«Ein Sieg würde allen Hoffnung geben»

Fabian Frei sagt, wie wichtig das sonntägliche Spitzenspiel bei YB für den FCB ist und was er von Pünktlichkeit hält.

«Ich werde uns bestimmt nicht als Nummer zwei der Schweiz bezeichnen – allerdings wäre es auch doof, wenn ich aktuell sagte, dass wir die Nummer eins sind.» Fabian Frei, 29.

«Ich werde uns bestimmt nicht als Nummer zwei der Schweiz bezeichnen – allerdings wäre es auch doof, wenn ich aktuell sagte, dass wir die Nummer eins sind.» Fabian Frei, 29. Bild: Keystone

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Fabian Frei braucht keinen Aufpasser. Also wartet er nicht, bis ihn der Medienmitarbeiter des FC Basel abholt, sondern erscheint allein am Treffpunkt. Als ob er zeigen will, was man längst weiss: Der 29-jährige Ostschweizer mag Fussballer-Macken haben. Aber selber denken, handeln und dafür geradestehen muss er nicht mehr lernen.

Früher nannten sie ihn Schlaubi. Weil er schon immer zu den klügsten Kickern gehörte und das auch zeigte. Inzwischen ist das selten zu hören. Mit Intellekt und Charakter hat dies nichts zu tun. Mit Alter und Status wohl schon. Fabian Frei ist kein junger, vorlauter Spieler mehr. Sondern er ist in seiner zweiten Phase beim FCB der Chef. Im Januar zurückgekehrt, steht er im Mittelpunkt des Interesses. Erst recht, seit er nach Marek Suchys Verletzung die Captainbinde trägt – und noch stärker, weil es nicht läuft. In der Krise reissen sich Fussballer nicht ums Mikrofon.

BaZ: Fabian Frei, was kommt Ihnen zum 29. Mai 2013 in den Sinn?
Ist das das letzte Mal, dass der FC Basel in Bern gewonnen hat? … Nein, Moment: Das könnte das Spiel sein, in dem ich den Elfmeter versenkte.

Genau. Der FC Basel gewann 1:0 und stand vorzeitig als Meister fest. Wie weit ist die aktuelle Ausgabe von einem derart schönen Moment entfernt?
Ich könnte es mir einfach machen: So weit, wie man im September eben mathematisch von einem Erfolg wie einem Titel entfernt ist. Da ist keiner nahe dran. Aber es ist auch klar, dass die Gefühlslage beim FCB momentan eine komplett andere ist, als sie das in einer Phase des Erfolgs wäre. Schöne Momente gab es in dieser Saison bislang wenig. Es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben.

Warum nicht?
Über die Gründe wurde ja schon viel geschrieben. Aus Sicht des Spielers ist uns das Selbstverständnis abhanden gekommen, das den FCB früher ausgezeichnet hat. Damals gingen wir mit der Haltung auf den Platz, dass wir am Ende gewinnen – egal, was in den 90 Minuten passiert. Zuletzt reichte oft ein einzelnes Ereignis, um uns aus dem Tritt zu bringen.

Und jetzt?
Jetzt müssen wir uns das wieder erarbeiten. Aber gleichzeitig müssen wir alle – also Spieler, Club und Fans – akzeptieren, dass der FCB eine schwierige Phase erlebt. Es ist nicht 2013. Nicht 2014. Und es ist schon gar nicht die Zeit, in der wir mit 20 Punkten Vorsprung führen. Das alles ist ungewohnt. Aber es ist kein Weltuntergang. Wir spielen nicht gegen den Abstieg, wie das dem FC Zürich passiert ist. Ich habe jedenfalls nie gedacht, dass der FCB die nächsten 100 Jahre Meister wird. Und zu glauben, dass ein Führungswechsel dereinst reibungslos verläuft, war naiv. Trotzdem kann der zweite Platz nicht unser Anspruch sein. Ich werde uns bestimmt nicht als Nummer zwei der Schweiz bezeichnen – allerdings wäre es seltsam, wenn ich aktuell sagte, dass wir die Nummer eins sind.

Der FCB hat mit Raphael Wicky jenen Trainer entlassen, der zum Konzept «Für immer Rotblau» zu passen schien, und mit Marcel Koller die Antithese geholt. Der Herbst ist ohne Europacup, in der Meisterschaft liegt man neun Punkte hinter YB. Im Moment wirkt es so, als ob der Club nach Orientierung suchte. Worum geht es in dieser Saison noch?
Das sind viele und komplexe Dinge, die Sie einen Fussballer fragen …

Es heisst, Ihr Horizont ende nicht an der Eckfahne …
Und meine Kompetenz? (Lacht.) Aus meiner Sicht geht es nach wie vor um zwei Wettbewerbe, deren Gewinn wir als Ziel formuliert haben. Im Moment ist aber klar, dass wir nicht davon reden müssen, dass wir auf Meisterkurs sind. Das sind wir nicht. Also geht es für uns darum, den Abstand auf die Young Boys zu verringern.

Wie wichtig ist da am Sonntag ein Sieg in Bern, gegen YB?
Der wäre sehr, sehr wichtig. Auch wegen der Punkte. Aber vor allem auch, weil wir so ein Zeichen setzen. Wir haben schon lange kein grosses Spiel mehr gewonnen. Es wird Zeit, zu zeigen, dass wir das noch können. Für uns, den Club und das Umfeld.

Damit wieder Hoffnung ist?
Es stimmt, davon ist momentan nicht so viel auszumachen. Ja, ich denke, ein Sieg gegen YB würde allen Hoffnung, Glauben geben. Ich denke, dass es ein Schlüsselerlebnis wäre, durch das wir ins Rollen kommen.

Sie scheinen da Potenzial zu sehen, das viele Aussenstehende nicht sehen …
Aber wie war das denn in den acht Meisterjahren? Wie oft brauchte es einen Moment, ein Spiel, um in der Folge einen harzigen Start vergessen zu machen? Es kam mehrmals vor.

Sie glauben also, dass die aktuelle Mannschaft stärker ist als YB?
Klar ist für mich, dass YB in der jüngeren Vergangenheit zugelegt hat. Die Berner haben eine richtig gute Mannschaft. Aber ich sage nicht, dass wir schlechter sind oder schlechter geworden sind. YB hat sich zuletzt mehr verbessert als wir – das kann ich gelten lassen. Und die Berner sind somit ein sehr starker Gegner. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Mannschaft haben, um YB zu schlagen.

Warum hat dann YB neun Punkte mehr?
Weil YB seit einiger Zeit auf einer Welle reitet. Die Berner hatten zuletzt im Zuge des Meistertitels jenes Selbstverständnis auf nationaler Ebene, das uns abhanden gekommen ist. Wir waren ja – ohne den Cup – in der vergangenen Saison in den Direktbegegnungen nicht schlechter. Aber wir haben in den anderen Spielen viel mehr Punkte liegen lassen. Wenn man das als Qualitätsmerkmal einer Mannschaft sieht, dann ist YB bis hierhin besser. Und war es definitiv in der Vorsaison, weil eine Tabelle nach 36 Runden nicht lügt. Aber jetzt sind erst sieben Runden gespielt.

Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass beim FCB alles besser wird?
Ich spüre von Spiel zu Spiel eine positive Entwicklung unter Marcel Koller als Trainer. Eine Klammer ist um die Partie auf Zypern zu machen. Dort hatten wir in erster Linie einen ganz schlechten Tag, was vorkommt, aber aufgrund der Bedeutung äusserst bitter ist. Natürlich spielt bei meinen Überlegungen auch eine Rolle, dass YB erstmals Champions League spielt.

Sie verbinden damit die Hoffnung, dass YB die Belastung spürt …
Natürlich tu ich das. Darauf muss man in der jetzigen Situation ja auch hoffen – wenn YB einfach alles weiter gewinnt, dann wird es selbst mit vier Siegen in den Direktbegegnungen unglaublich schwierig.

Was sind die Königsklasse-Probleme?
Sicher die körperliche Müdigkeit. Dazu kommt das Emotionale. Es ist menschlich, dass man im Cornaredo oder Tourbillon oder sonst wo in der Schweiz nicht mit jener Motivation und Spannung antritt, wie man das gerade im Old Trafford oder gegen Ronaldo getan hat. Du schaust einen Film vor dem Fernseher auch nicht wie im Kino. Und es ist auch eine Herausforderung für den Trainer: Die Beanspruchung führt dazu, dass in der Liga Spieler auflaufen, die in der Champions League enttäuscht zuschauen. Nun muss man sie trotzdem dazu bringen, dass sie voll gehen.

Wo man sich umhört, heisst es, Sie hätten sich mit Kollers Vorgänger Wicky nicht verstanden. Was entgegnen Sie?
Das stimmt nicht. Ich mag den Typen Raphael Wicky. Was aber stimmt: Ich habe eine andere Auffassung vom Fussball, den der FCB national spielen soll, als dies bei Wicky teilweise der Fall war. Ich bin mehr beim Ballbesitz- und weniger beim Umschaltfussball zu Hause. Und ich bin nicht der Typ Spieler, der sich dazu keine Gedanken macht – ohne dass ich für mich in Anspruch nehme, dass meine Meinung richtig ist. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass ich mich mittelfristig nicht als Innenverteidiger gesehen habe. Ich kam mit der Erwartung und dem Anspruch, im Mittelfeld eine Führungsrolle zu übernehmen. Aber: Ich verstand auch, warum ich in der Verteidigung zum Einsatz kam – und manchmal habe ich es dort auch gemocht.

Die Entlassung kam aber zum falschen Zeitpunkt, oder?
Ich denke, das haben ja schon wichtigere Club-Exponenten festgestellt. Dass es zwischen zwei Qualifikationsspielen zur Champions League suboptimal war, ist nach dem 0:3 gegen Paok Saloniki irgendwo klar, und man kann das mit all der Unruhe nachvollziehen. Aber was, wenn wir gewonnen hätten? Es ist nicht so, dass das im Fussball noch nie vorgekommen ist.

Unter Koller fühlen Sie sich wohler …
Ich will die Trainer nicht vergleichen. Aber ja, ich schätze Kollers Werte.

Was heisst das?
Ich finde es zum Beispiel ganz okay, wenn auf Disziplin viel Wert gelegt wird. Mich hat vor einiger Zeit ein Spieler gefragt, warum ich immer pünktlich sei. Ich habe geantwortet, weil verlangt wird, dass man pünktlich ist – und ich entsprechend früh genug losgehe. Wer immer eine Minute vor der Zeit ankommt, der ist irgendwann zu spät. Dann einfach zu sagen, es hatte viel Verkehr, mag zwar stimmen, ist aber keine Entschuldigung. Inzwischen kommt eigentlich kein Spieler mehr zu spät.

Auch, weil der Bus pünktlich fuhr, obwohl Afimico Pululu nicht drin sass?
Ja, das hatte sicher Wirkung. Wobei man das nicht zu hoch hängen sollte. Wir fuhren ja nicht nach Sion, sondern nur ins nächste Hotel. Und es war auch ein Missverständnis: Alle Spieler dachten, es gehe bei der vereinbarten Zeit darum, dass wir in der Kabine sitzen – der Trainer meinte aber die Abfahrtszeit des Busses. Dass Afimico da dann nicht drin sass, lag daran, dass sein Schrank aus Platzgründen noch in der Juniorenkabine ist. Im Grunde war er einfach zur rechten Zeit am falschen Ort.

Koller hat Ihnen auch klar jene Rolle zugedacht, für die Sie zurückgekehrt sind. Nun sind Sie sogar Captain und der Spieler, der immer Auskunft gibt …
Mag sein. Aber wissen Sie, was?

Was?
Es ärgert mich enorm, dass ich bisher fast nur dastand, um zu erklären, warum es nicht läuft. Ich will endlich auch erklären können, warum wir stark gespielt haben. Und zwar bald.

Was ist eigentlich, wenn der FCB gegen YB verliert?
Daran denke ich nicht. Es wird nicht passieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.09.2018, 09:44 Uhr

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