Schweiz überprüft teure Krebsmedikamente

Viele neu zugelassene Arzneien haben keine Wirkung. Nun droht ihnen die Streichung aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung.

Am Computer generierte Darstellung einer Zelltherapie.   Foto: Getty Images/Science Photo Library RM

Am Computer generierte Darstellung einer Zelltherapie. Foto: Getty Images/Science Photo Library RM

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370'000 Franken – so viel kostet nach den Vorstellungen von Novartis eine neue Zelltherapie gegen Blutkrebs, für die der Basler Pharmakonzern diese Woche die Schweizer Zulassung erhalten hat. Noch ist offen, ob Novartis den geforderten Preis tatsächlich erhält, denn die Verhandlungen mit dem Bundesamt für Gesundheit laufen erst. Doch klar ist schon jetzt: Kymriah, so heisst die neuartige Therapie, wird eines der bisher teuersten Krebsmittel. Und somit zu einer grossen Belastung für die obligatorische Krankenversicherung.

Auf der anderen Seite steht ein grosser Nutzen: Bei mehr als 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die an einer schweren Form von Blutkrebs erkrankt waren und bei denen Kymriah angewandt wurde, war ein halbes Jahr später der Krebs nachweislich verschwunden.

Im Gegensatz dazu stehen zahlreiche andere neu zugelassene Krebsmedikamente. Im letzten Jahr sorgte eine europäische Studie für Aufsehen, gemäss der für neu zugelassene Präparate oft der Nachweis fehlt, dass sie das Leben von Patienten verlängern oder deren Lebensqualität verbessern. Britische Forscher hatten sämtliche Krebsmittel unter die Lupe genommen, die die Europäische Arzneimittel-Agentur von 2009 bis 2013 zugelassen hatte. Die Bilanz der Überprüfung fiel ernüchternd aus: Bei rund der Hälfte der Medikamente existierte keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass sie das Leben der Patienten verlängern oder deren Lebensqualität verbessern.

Erste Ergebnisse der Überprüfung werden 2019 erwartet

«Neu» bedeutet also im Fall von Medikamenten zur Krebsbekämpfung nicht zwingend «besser». Im Bericht der britischen Forscher wird denn auch die Frage aufgeworfen, ob die Zulassungsbehörden vor der Marktfreigabe strengere Anforderungen an den Wirksamkeitsnachweis dieser Arzneimittel stellen sollten, vor allem bei neuen Krebsmedikamenten, die oft ausgesprochen teuer sind.

Aufgeschreckt von dieser Studie, hat nun das zuständige Schweizer Fachgremium Swiss Medical Board Mitte Juni beschlossen, den Nutzen neu zugelassener Krebsmedikamente zu überprüfen. Das bestätigt Geschäftsführerin Susanna Marti Calmell: «Der Vorstand hat entschieden, dass wir Krebsmedikamente daraufhin überprüfen, ob sie sinnvoll sind und welcher Einsatz von ihnen Sinn ergibt.»

Das Swiss Medical Board ist ein unabhängiges Fachgremium, das Behandlungen auf ihre Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit überprüft. Finanziert wird es von der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, den Krankenversicherern, der Pharmaindustrie, den Patientenorganisationen, der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften und dem Dachverband der Chirurgen.

Das Gremium muss nun als Erstes festlegen, wie viele und welche Krebsmedikamente es auf den Prüfstand nimmt. Und wie die genaue Fragestellung lautet. Zurzeit laufen entsprechende Gespräche mit Krankenkassen und ärztlichen Fachgesellschaften. Erste Ergebnisse der Überprüfung werden Ende 2019 erwartet. «Es geht in der Regel ein Jahr, bis es so weit ist», bestätigt Susanna Marti Calmell.

Kommen die Prüfer zum Schluss, dass ein bestimmtes Krebsmedikament nicht die gewünschte Wirkung oder kaum einen Zusatznutzen gegenüber einem günstigeren Vorläufermedikament hat, drohen dem betreffenden Pharmahersteller Konsequenzen. Dann kann das Bundesamt für Gesundheit den Preis drücken. Oder es kann das Medikament sogar ganz aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung streichen.

Das käme den Krankenversicherern entgegen, die das Medikament vergüten müssen. Der Branchenverband Santé-suisse schreibt dazu: «Unwirksame Behandlungen aus dem Leistungskatalog entfernen und fragliche Vergütungspflichten einschränken, dies sind die Ziele, wenn Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung neu bewertet werden.» Dieser Prüfprozess, mit dem unter anderem das Swiss Medical Board betraut ist, schütze die Patientinnen und Patienten vor unnötigen oder falschen Behandlungen – und wirke sich kostendämmend auf das Gesundheitssystem aus. Das wiederum wäre im Sinn der Prämienzahler, denn Jahr für Jahr steigen in der Grundversicherung die Prämien.

Das Budget des Gremiums reicht für höchstens drei Berichte pro Jahr

Ein Grundproblem ist, dass dem Krankenversicherungsgesetz nicht nachgelebt wird. Dieses schreibt schon lange vor, dass die Grundversicherung nur wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Leistungen vergütet. Der Leistungskatalog müsste also laufend überprüft werden. Doch das geschieht nur punktuell, denn das Swiss Medical Board erhält vom Bund und von seinen Trägerorganisationen zu wenig Geld, um alle Medikamente und Therapien auf den Prüfstand zu nehmen. Sein Budget reicht für höchstens drei Berichte pro Jahr.

Eine wirkliche Überprüfung aller Leistungen und der Preise findet deshalb heute nicht statt, wie Krankenkassenvertreter schon lange kritisieren. «Die zuständige Kommission führt keine Überprüfung durch, die ökonomisch haltbar ist», sagte Philomena Colatrella, die Chefin der grössten Krankenkasse CSS, schon vor zwei Jahren in einem Interview mit der SonntagsZeitung. Sie verlangt stellvertretend für alle Krankenversicherer, dass dem Gesetz endlich nachgelebt wird. «Wir wollen, dass in der Schweiz für alle Leistungen, die von der Grundversicherung bezahlt werden, wissenschaftliche Wirksamkeitstests durchgeführt werden.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.10.2018, 19:36 Uhr

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