holen.

Mit Investitionen wird sich wohl auch die Hotellerie während der kommenden Jahre schwertun. Denn trotz des kräftigen Logiernächtewachstums wird die Ertragslage vielerorts unbefriedigend bleiben.

Branche uneins über Preissteigerungen

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich betrachtet die Preisentwicklung von Dienstleistungen in Hotels und Restaurants, die ausländische Gäste in der Schweiz in Anspruch nehmen. Sie gibt dazu Prognosen ab. Bis Ende 2019 erwartet sie nur ein jährliches Plus von rund einem Prozent – in etwa im Einklang mit der allgemeinen Teuerung. Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig hingegen hält Preissteigerungen von mindestens zwei bis drei Prozent über die nächsten fünf Jahre für notwendig, damit sich die Branche erholen kann.

Derartige Aufschläge wären Martin Nydegger, dem neuen Direktor der Vermarktungsorganisation Schweiz Tourismus, ein Dorn im Auge. Er machte jüngst klar, dass höhere Preise unklug seien. «Die Preise wurden in den letzten Jahren gesenkt, und aus der ­Diskussion über das Hochpreisland Schweiz hat man Lehren ­gezogen», sagte Nydegger. Wenn die Preise nun angehoben würden, befürchtet er einen erneuten Imageschaden.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2018, 07:50 Uhr

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