Er war anders als die russischen Fussball-Oligarchen

Beim Heli-Crash vor dem Stadion kam der Leicester-Präsident ums Leben. In der Stadt galt er als «Legende».

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Am frühen Sonntagmorgen kamen die Ersten zum Stadion am Filbert Way, um Blumengebinde und Kerzen abzulegen. Jemand hatte ein Bild der Hindu-Gottheit Ganesha an die Wand gelehnt. Reihen von blauweissen Schals des FC Leicester City waren davor drapiert, aber auch Trikots in den Farben von Aston Villa oder Manchester City. Das Wort «Danke» stand auf einer schlichten Karte.

Auch am Tag nach dem Absturz des Helikopters des Clubpräsidenten Vichai Srivaddhanaprabha war unklar, wie es zu der Katastrophe kommen konnte, die viele, die dem Verein und seinem Eigner nahestanden, Fans, Zuschauer, aber auch Angestellte von Leicester City, aus kürzester Distanz erleben mussten. Dass der Helikopter des Präsidenten nach jedem Heimspiel mit dem Chef an Bord vom Rasen abhob, war seit 2010, dem Jahr, als der thailändische Unternehmer Srivaddhanaprabha den Club übernommen hatte, zur Tradition geworden.

Auch am Samstag, eine Stunde nach Abpfiff des 1:1 gegen West Ham, drehten sich wie üblich die Rotoren. Die Maschine, eine Agusta Westland AW169, überquerte das Stadiondach und begann dann unkontrolliert wie ein Kreisel zu trudeln, berichtete ein Augenzeuge dem Sender BBC Radio Leicester. Auch Peter Shilton, früher englischer Nationaltorwart und in Leicester geboren, sah, wie der Helikopter nach dem Aufprall um 20.30 Uhr in Flammen aufging, wie er später auf Twitter schrieb: «Ich bete für alle, die von dem Unglück betroffen sind.» Leicesters Keeper Kasper Schmeichel soll als einer der Ersten zum Unglücksort gelaufen sein.

Jamie Vardie in tiefer Trauer

Die Absturzstelle liegt ausserhalb der King Power Arena auf dem Stadiongelände in einem Teil des Parkplatzes, der von den Clubangestellten genutzt wird. Ob Passanten am Boden durch das Unglück verletzt wurden, blieb zunächst unklar, ebenso die Zahl der Helikopter-Passagiere und die Frage, ob Srivaddhanaprabha tatsächlich an Bord gewesen war. Erst am späten Sonntagabend bestätigte der Club per Twitter und «mit tiefstem Bedauern und gebrochenem Herzen», dass Vichai Srivaddhanaprabha bei dem Absturz ums Leben gekommen ist, ebenso wie vier weitere Personen. Aiyawatt Srivaddhanaprabha, der Sohn des Clubeigners, der auch als Vizepräsident fungiert, war an diesem Samstagabend nicht im Stadion.

Helikopter von Fussballclub-Besitzer geht in Flammen auf: Die Bilder von der Absturzstelle in Leicester. Video: AFP

«Die Welt hat einen grossartigen Mann verloren. Einen Mann voller Freundlichkeit und Grosszügigkeit. Er hat Leicester geführt wie eine Familie», teilte der Club mit. Auch Jamie Vardy, der englische Nationalstürmer von Leicester, machte seiner Trauer Luft: «Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden. Aber für mich warst du eine Legende, ein unglaublicher Mann, der alles für mich, meine Familie und den Club getan hat», schrieb Vardy bei Instagram.

Dass Leicester, die Stadt und der Club, dem thailändischen Gönner viel zu verdanken haben, steht ausser Frage. Als «sehr, sehr grosszügigen Menschen», beschrieb ihn am Sonntag Sven-Göran Eriksson, der erste Trainer, den Vichai Srivaddhanaprabha verpflichtet hatte, als er vor acht Jahren für 39 Millionen Pfund den Fussball-Zweitligisten übernahm – einen Club mit grosser Tradition, aber damals ohne nennenswerte Perspektive. In Thailand ist Srivaddhanaprabha mit Duty-Free-Läden zum Milliardär geworden, sein Unternehmen King Power betreibt unter anderem die Ladenflächen in Thailands grösstem Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi; nach diesem Geschäftserfolg ist auch das Stadion in Leicester benannt.

Die Generosität des Firmengründers erstreckte sich nicht nur auf das kickende Personal. Dass er, anders als der Rest der Oligarchen und Tycoons in der Premier League, auch die Menschen im Ort an seinem Reichtum teilhaben liess, hat ihn zu einem der beliebtesten Clubbesitzer auf der Insel gemacht. Er hat ein neues Kinderkrankenhaus mit zwei Millionen Pfund unterstützt und der Medizinischen Fakultät der Uni Leicester eine Million Pfund vermacht. Im April, zu seinem 60. Geburtstag, verschenkte er sechzig Jahreskarten an Vereinsmitglieder, und regelmässig spendierte er Freibier und Hot-Dogs im Stadion am Filbert Way.

Was ihm in der 300'000-Einwohner-Stadt in den Midlands jedoch eine Verehrung einträgt, die der für die Gottheit Ganesha nur wenig nachsteht, ist der Umstand, dass sein Investment Leicester City im Jahr 2016 einen gänzlich unerwarteten triumphalen Meistertitel in der Premier League ermöglichte – der Logik der Branche zum Trotz. Noch zu Beginn der Saison 2015/2016 hatte Leicester damals als Abstiegskandidat Nummer eins gegolten.

Er gab dem Fussball die Faszination zurück

Srivaddhanaprabha hatte den Trainer gefeuert, der Italiener Claudio Ranieri übernahm und führte ein Team ohne grosse Namen mit taktischer Detailarbeit und klugem Management zu einer derart stürmischen Überlegenheit, dass es Clubs wie Chelsea, Liverpool oder Manchester City besiegte – Mannschaften, die zehnmal teurer waren. In Leicester reiften damals Spieler wie Jamie Vardy heran, ein Akteur, der acht Jahre zuvor noch in der siebten englischen Liga kickte und in einer Fabrik arbeitete, weil er wegen seiner schmächtigen Statur keinen Profivertrag bekam.

Mit dem Titelgewinn 2016 hat Leicester nicht nur unter Beweis gestellt, dass die Hegemonie der Finanzgewalt in der Premier League zu brechen ist. Der kleine Club hatte der Liga, zumindest für eine Saison, auch die Faszination zurückgegeben, die das Fussball-Publikum in die Stadien zieht: die Unvorhersehbarkeit des Ausgangs einer Partie. Auch dafür haben die Fans, die am Sonntag ihre Schals, Trikots und Blumen an der Mauer ablegten, dem Präsidenten Vichai Srivaddhanaprabha gedankt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.10.2018, 10:14 Uhr

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