Die zweite Geige

Salzburg steht in der Europa League vor den grössten Spielen der Clubgeschichte – und ist doch auch Opfer des eigenen Erfolgsrezepts.

Jubelpose: Ex-GC-Stürmer Munas Dabbur stürmt mit Salzburg die Europa League.

Jubelpose: Ex-GC-Stürmer Munas Dabbur stürmt mit Salzburg die Europa League. Bild: Keystone

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Natürlich haben sie die Chance gepackt. Jetzt, da es endlich einmal eine Nachfrage nach Tickets gibt, wurden auch ein paar Dauerkarten abgesetzt. 4000 Salzburger besitzen jetzt also bereits ihr Saison-Abonnement für die kommende Spielzeit von Red Bull. Weil sie so einfacher an die begehrten Plätze beim Heimspiel im Halb­final in der Europa League gegen Olympique Marseille gekommen sind. Dass der Club diesen Absatz von Zwangs-Abos als Leistung verkauft, zeigt, dass da ein Problem sein könnte.

Tatsächlich scheint der Süssgetränke-Club Opfer seines eigenen Erfolgsrezepts zu werden. Wohl sind die 30 000 Plätze der Red-Bull-Arena ausverkauft, wenn die Europa League lockt. Aber in der Bundesliga kommen im Schnitt nicht einmal mehr 7000 an die Heimspiele.

Wahrscheinlich werden die Leute abgeschreckt von der fast beängstigenden Konsequenz, mit der Salzburg seinen Weg geht. Seit Brause-Milliardär ­Dietrich Mateschitz mit RB Leipzig einem Club den Weg in die deutsche Bundesliga ­finanziert hat, spielt die Mozartstadt Salzburg im Fussball-Universum von Red Bull höchstens die zweite Geige.

Salzburg ist längst der Ausbildungsverein

Offiziell sind Leipzig und Salzburg zwar nicht mehr verbunden, weil sonst nicht beide europäisch spielen dürften. Tatsächlich will die Uefa kein Problem darin sehen, dass sich vielleicht dereinst RB und RB im Final der Europa League gegenüberstehen. Die Transferströme aber sprechen eine deutliche Sprache: Hat Mateschitz nach dem Kauf 2005 jahrzehntelang erfolglos versucht, Salzburg in die Champions League zu führen, so ist der Club inzwischen ohne grosse Sentimentalitäten zum Ausbildungsverein für Leipzig umfunktioniert worden.

Dabei machen die Salzburger keine halben Sachen. Die hauseigene Akademie gilt als eine der besten weltweit. Letzte Saison gewann die U-19 die Youth League, die Champions League der ­Junioren. Scharenweise werden hier ­Talente auf den Hochtempo-Fussball getrimmt, den Ralf Rangnick dem Projekt verordnet hat, als er 2012 in Salzburg als Sportchef anheuerte.

Fussballroboter fürs Training

Dass der Deutsche inzwischen in Leipzig arbeitet, ändert nichts an der Ausrichtung in der Salzburger Ausbildung. Die Knaben müssen ihre Körper an die hohe Belastung gewöhnen, die intensives Pressing und schnelles Umschaltspiel mit sich bringen. Um das räumliche ­Denken zu schulen, haben RB Salzburg und RB Leipzig gemeinsam den «Soccerbot 360» entwickelt: ein runder, von Kameras erfasster Raum für Pass- und Schuss-Trainings. ­Alles wird gemessen und ausgewertet: Präzision, Reaktion, Geschwindigkeit.

Mit ähnlich klinischer Präzision geht Salzburg auf dem Transfermarkt vor. Spieler werden möglichst jung geholt und dann unter anderem mit Leihgeschäften auf grössere Aufgaben vorbereitet. Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel von Dayot Upamecano. Der französische Innenverteidiger wurde mit 16 verpflichtet und spielte zunächst bei Liefering, dem Red-Bull-Ableger in Österreichs zweithöchster Liga. Noch in seiner ersten Saison mit Liefering wurde er auch bei Salzburg eingesetzt, wo er die nächste Spielzeit verbrachte. Danach wechselte er flugs nach Leipzig. Für Hochbegabte wie ihn ist Salzburg ein sehr effizienter Durchlauferhitzer.

Inzwischen haben die Salzburger so viele Talente verpflichtet oder selbst ausgebildet, dass sie sie quer durch ­Österreich platzieren, weil sie keinen Platz mehr haben. Von den neun anderen Clubs in der höchsten Spielklasse haben nur drei keine Salzburger Leihspieler in den eigenen Reihen.

Nicht nur Spieler werden in Salzburg ausgebildet. Auch Trainer kommen aus der eigenen Schule. Marco Rose, einst während sechs Saisons unter Jürgen Klopp Profi in Mainz, wurde 2013 von ­Rangnick bei Lokomotive Leipzig entdeckt und als Salzburger Nachwuchstrainer verpflichtet. Diese Saison ist seine erste bei den Profis. Und seit er die Salzburger Ausbildungsgruppe zu Siegen über ­Lazio Rom und Dortmund geführt hat, gilt er bereits als eine der heissesten Trainer-Aktien auf dem Markt.

Dank Red Bull vor der Schweiz

Salzburg bestimmt den Herzschlag des österreichischen Fussballs. Im Schlechten, weil die Meisterschaft seit 2014 eigentlich vor dem ersten Spieltag entschieden ist. Aber auch im Guten. «Salzburg hat den heimischen Fussball in die Gegenwart geholt», lobt das Magazin «Profil». Und meint damit vor allem, dass Red Bull Österreich fast im Alleingang vor die Schweiz auf Rang 11 des Uefa-Rankings geführt hat. Das bedeutet, dass Österreichs Meister 2019 wohl direkt für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert ist. Wobei der natürlich Salzburg heissen wird.

Zunächst aber stehen die beiden Halbfinalspiele der Europa League an. Da wird sich Salzburg nicht nur auf viele eigene Talente stützen. Sondern auch auf Munas Dabbur. Der ehemalige Stürmer der Grasshoppers ist mit 26 Saisontreffern Salzburgs Topskorer. Ein, zwei Tore gegen Marseille – und vielleicht bringt der Durchlauferhitzer auch den Israeli auf die nächsthöhere Stufe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 19:34 Uhr

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