«Ein klarer Penalty!» «Nein, eine klare Schwalbe!»

Der Cupfinal vom Sonntag zwischen dem FC Basel und Lausanne-Sport ist eine Neuauflage des Endspiels von 1967. Die Basler gewannen damals, die Westschweizer reagierten mit Sitzstreik.

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Vier Jahrzehnte und drei Jahre ist es her, seit Helmut Hauser in der 89. Minute des 42. Cupfinals zwischen Basel und Lausanne den gegnerischen Strafraum betrat. Der Ex-FCB-Spieler hat jenen Moment so gut in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen. Und das ist gut so: Denn der Schopfheimer, seit sechs Jahren pensioniert, muss in diesen Tagen besonders oft Auskunft geben über das, was damals im Berner Wankdorfstadion so kurz vor Spielschluss geschah. Was er im übrigen sehr gerne tut. Schliesslich war er es, der an jenem gewittrigen Nachmittag an den entscheidenden Szenen beteiligt war. «Ich habe die beiden Treffer für den FCB geschossen», sagt er, «auch wenn mir diese später gestohlen wurden.»

1:1 heisst es kurz vor der drohenden Verlängerung, als Helmut Hauser also den Lausanner Strafraum betritt. Der Deutsche, der 1964 für eine Transfersumme von 8000 Franken von Schopfheim zum FCB gewechselt hat, ist an jenem Tag in Torlaune, wie sich bereits früh zeigt. In der 11. Minute legt ihm Spielertrainer Helmut Benthaus mit einem Querpass den Ball auf, Hauser drückt aus 25 Metern sofort ab – und erzielt den Führungstreffer, zu dem er kaum je befragt wird.

Gehässiges Spiel

Zwei Minuten nach der Pause kassieren die Basler den Ausgleich, als Josef Kiefer einen Freistoss von Dürr unglücklich ins eigene Tor ablenkt. Danach gehen die Wogen hoch. Eine gehässige Note kommt ins Spiel, an der laut dem damaligen «Nationalzeitung»-Berichterstatter Peter Vogel «leider – ich muss es so sagen – der Basler Moscatelli schuld war, der Dürr unmotiviert und weit ab vom Spielgeschehen ummähte». Der Lausanner Hosp revanchiert sich mit einer Aktion, die man, so Vogel, «nur als Tätlichkeit qualifizieren konnte».

In dieser aufgeheizten Atmosphäre betritt Helmut Hauser in der 89. Minute den gegnerischen Strafraum. Rechts aussen geht Karli Odermatt durch und flankt scharf zur Mitte. «Der Ball kommt ungefähr auf den Penaltypunkt», erzählt Hauser, «ich steige hoch, doch André Grobéty gibt mir einen leichten Schubs von hinten. Wer schon Fussball gespielt hat, weiss, dass man da natürlich aus dem Gleichgewicht kommt.» Schiedsrichter Karl Göppel pfeift sofort Elfmeter. Vollkommen zu Recht, findet Karl Odermatt. «Als ich flanke und Helmut hochsteigen sehe, denke ich: Das könnte ein Tor geben. Da wird er von hinten gestossen und stürzt unter dem Ball hindurch zu Boden. Göppel blieb gar keine andere Wahl, als zu pfeifen. Ein klarer Penalty!»

Bestens positioniert

Das sehen die Lausanner freilich anders. Für Verteidiger Ely Tacchella hat sich Hauser fallen lassen. «Er war bekannt dafür», sagt Tacchella und belegt die Behauptung mit seiner Erinnerung an die «unglaubliche Zahl von sieben Penaltys, die Hauser allein gegen uns herausgeschindet hat». André Grobéty selbst hat noch heute «nicht den Eindruck, dass das ein Foul war». Erst letzthin habe er in einem Spiel einen Stürmer gesehen, der sich fallen liess und dann aus dem Augenwinkel zum Schiedsrichter hinüberschaute, ob der darauf reingefallen war. «Das hat mich an die Szene mit Hauser erinnert. Eine klare Schwalbe!»

Helmut Hauser hält dem entgegen, dass Schiedsrichter Karl Göppel bestens positioniert war. «Er war nur sechs bis sieben Meter entfernt und hatte freie Sicht.» Göppel sei ein erfahrener, anerkannter Referee gewesen, auf einer Stufe mit Gotti Dienst, der ein Jahr zuvor wegen des Wembley-Tores im WM-Final zwischen England und Deutschland im Fokus gestanden hatte.

Minutenlange Verzögerungen

Karl Göppel ist mittlerweile verstorben. In Josef Zindels Buch «FC Basel – Emotionen in Rotblau» (Opinio Verlag, 2001) hat der Zürcher Referee allerdings seine Sichtweise jener Szene geschildert: «Ich habe die Situation, um die es ging, noch immer ganz klar vor Augen, zudem besitze ich noch die Fernsehaufnahmen. Also, es war vielleicht anderthalb oder zwei Minuten vor Ende des Spiels, da kam eine Flanke in den Strafraum hinein, der Hauser steigt mit dem Kopf nach dem Ball und wird von hinten in den Rücken gestossen. Für mich war es Penalty, ganz klar, und ich bin bis auf den heutigen Tag dieser Meinung geblieben, auch wenn fast jede Zeitung geschrieben hat, dass man zu diesem späten Zeitpunkt eines Matches doch keinen Penalty mehr pfeifen kann.»

Die Lausanner waren nicht gewillt, den Entscheid einfach so hinzunehmen. Minutenlang diskutierten sie mit dem Schiedsrichter und störten Hauser immer wieder, als er den Elfmeter treten wollte. «Die haben beim Penaltypunkt ein Riesenloch gegraben», erzählt Hauser, «und ich habe es immer wieder mit Erde zugeschüttet.» Eigentlich war Stocker für die Elfmeter vorgesehen, doch dann schnappte sich Hauser den Ball, weil er sich so sicher fühlte. Er nahm Anlauf, Lausannes Goalie Schneider entschied sich früh für eine Ecke, was dem Basler Angreifer die Sache erleichterte. Mit einem trockenen Schuss in die linke Torhälfte traf Hauser zum 2:1 – «ungefähr in der 96. oder 97. Minute», wegen der vielen Diskussionen und Verzögerungen.

«Es war ein Penalty»

Jetzt hatten die Waadtländer erst recht keine Lust mehr, während der verbliebenen zwei, drei Minuten weiterzuspielen. Sie veranstalteten stattdessen das, was damals als Form des friedlichen Protests gang und gäbe war: ein Sit-in mitten auf dem Rasen des Wankdorfstadions. Auslöser des Sitzstreikes soll gemäss Göppel kein Geringerer gewesen sein als Karl Rappan, Sportdirektor der Lausanner, aber auch langjähriger Schweizer Nationaltrainer. Karli Odermatt hat heute noch kein Verständnis für die Aktion, die den Spielabbruch zur Folge hatte: «Wir waren auch schon mit Penalty-Entscheiden des Unparteiischen unzufrieden, haben uns deswegen jedoch noch nie einfach hingesetzt.» Grobéty spricht von einer spontanen Aktion, ansonsten gibt er zu bedenken, dass alles doch schon über 40 Jahre her sei, «und da kann man sich nicht mehr an alles erinnern».

Sehr genau weiss Helmut Hauser allerdings, dass das Resultat Wochen später am Grünen Tisch in ein 3:0 für den FCB umgewandelt wurde. «Die haben mir einfach meine beiden Tore gestohlen», sagt er halb empört, halb lachend. Nun freut er sich auf den Sonntag. Im Restaurant UNO ist vor dem Cupfinal eine Wiedervereinigung der Gegner von 1967 geplant. Natürlich werden die Spieler über die 89. Minute, das Foul oder Nicht-Foul an Hauser und den Sitzstreik diskutieren. «Bei aller Polemik», findet Grobéty, «jenes Spiel hat auch sein Gutes: Ohne die ganzen Geschehnisse wären wir nun nicht alle vor dem Cupfinal in Basel versammelt.» Das sieht auch Hauser so, wobei für ihn eines klar ist: «Es war ein Penalty.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.05.2010, 10:14 Uhr

Helmut Hauser schoss zwei Tore, die ihm jedoch wieder gestohlen wurden. (Bild: Dominik Pluess)

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