Aus dem Schatten ins Basler Rampenlicht

Raphael Wicky statt Urs Fischer: Der FC Basel präsentiert einen stillen, aber selbstbewussten Arbeiter als Trainer.

Vom Präsidenten als Jean-Pierre Wicky bezeichnet: Raphael Wicky. (Bild: Stefan Bohrer/EQ)

Vom Präsidenten als Jean-Pierre Wicky bezeichnet: Raphael Wicky. (Bild: Stefan Bohrer/EQ)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Anfang war etwas holprig. Als Bernhard Burgener vor zwei Wochen seine Pläne für den FC Basel präsentierte, verwies der kommende Präsident auf dem Podium unter anderem darauf, dass der Club über einen «hervorragenden Nachwuchstrainer» verfüge: «Jean-Pierre Wicky.»

Der Mann heisst Raphael Wicky. Aber natürlich wurde der U-21-Coach des FCB am Tag darauf von einigen seiner Spieler prompt als «Jean-Pierre» begrüsst.

Inzwischen wird auch Burgener den Vornamen des Mannes kennen, der am kommenden Mittwoch 40 wird. Marco Streller, der neue Sportchef, bittet Wicky an Ostern, sich um die Nachfolge von Urs Fischer zu bewerben. Der Oberwalliser macht das, hält am Dienstag seine Präsentation, und seine Beförderung wird am Freitag von Burgener nach einem persönlichen Treffen abgesegnet.

Wicky hat als Cheftrainer ab Juli manchen Auftrag zu erfüllen. Er soll den FCB natürlich zum nächsten Meistertitel führen, mit ihm in der Champions League bestehen und gleichzeitig im Club ausgebildete Junge integrieren. Aber das lässt keine Zweifel in ihm hochkommen, im Gegenteil: Er sieht es als ideale Chance für den Einstieg bei den Profis. Bei der Präsentation am Freitag sagt er: «Ich bin überzeugt von meiner Fussballkompetenz. Ich habe in den 15 Jahren als Profi viele Kabinen von innen gesehen und überall etwas mitgenommen.»

Als Knirps beim FC Steg

Seine erste Kabine sieht er als Knirps beim FC Steg. Er wächst im Dorf mit den 1500 Einwohnern auf, er fängt dort an zu kicken, und wenn er das Elternhaus verlässt, hat er eines fast immer bei sich: einen Ball. «Die Leidenschaft für den Fussball ist damals schon enorm gewesen», sagt Ruedi Zuber, der damals mit Wickys Vater Kurt den kleinen Raphael trainiert. Der Bub sticht bald hervor, mit seinem Spielverständnis, mit seiner Technik, und es verwundert keinen, dass ihn der FC Sion schon bald holt.

Wicky wechselt als C-Junior ins Tourbillon und verschärft sein Tempo. Mit 16 debütiert er in der Nationalliga A, erzielt 1994/95 im Uefa-Cup beim 2:0 gegen Marseille ein Tor, bestreitet im April 1996 sein erstes Länderspiel, darf im gleichen Jahr mit an die EM – und 1997 landet der Junge aus Steg in der schillernden Welt der Bundesliga. Sions Präsident Christian Constantin lässt ihn für gut zwei Millionen Franken ziehen. Er sagt: «Raphael hat sehr genau gewusst, was er will. Er ist jung gewesen, ja, aber stets mit beiden Beinen auf dem Boden. Er hat bereits über so viel Persönlichkeit verfügt, dass ich gewusst habe: Er setzt sich durch.»

Wie ein Schwamm, der alles aufsaugen will

Bremen und Wicky, die gediegene, hektikfreie Hansestadt und der Walliser, dem Diskussionen mit Freunden lieber sind als Discos – das passt von Anfang an zusammen. Wicky, von seinen Eltern zu einem selbständigen Menschen erzogen, ist egoistisches Denken fremd. Noch heute sagt sein damaliger Trainer Thomas Schaaf: «Er war sehr fleissig, strebsam, neugierig, ehrgeizig, er wollte alles wissen über Fussball und erfolgreich sein.» Wicky war für ihn im Umgang sehr einfach.

Nach dreieinhalb Jahren im deutschen Norden steht der Walliser vor der Wahl: Dortmund oder Madrid, Borussia oder Atlético. Er zieht den Süden vor, weil er ein Bild von sich vor Augen hat: wie er bei warmem Wetter in Schlarpen und kurzen Hosen im Cabriolet sitzt und Besuch am Flughafen abholt. Das Bild wird Realität, aber sportlich erfüllen sich die Hoffnungen in Spanien nicht. Immerhin lernt Wicky von Trainer Luis Aragonés so sehr wie später von Huub Stevens in Hamburg, der ihn nach fünf Jahren aussortiert: «Beide sagten mir zwar Dinge, die nicht angenehm waren. Aber sie taten es ehrlich und direkt.»

Noch heute ein Haus in Kalifornien

Er versteht es als wertvolle Erfahrung für seine Zeit als Trainer, er sagt heute: «Menschenführung ist heute für Trainer genau so wichtig wie fussballtaktisches Wissen.» Wicky kehrt 2007 noch einmal zu Sion zurück, aber die Geschichte entwickelt sich nicht, wie sich Spieler und Club das vorgestellt haben. Er lässt das Tal hinter sich und in den USA bei CD Chivas die Karriere ausklingen. Anfang 2009 beendet er seine Karriere auch wegen vieler Verletzungen. Noch heute besitzt er ein Haus in Kalifornien. Seine Freundin lebt weiterhin da.

Zur Bilanz seiner Karriere gehören die stolze Zahl von 75 Länderspielen sowie die EM 2004 und die WM 2006, die er als Stammspieler erlebt. Und dazu gehört, dass er nur ein Tor erzielt, im Juni 2005 auf den Färöer. Rekordtorjäger Alex Frei erfindet deshalb für ihn den Begriff «torungefährlich». Was aber nichts an seiner Wertschätzung als Spieler ändert.

Wicky leistet auch abseits des Platzes als Bindeglied zwischen den deutsch- und französischsprachigen Fraktionen wertvolle Dienste. Der frühere Nationalspieler Benjamim Huggel erinnert sich: «Er gab dem Team Energie, weil er die Leute verbunden hat. Und weil er sehr lustig sein kann.»

Seinen Weg als Trainer lanciert Wicky im Nachwuchs, zuerst bei Servette, dann ab 2013 in Basel. Die U-18 ist dort zuerst sein Team, er steigt letzten Sommer zur U-21 auf und steht grundsätzlich im Ruf des unaufgeregten Schaffers mit Übersicht. Als er die Uefa-Pro- Lizenz erwirbt, nimmt ihn Yves Débonnaire als «enorm interessiert» wahr. «Ich habe gespürt, wie sehr er den Fussball liebt und dass er eine Vision dieses Spiels hat», sagt der Trainerausbildner des Verbands.

Das passt zu dem, was Benjamin Huggel bei Wicky festgestellt hat: «Raphael hat sich als U-18-Trainer wahnsinnig viele Gedanken gemacht, im Internet recherchiert und ist dann mit diesem oder jenem Video gekommen, das er gefunden hat. Wie ein Schwamm, der alles aufsaugen will. So, wie ich ihn erlebt habe, hat er sich immer noch als Lehrling gesehen in diesem riesigen Universum, das ein Trainerleben eigentlich ist.»

Und dann erzählt er eine Episode, die auch eine Charaktereigenschaft Wickys zum Vorschein bringt: «Ich habe ihn mal gesehen, wie er sich bei den U-18-Junioren um die Getränke gekümmert hat. Da habe ich gerufen: ‹Hey, du hast 75 Länderspiele, du musst doch keine Getränke schleppen.› Aber er ist eben sehr bescheiden. Er hat meiner Meinung nach sein Licht fast zu sehr unter den Scheffel gestellt.»

Constantin fragt: «Wieso soll er diese Chance nicht packen?»

Jörg Stiel gehört zu denen, die mit Wicky im Nationalteam zusammen spielten und inzwischen beim Basler Nachwuchs zusammen arbeiten. Stiel, heute Goalietrainer der U-18, dachte sich, als der FCB auf Trainersuche ging: «Cool wäre es schon, wenn ‹Raphi› es würde, ich würde mich für ihn freuen.» Und jetzt freut er sich für einen Kollegen, dem er Menschenkenntnis und einen klaren Plan von Fussball zuschreibt. Und von dem er auch sagt: «Er stellt sich nicht gerne in den Vordergrund. Für ihn geht es um die Sache, um die Mannschaft.»

Nun also wird dieser Raphael Wicky der starke Mann beim FCB. «Das ist eine fantastische Chance», findet Christian Constantin, «wieso soll er sie nicht packen?» Thomas Schaaf sieht auch keine Bedenken: «Die neue Führung des Vereins setzt auf mehr Jugend und setzt konsequenterweise auf einen Trainer, der die Arbeit im Nachwuchs kennt und dem ich zutraue, dass er Erfolg hat, weil ich seinen Charakter als Spieler gekannt habe.»

Wicky als Nagelsmann der Schweiz

Yves Débonnaire ist begeistert, dass der FCB Wicky das Vertrauen schenkt – und dass Wicky wiederum zugesagt hat: «Er sendet damit das Signal aus: Ja, ich bin bereit.» Und dass er auf dieser Stufe nun ausgerechnet in Basel beginnt? Gegenfrage von Débonnaire: «Wer fragt das bei Julian Nagelsmann in Hoffenheim heute noch? Raphael Wicky kennt das Business.» Aber er fügt auch an: «Wicky wird Momente erleben, die man nicht vorher üben kann, zum Beispiel mit Medien. Er wird nun Trainer des FC Basel, und da gilt auch für ihn, dass er Resultate vorweisen muss.»

Das Wort «Mannschaftsspieler» fällt häufig, wenn jemand über den Fussballer Wicky spricht. Auch er selber nutzt es immer wieder. Nun hat nicht vor, sich als Trainer zu verändern: «Ich werde auch in diesem Job ein Teamplayer sein.» Und er möchte es im Alltag mit den Profis ähnlich halten wie Martin Schmidt: «Ich mag es, wenn Spieler im Training auch einmal etwas überlegen müssen.» Schmidt ist auch Walliser, Trainer in Mainz – und einer der besten Freunde Wickys. Die zwei telefonieren mehrmals wöchentlich, sie verbindet auch ihre Verbundenheit mit der Heimat. Ruedi Zuber vom FC Steg ist so stolz wie alle in der Gemeinde: «Raphael ist einer von uns!» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.04.2017, 19:10 Uhr

Artikel zum Thema

Burgener verdient Kredit

Kommentar Wie war der Auftritt von Burgener und Co. bei der gestrigen ausserordentlichen GV des FC-Basel? Mehr...

Super League

36. Runde

02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
02.06.FC Lugano - FC Luzern0 : 1
02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

Paid Post

Wandern Sie sich glücklich

Lassen Sie sich von der Stille unberührter Landschaften und der einmaligen Szenerie der Schweizer Alpen verzaubern. SBB RailAway bietet Wandergenuss mit bis zu 20% Rabatt!

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit liegt in den Augen

Blog Mag Liebe und Hass

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...