Ein Konzept in der Sackgasse

Trainer Raphael Wicky und Sportchef Marco Streller verdienen beim FC Basel eine zweite Chance.

Das Ende aller Träume. Michael Lang, Marek Suchy, Tomas Vaclik, Ricky van Wolfswinkel und Valentin Stocker (v.l). nach dem Schlusspfiff in Bern.

Das Ende aller Träume. Michael Lang, Marek Suchy, Tomas Vaclik, Ricky van Wolfswinkel und Valentin Stocker (v.l). nach dem Schlusspfiff in Bern. Bild: Keystone

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Mit einem aufwühlenden 2:2 in Bern gegen die Young Boys hat der FC Basel trotz einer guten Vorstellung sämtliche Chancen auf den Meistertitel verspielt. Für den Serienmeister ist das eine herbe Enttäuschung, aber keine Überraschung mehr. Sondern vor allem das Resultat einer missglückten Transferpolitik in der Winterpause, die sich in schlechten Leistungen auf dem Rasen niederschlug.

Erstmals seit neun Jahren wird der Meisterpokal also nicht in Basel in die Höhe gereckt, sondern in Bern. Die Young Boys spielen eine erstaunlich starke und vor allem konstante Saison. Sie haben den Titel, den ersten seit 32 Jahren, redlich verdient. Für den FCB gilt es nun, wenigstens den zweiten Tabellenplatz zu halten. Im Juli und August muss er sich dann durch drei Qualifikationsrunden kämpfen, will er im September an die fetten Fleischtöpfe der Champions League. Der Weg wird lang und dornig.

Noch im Dezember deutete nichts auf einen derartigen Einbruch des FC Basel hin, wie er ihn letztmals in der Saison 2008/09 erlebt hat. Die Mannschaft von Raphael Wicky wirkte gefestigt, sie hatte eine klare Spielidee, eine einleuchtende Hierarchie, agierte taktisch variantenreich und sie verströmte vor allem dieses an Arroganz grenzende Selbstverständnis des Gewinnens, das die Konkurrenz im Land zuvor jahrelang verzweifeln liess. In der Champions League holte sie mit dem Rekordwert von zwölf Punkten sogar die Sterne vom Himmel.

Die Hierarchie auf dem Kopf

Doch in der Winterpause passierten entscheidende Fehler, welche die Basler nun den Titel kosten. Ohne Not fummelten die Transferverantwortlichen um Sportchef Marco Streller heftig am Kader herum. Ohne Not stellten sie mit den Rückholaktionen von Fabian Frei und Valentin Stocker die Hierarchie auf den Kopf. Dazu kamen Verletzungen von Leistungsträgern wie Eder Balanta und unerklärliche Formschwächen von Spielern wie Mohamed Elyounoussi, die selten den Eindruck hinterliessen, reif für einen Wechsel ins Ausland zu sein.

Womit wir bei der Transferpolitik der Rotblauen wären. «Für immer Rot-Blau» heisst das Strategiepapier, mit dem Bernhard Burgener und seine neue Crew den FCB-Mitgliedern im letzten Frühling ihre Träume verkauften. Der Gedanke dahinter ist ehrenwert, aber in der Winterpause wurde er im Tagesgeschäft fast penetrant. Um jeden Preis baslerisch, schien die Devise – als ob die alte Führung um Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz ihre Aufgaben zuvor jahrelang vernachlässigt und aus schierem Trotz nur ausländische Profis engagiert hätte.

Natürlich war es richtig, wieder vermehrt auf heimisches Schaffen zu setzen, aber die Idee dahinter ist ungefähr so alt wie der Club selbst. Nur weil einer aus dem eigenen Talentschuppen kommt oder die rotblaue DNA trägt, muss er nicht jene Qualität mitbringen, die den Ansprüchen eines Serienmeisters genügt. Das gilt für Samuele Campo, aber auch für Albian Ajeti und ganz bestimmt für Valentin Stocker.

Im Gesamtpaket passt Wicky am besten zum FCB seit Thorsten Fink.

Auch in der übrigen Kaderplanung wurden Fehler begangen, die sich nun rächen. Vor allem in der Besetzung des Angriffs. Mit den Zuzügen von Ricky van Wolfswinkel, Albian Ajeti und Dimitri Oberlin versprachen sich Marco Streller und Co einen neuen Spektakelfaktor. Keiner des neuen Trios hat sich bis heute durchgesetzt, alle sind mit ihrem Status eher enttäuscht als zufrieden. Ajeti und Oberlin gehört wenigstens die Zukunft, der fussballerisch limitierte van Wolfswinkel dagegen ist eine glatte Enttäuschung. Ungelöst ist weiter die Frage, ob es einen neuen Spielmacher nach Matias Delgado braucht und vor allem: wer das sein könnte. Auch in der Abwehr gibt es ungeklärte Fragen. Léo Lacroixs Start war holprig, mittlerweile verteidigt er stabil, spielerisch ist er aber limitiert.

Für die Zusammenstellung des Teams ist in erster Linie Marco Streller verantwortlich. Zusammen mit Raphael Wicky ist er das Gesicht des FC Basel unter Bernhard Burgener. Ihr Konzept ist in einer Sackgasse gelandet. Streller deswegen vom Hof zu jagen, wäre dennoch ein kapitaler Fehler.

Denn Streller hat zweifellos auch viele kluge Entscheide gefällt – beispielsweise den Verkauf von Manuel Akanji. Das Basler Geschäftsmodell sieht vor, regelmässig seine Perlen in kurzen Hosen gewinnbringend weiterzugeben. Ein Schweizer Club in dieser kleinen Liga Europas darf niemals so arrogant sein, 20 Millionen Franken Transfererlös in den Wind zu schlagen. Streller, der Berufsbasler mit dem grossen Herzen, kommuniziert professionell und glaubwürdig. Er wird aus seinen Fehlern lernen. Er hat eine zweite Chance verdient.

Das Gleiche gilt für Raphael Wicky. Dass nun ausgerechnet unter dem charismatischen Walliser eine neunjährige Titelserie reisst, ist eher der Unberechenbarkeit des Geschäfts geschuldet als seinen Fähigkeiten. Im Fussball gibt es immer eine Wahrheit jenseits der Resultate. Im Gesamtpaket passt Wicky am besten zum FCB seit Thorsten Fink. Seine Trainingsinhalte überzeugen, seine Kommunikation nach innen und aussen ist fast schon beispielhaft. Das konstruktive Miteinander zwischen Trainerstaff und Mannschaft ist spürbar. Wicky forciert die Jugend, ohne zu übertreiben, ist taktisch flexibel und authentisch. Er weiss, dass das Publikum in Basel einen schwungvollen Fussball erwartet und jammert deswegen nicht ständig.

Zögerliche Personalwahl

Kritisieren kann man ihn in diesem Frühling für seine zögerliche und wechselnde Personalwahl in der Offensive sowie für den Umstand, dass einige Leistungsträger wie Vaclik, Suchy, Xhaka oder Elyounoussi verblüffend lange weg von ihrer Bestform waren. Ein Trainer muss seine Spieler besser machen. Im Herbst gelang das Wicky über Gebühr, zuletzt nicht mehr. Trotz seinen erst 40 Jahren ist er mediengestählt und kennt die Regeln des Geschäfts. Enttäuscht Wickys Mannschaft in den nächsten Wochen im spielerischen oder kämpferischen Bereich, gerät der Coach in Erklärungsnot – Jobgefahr inklusive.

Jahrelang hat der FC Basel in der Trainerfrage selbst das Tempo vorgegeben und antizyklisch Entscheide gefällt, die landesweit aufhorchen liessen. Murat Yakin und Urs Fischer mussten nach zwei Meistertiteln in Serie gehen, 2012 rettete selbst der Double-Gewinn den Deutschen Heiko Vogel nicht. Der Trainer, so die Philosophie, soll nicht Präger, sondern Träger der vereinseigenen Strategie sein mit kurz- oder mittelfristigem Haltbarkeitswert. Verlassen konnte sich der Club dabei auf ein Führungsgremium, das mit Besonnenheit, Mut, Erfahrung und Kompetenz brillierte.

Für welchen Führungsstil Bernhard Burgener steht, ist immer noch etwas unklar. Der scheu wirkende Unternehmer überlässt das Feld seinen Vertrauensleuten und agiert im Hintergrund – dort jedoch bestimmt er über jede Ausgabe und lässt keinen Zweifel offen, wer der Herr der Kasse ist. Das kann im Tagesgeschäft schnell zu Irritationen führen.

Burgener muss sich im Jahr eins ohne Titel die Frage gefallen lassen, ob er alle Positionen richtig besetzt und die Kompetenzen passend geregelt hat. Natürlich fallen nicht mehr Tore, wenn er auf der Tribüne sitzt oder sich hinterher der Presse stellt. Aber das Miteinander im St.-Jakob-Turm, dem Nervencenter der Rotblauen, ist nicht mehr das gleiche wie noch in der Ära Heusler. Die Art, mit wie viel Leidenschaft, Kompetenz, Empathie und Präsenz ein Club geführt wird, spiegelt sich früher oder später immer auch auf dem Rasen.

Das Thema Jean-Paul Brigger

Bei diesem Thema gibt auch die Wahl von Jean-Paul Brigger zu reden. Der 60-jährige Walliser ist Delegierter des Verwaltungsrats, worin man einen Spielmacher am Bürotisch erwartet. Bis heute hat allerdings noch niemand sein Aufgabenheft exakt definiert. Dementsprechend ist er bislang nur mit Interviews aufgefallen, in denen er die Härte der Presse gegenüber dem FCB beklagte. Täuscht der Eindruck und ist Brigger tatsächlich der richtige Mann am richtigen Ort, ist es höchste Zeit, dass er von Burgener lanciert und in die Verantwortung gezogen wird. Ist er jedoch im Tagesgeschäft ein Nonvaleur, belastet er unnötig die Lohnbuchhaltung und hat auf dieser Position nichts verloren.

Hinzu kommt Marco Strellers erweiterte Crew hinter den Kulissen: Bis heute wirkt sie eher wie ein Labyrinth als ein Kompetenzzentrum. Die Pflichtenhefte von Remo Gaugler, Roland Heri, Massimo Ceccaroni und Alex Frei sind fast so wachsweich umschrieben wie bei Brigger und man fragt sich, ob jemand weiss, wie zeitaufwendig und wertvoll die jeweilige Arbeit ist, die verrichtet wird.

Zusätzlichen Ballast und lästige Personaldebatten kann sich der FCB nicht mehr leisten, denn auch Burgener weiss: Ein Jahr ohne Titel ist verzeihbar. Zwei Jahre ohne Titel bringen auch ihn arg in Bedrängnis, drei Jahre ohne Titel wären ein Debakel für diesen Traditionsclub. Dann wäre Burgener mit seinem Konzept nicht in einer Sackgasse. Er wäre grandios gescheitert. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.04.2018, 09:19 Uhr

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