«Er würde unseren Gegner alleine auseinandernehmen. Alleine!»

Urs Siegenthaler, Basler Berater und Chefscout beim Fussballweltmeister Deutschland, über seinen Beitrag zum Titelgewinn und das 7:1 gegen Brasilien. Und einen Strassenfussballer, der ihn beinahe zu Tränen rührte.

«Diese Geschichte ist grösser als alles andere.» Urs Siegenthaler auf der BaZ-Redaktion mit Miniatur-WM-Pokal und Goldmedaille.

«Diese Geschichte ist grösser als alles andere.» Urs Siegenthaler auf der BaZ-Redaktion mit Miniatur-WM-Pokal und Goldmedaille. Bild: Kostas Maros

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Seit 2004 jettet der Basler Urs Siegenthaler für den Deutschen Fussball-Bund rund um den Globus, um sich ein Bild von den gegnerischen Mannschaften zu machen. Er tut dies mit Erfolg: Zusammen mit Bundestrainer Joachim Löw gilt der 67-Jährige als Baumeister des WM-Titels, den Deutschland in Brasilien holte. Über die Festtage weilt Urs Siegenthaler in der Schweiz, sodass sich ein Gespräch auf der Redaktion der Basler Zeitung anbietet. Der Ex-FCB-Spieler und -Trainer erscheint mit einem Koffer, öffnet ihn und holt den WM-Pokal in Miniatur sowie eine Goldmedaille heraus. Danach redet und gestikuliert er zwei Stunden lang, zwischendurch springt er auf – kurz: Einen kurzweiligeren Gesprächspartner gibt es nicht. Lesen Sie Teil 1 des grossen Interviews mit dem einzigen Basler, der sich Fussball-Weltmeister nennen darf.

BaZ: Urs Siegenthaler, Sie sind zu uns gekommen, um in aller Ausführlichkeit über den WM-Titel mit Deutschland, den Fussball und sich selbst zu sprechen.
Sie wissen ja, meine Ansprachen an die Mannschaft vor einer Partie dauern nur acht Minuten. Alles, was danach kommt, das vergisst man wieder oder nimmt es gar nicht mehr auf.

Nur acht Minuten? Hat das der Bundestrainer Joachim Löw so definiert?

Nein, das hat der Urs Siegenthaler so definiert.

Reichen acht Minuten, um über den Gegner zu reden?
Wir reden unmittelbar vor dem Spiel nur noch über uns. Die Vorbereitung auf ein Spiel beginnt natürlich nicht erst vor dem Match in der Kabine, sie hat bei uns bereits zehn Jahre vorher angefangen, wenn wir jetzt über die WM 2014 reden. Erfolg kann man sich nicht einfach herbeiwünschen oder fordern und schon gar nicht kaufen. Nein, Erfolg ist eine Konsequenz.

Was ist nötig, damit es zu dieser Konsequenz kommt?
Dazu braucht es eine Idee. Wohin wollen wir? Wie sieht der Weg dorthin aus? Und es braucht eine bestimmte Mentalität: Wie gehen wir miteinander um, wie treten wir auf diesem Weg auf, den wir beschreiten? Der deutsche Bundestrainer hat die Mentalität der Mannschaft verändert. Dafür musste er andere, neue Werte vermitteln, die wichtig sind – wie der Drang nach offensivem Fussball oder Demut. Schliesslich folgte der dritte Baustein, die konsequente Umsetzung. Wenn Sie diese drei Dinge machen, dann ist Erfolg nicht mehr vermeidbar.

Ist es wirklich so einfach?
Ja und nein. Schauen Sie, wenn wir alle gemeinsam eine Vielzahl von Fussballspielen beobachten, dann fällt doch auf: 90 Prozent der Mannschaften spielen wie du und ich. Der eine spielt dem andern den Ball in die Füsse. Der andere in den Raum. Der Dritte nimmt den Ball in die Hände. Alles ohne gemeinsame Idee. Ohne diese aber hast du nicht Erfolg. (Längere Pause.) Jetzt sind wir schon mitten drin.

Das ist uns recht. Sie haben Ihren Miniatur-WM-Pokal und die Goldmedaille dabei, die Sie in Brasilien erhielten. Wo bewahren Sie die Auszeichnungen auf?
Bei mir zu Hause, in einer Vitrine.

Ist es der grösste Erfolg Ihrer Karriere?
Diese Geschichte ist grösser, als es die Meistertitel mit dem FC Basel gewesen sind. Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Meine Töchter wissen ja gar nicht, dass ich mit dem FCB als Spieler Meister geworden bin. Aber was heisst schon wichtig? Was heisst gross? Ich habe nach dem gewonnenen Final zu Jogi Löw gesagt: «Hallo, Weltmeister! Herzliche Gratulation. Aber eigentlich ist das gar nicht so wichtig. Wirklich stolz kannst du darauf sein, wie du die Mentalität dieser Mannschaft verändert hast. Es gab wohl keine Nation, die der Meinung war, wir hätten diesen Titel nicht verdient. Mit Anstand, schönem Fussball. Das ist die wahre Leistung.» Als ich ihm das sagte, hatten wir beide Tränen in den Augen.

Aber für Joachim Löw war der WM-Titel schon wichtig.
Es war einfach so, dass der Titel in den Medien und teilweise von der Öffentlichkeit gefordert wurde. Und bei einigen kam diese Forderung durchaus unanständig rüber. In einer Art, wie ich das nicht verstehen kann. Dabei ist doch nicht nur der Titel Ausweis von Erfolg. Wir waren an den vier Turnieren zuvor mindestens unter den besten drei Equipen. Das ist auch ein Erfolg.

Aber irgendwann muss man den Sack auch zumachen und den Titel holen.
Ja. Auch wir hätten jedoch in Brasilien scheitern können. Genau deshalb ist der Fussball so faszinierend – und tun sich die US-Amerikaner so schwer damit, den Fussball zu lieben. Dort ist es doch so: Wer immer wieder beim Gegner in die Endzone kommt, wer angreift, wer stärker auftritt, der gewinnt. Nehmen Sie Basketball oder auch Handball: Wenn Sie da nicht in den Angriff gehen, verlieren Sie haushoch. Im Fussball muss das nicht so sein: Da kann ich ständig im Strafraum des Gegners zum Abschluss kommen, trotzdem gewinnen am Ende die anderen, weil sie den einen entscheidenden Konter nutzen, den man ihnen in 90 Minuten gewährt. Die Amerikaner verstehen das nicht.

Sie haben vor der WM gesagt, Sie würden danach verraten, worauf es ankommt, wenn man als erster Europäer in Südamerika Weltmeister werden will. Und, worauf kommt es an?
Hmmm … Ich sage Ihnen zuerst mal, worin ich mich geirrt habe. Falsch eingeschätzt haben wir die Klimabedingungen. Wir dachten alle, es sei so heiss, und es würde entsprechend viele lahme Spiele mit defensiven Gegnern geben. Doch das war einerseits nicht so, weil es gar nicht so heiss war und die Kleinen mutig auftraten. Und andererseits kamen unsere Spieler auf uns zu: Captain Philipp Lahm fand, wir sollten doch mal aufhören mit dieser 36-Grad-Celsius-Leier. Im Sommer herrschten an den Bundesliga-Spielen auch hohe Temperaturen – und da interessiere das niemanden, da werde auch Leistung erwartet. Von diesem Moment an war das kein Thema mehr.

Gab es an der WM einen Moment, bei dem alles hätte kippen können?
In der Gruppenphase gingen wir hohes Risiko ein. Wir betrachteten diese aufgrund unserer vielen Verletzten als Vorbereitungsphase. Und das gegen Portugal, Ghana und die USA. Eigentlich verrückt! Aber wir mussten das so tun, uns neu formieren und finden. Im Nachhinein erwies sich dies dann als Glücksfall, war es etwa für Bastian Schweinsteiger kein Problem, nicht immer gespielt zu haben. Ich denke, Ghana war so ein Schlüsselmoment zum Glück: Es war wichtig, dass wir in dieser Phase ein 2:2 erreichten und nicht verloren.

Und was ist mit dem mühevollen 1:0 gegen Algerien im Achtelfinal?
Natürlich stand dieses Spiel auf Messers Schneide. Wissen Sie, ich ging die Algerier nochmals beim letzten Gruppenspiel beobachten. Mein Platz im Stadion war von algerischen Fans besetzt. Die liessen nicht mit sich diskutieren, es interessierte sie einzig und allein der Match. Ich musste dann das ganze Spiel über an einem anderen Platz stehen. Diese Geschichte habe ich dann unserer Mannschaft erzählt. So konnte ich ihr zeigen, was für die Algerier wichtig ist. Wie fanatisch die sind. Was hatte Algerien gegen uns denn zu verlieren? Nichts. So spielten die Nordafrikaner dann auch: Hinten mit starken Goalieparaden und etwas Glück, nach vorne mit langen Bällen. Da war jeder Befreiungsschlag von denen mit der Hoffnung verbunden, wir mögen doch einen Fehler machen. Und umgekehrt spielte bei uns als Favorit stets die Angst mit, eben diesen Fehler im Eins-gegen-eins zu begehen. Je länger das so geht, bewirkt diese Situation, dass eine Waage, die so ist (hebt die eine Hand hoch, die andere tief), sich in die andere Richtung bewegt (gleicht die Positionen an).

Nicht ganz so knapp war es dann im Halbfinal gegen Brasilien: 5:0 zur Hälfte, 7:1 am Ende – eine der unglaublichsten Partien in der Geschichte der Fussball-WM. Was war da zur Pause in der deutschen Kabine los?
Ich würde Ihnen das jetzt nicht erzählen, wenn Jogi es nicht vor einigen Tagen selber getan hätte. Ich habe zu ihm schon vor der Partie gesagt: «Brasilien ist der dankbarste Gegner, den wir bekommen konnten. Wir werden nie mehr zu so vielen Chancen kommen wie gegen dieses Team.» Brasilien wurde bis dahin ja völlig überschätzt. Was hatte diese Mannschaft zu bieten? Taktisch? Technisch? Mental?

Nicht viel, werden Sie sagen.
Genau. Ich will niemanden verletzen, aber meine Einschätzung ist: Das ist ein gutes Team für den Zirkus, aber auf Weltniveau sicher nicht für den Fussballplatz. Wenn wir von Brasilien reden, dann denken wir an Socrates, Zico, Pelé, Garrincha – das verknüpfen wir mit brasilianischem Fussball. Aber an dieser Weltmeisterschaft? Viel Härte, wenig Glanz. Ich habe da 17 klare Tätlichkeiten gesehen, es ging nur auf den Mann. Allein Fernandinho beging drei derbe Foulspiele, da hätte Karli Odermatt früher in der Kabine gesagt: Den will ich nicht mehr in meinem Team!

Sie haben also insgeheim damit gerechnet, dass es so herauskommen würde!
Ich wusste: Wenn wir unser Spiel spielen und nicht in Hektik verfallen, sind wir besser. Brasilien hatte defensiv ja gar kein erkennbares Konzept. Und vorne setzten sie auf Spieler wie Fred oder Hulk. Wie viel sind diese Spieler wert? 60 Millionen Franken? Da hätten sie Peter Ramseier aber damals für 70 Millionen verpflichten müssen! Karli schrieb mir vor der Partie eine SMS über einen Spieler, den ich hier nicht namentlich erwähnen möchte. Der Text lautete jedenfalls in etwa so: Sigi, der hätte bei uns früher im FCB niemals gespielt.

Was haben Sie den Spielern vor der zweiten Halbzeit auf den Weg mitgegeben?
In der Halbzeit wusste ich: Jetzt ist nur eines angesagt – Demut. Wer sich nicht daran hält, der spielt im Final nicht. Das war mein Rat an den Bundestrainer, er hat es dann in der Kabine auch klar angesprochen. Wer einen Beinschuss macht, fliegt raus. Wer dem Gegner nicht aufhilft, fliegt raus. Auch nach dem Spiel gab es keine grosse Party, wir wussten, dass wir noch gar nichts erreicht hatten.

War am Ende der Erfolg gegen Brasilien für Sie der schönste Moment an der WM?
Nein, der schönste Moment kam schon nach dem WM-Final. Diese tiefe Genugtuung, es geschafft zu haben. Es stand ja die unfaire Erwartung im Raum, dass wir als erste Europäer in Südamerika Weltmeister werden – das ist fast so, als ob man gefordert hätte, dass Jogi Löw und ich den Marathon unter drei Stunden laufen. (Lacht.) Davon haben wir im Vorfeld gesprochen – und als alles vorbei war, sagte ich: «Du Jogi, jetzt sind wir den Marathon tatsächlich in drei Stunden gelaufen.» Und er erwiderte bloss: «In zwei Stunden und 59 Minuten, Ursle.»

Er nennt Sie Ursle?
Ja, Badenser halt. Ursle, e Glas Weii trinke! Dieser Moment ist für immer im Herzen. Denken Sie nur, was gewesen wäre, wenn wir wieder ohne Titel heimgekommen wären, was all die Besserwisser dann gesagt hätten.

Wie sah Ihr persönlicher Einfluss auf die Mannschaft konkret aus?
Wenn ich zum Bundestrainer sage, Flugzeuge könnten rückwärts landen, dann sagt er nicht: «Hör auf damit, das kann nicht sein.» Sondern er sagt höchstens: «Urs, damit habe ich Mühe, aber zeig mir doch, wie es geht.» Fehler ansprechen, das kann jeder. (Schaut sich um.) Ich kann auch hier reinkommen und sagen, die Basler Zeitung macht zu wenig Umsatz. Aber ich werde von Ihnen erst dann respektiert, wenn ich eine Lösung anbiete. Und das mache ich: Ich versuche, Jogi Lösungen anzubieten.

Lösungen, die dann aber auch strikt verfolgt werden?
Ja. Manchmal muss man sich eingestehen, dass da zwar ein Problem vorliegt, das es anzupacken gilt, dessen Lösung man aber noch nicht kennt. Es ist ja niemand allwissend. Wichtig ist, dass Sie im Vorfeld damit anfangen. Frühzeitig. Wenn Sie morgen gegen Real Madrid spielen und erst heute beginnen, nach Lösungen zu suchen, sind Sie zu spät dran.

Aber Sie haben trotzdem noch Gegner an der WM beobachtet …
Ja, alle. Aber warum? Weil der Bundestrainer zu mir gesagt hat: «Ursle, geh hin, dann bin ich glücklich.» Worauf ich erwidert habe: «Bundestrainer, wenn du glücklich bist, bin ich auch glücklich!» Aber ich hätte mir in Brasilien kein Spiel der Gegner ansehen müssen, ein Griff in unsere Schublade hätte gereicht. Da muss man dann nicht mehr an der Seitenlinie stehen und wie wild gestikulieren. Das bringt sowieso nichts. Mal eine konkrete Anweisung, Auge in Auge, das macht Sinn. Aber dauernd irgendetwas reinrufen … Es gibt keinen Spieler, der da etwas mitkriegt, der schaut auf den Gegner oder auf den Ball.

Vor den Spielen sprechen Sie aber auch zur Mannschaft, wie Sie vorhin erwähnt haben?
Ja, aber auch das hat sich im Lauf der Zeit verändert. Ich muss mich nicht da vorne hinstellen und Frontalunterricht machen, die Spieler sind nicht dumm. Ich muss doch Toni Kroos nicht mehr sagen, wie er gegen Cristiano Ronaldo zu spielen hat. Wir machen jetzt beiläufiges Lernen. Der Film mit den wichtigen Punkten läuft bereits drei Tage vor dem Spiel. Da weiss spätestens am Spieltag jeder, was ich von ihm will. Vor der Partie gegen Portugal habe ich die Mannschaft gefragt: Wisst ihr, wann es gefährlich für uns wird?

Wann?
Wenn wir den Ball haben! Danach schaute ich in 25 fragende Gesichter.

Das müssen Sie erklären.
Ich habe die Ronaldo-Tore aus den Barrage-Spielen gegen Schweden gezeigt. Schweden im Angriff, Fehlpass, Pass, Pass, Pass von ihnen – und Tor. (Steht auf, rückt den Stuhl in seinen Rücken, schaut nach vorne.) Wenn ich so stehe und der Gegner schleicht sich hinten schon wieder weg – das geht nicht. Die Spieler müssen lernen, auf den Gegner zu schauen, nicht auf den Ball. (Nimmt sich zwei Gläser, schiebt sie auf dem Tisch herum.) Wenn das Ronaldo ist, dann muss ich ihn stets im Blick haben. Sonst schleicht er sich im Deckungsschatten weg – schon ist es zu spät. Wachsam zu sein, ist entscheidend.

Und die Taktik?
Taktik? Wenn ich das im Fernsehen nur schon höre: 4-4-2, 4-3-3, 4-2-3-1. Das ist doch ein riesiger Witz. Sie brauchen wachsame Spieler, das ist entscheidend. Deswegen schulen wir schon im jungen Alter kognitive Prozesse. Rennen lernt man schnell. Und auch Fussball spielen ist nicht so schwierig erlernbar, das habe sogar ich geschafft. Aber wachsam zu sein, das ist hohe Kunst. Und in diesem Bereich merkt man schnell, dass es vielen nicht mehr reicht. Da gibt es jede Menge Fussballer, die das Spiel verlangsamen, weil sie das immer so gemacht haben. So schiesst man heute keine Tore mehr. Es geht in eine andere Richtung…

… in welche?
Lassen Sie uns gegen den FC Basel spielen, dabei stellen wir uns alle vor den Strafraum. Dann wollen wir doch mal sehen, wie viel Mühe der FCB hat. Einer steht immer im Weg.

Wie sieht Ihre Lösung dafür aus?
Wir müssen anders trainieren. Früher passierten die Positionswechsel der Spieler horizontal, heute vertikal. Nehmen Sie Chile unter Marcelo Bielsa. Da wechseln alle wie verrückt ihre Positionen, der Gegner weiss gar nicht mehr, was er machen muss. Haben Sie vielleicht einen Zettel?

Bitte schön!
(Er zeichnet vier Innenverteidiger auf, zwei Flügelspieler, zwei Akteure des Gegners.) Sie sehen hier: Wenn der eine Flügel, nennen wir ihn Ribéry, hier aussen steht, dann neutralisieren sich die beiden Spieler. Aber läuft Ribéry jetzt zurück und tauscht die Position mit dem Verteidiger, Alaba, der noch ein paar Meter ins Zentrum zieht, dann weiss der Gegner doch nicht mehr, für wen er zuständig ist. Das löst die Verschiebung in die Tiefe aus. Heute müssen Sie solche Situationen schaffen, mit denen keiner rechnet.

Es geht darum, den Gegner, der nicht in Ballbesitz ist, zu verwirren.
Der Idealfall ist, wenn der Gegner gar nicht weiss, wie die andere Mannschaft spielt. Noch mal zum Beispiel Chile. Deutschland hat im Testspiel vor der WM zwar gewonnen, aber das hätte genauso gut auch anders herum herauskommen können. Nach dem Spiel haben unsere Verteidiger gesagt: Ich wusste nicht, gegen wen ich spielen sollte. Ich zeige Ihnen schnell etwas anderes. (Er rückt zwei Gläser und zwei Servietten zurecht und bildet damit ein Viereck, stellt den goldenen WM-Pokal in die Mitte.) Ich will hier jetzt nicht wirken wie ein Fussballlehrer, aber: Wie würden Sie sich als Stürmer positionieren, um die Verteidiger vor Probleme zu stellen?

Sie sind der Experte.
Genau in die Mitte. Jetzt wissen die beiden Verteidiger nicht, wer ihn decken soll (zeigt auf die Gläser), und die beiden Spieler im defensiven Mittelfeld wissen es auch nicht (zeigt auf die beiden Servietten). Soll ich raus? Soll ich zurück? Soll ich nach rechts? Nach links? Es herrscht Verwirrung. Sie brauchen Spieler, die sich geschickt verhalten. Und diese Spieler brauchen aussergewöhnliche kognitive Fähigkeiten. Vielleicht hatte deshalb Miroslav Klose immer einen Platz im Team. Weil er das beherrscht.

Sie meinen, es braucht Strassenfussballer, Instinktfussballer also?
Richtig. Ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte: Ich gehe ja gerne joggen, auch in fremden Städten. So kam ich in Dublin einmal an einem Fussballplatz in einem Hinterhof vorbei, wo gerade zwei Teams gegeneinander spielten. Die einen in Strassenklamotten, die anderen im Irland-Dress. Es handle sich um die irische U19-Equipe gegen ein Street-Soccer-Team – also junge Fussballer, die talentiert sind, aufgrund ihrer sozialen Gegebenheiten aber nicht einem geregelten Training nachgehen können, erklärte mir ein Anwesender. Ein Spieler stach mir sofort ins Auge – einer in Strassenklamotten. Ich sage Ihnen, hätte ich diesen unter meine Fittiche genommen, ich wäre heute 40 bis 50 Millionen reicher. Da stand ein Messi auf dem Platz. Ich zückte mein Handy und schrieb unserem Bundestrainer eine SMS: «Schade, hat dieser Junge keinen deutschen Pass, er würde unseren morgigen Gegner alleine auseinandernehmen. Alleine!» Dieser junge Mann schoss diese U19 im Alleingang ab. Antritt. Links, rechts. Kopfball. Wie ein Terrier.

Auf der Strasse finden sich solche Talente also noch?
Ganz genau. In der Pause hatte ich die Gelegenheit, mich kurz mit ihm zu unterhalten. Er erklärte mir, dass er mit zwölf Geschwistern aufwachse, sein Vater arbeitslos sei und er deshalb selbst arbeiten gehen müsse. Aber – und jetzt kommt des Rätsels Lösung, weshalb er so gut ist – er spiele jeden Abend noch drei Stunden Fussball auf der Strasse.

Wieso haben Sie ihn nicht vom Platz weg unter Vertrag genommen?
Das mache ich nicht. Ich will mit dieser Geschichte nur ausdrücken, dass das Kognitive im Fussball eine grosse Rolle spielt. Nicht immer nur auf einem schön gemähten Rasen spielen, wobei einem der Trainer noch das Trikot bringt. Dieses Sich-Durchsetzen unter verschiedenen Bedingungen ist enorm wichtig. Beispielsweise ein Spielchen fünf gegen sieben mit einem Auto als Hindernis. Solche Situationen müssen heute fast künstlich kreiert werden. Dieser 18-Jährige hatte unglaublich gute kognitive Fähigkeiten, die er auf der Strasse erlernte. Das hat mich hell begeistert – ich hatte beinahe Tränen in den Augen.

Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo haben auch grossartige kognitive Fähigkeiten – welchen Spielstil bevorzugen Sie?
Bei Ronaldo ist es schon beeindruckend, wie er sich verbessert hat. Viele Spieler werden im Alter ja schlechter. Bei ihm ist das Gegenteil der Fall. Über ihn gibt es auch einen eindrücklichen Film – eine wissenschaftliche Studie über seine herausragenden kognitiven Fähigkeiten. Darin gibt es eine Szene, die mich wahnsinnig beeindruckt hat: Ronaldo steht in einer Halle. Von der Seitenlinie wird ein Eckball in seine Richtung getreten. Einen Sekundenbruchteil nach Abgabe des Balles geht das Licht aus. Von zehn Eckbällen trifft Ronaldo trotzdem deren neun. Einen sogar per Flugkopfball. In derselben Studie traf ein Fussballer auf NLB-Niveau keinen einzigen Ball. Diese Fähigkeit auf kognitiver Ebene ist schlicht und einfach Talent. Es ist dieser Fokus auf die kognitiven Fähigkeiten der Spieler, mit welchem ich auch den deutschen Bundestrainer begeistern kann.

Auch jetzt als Weltmeister?
Ja, denn jetzt wird die Luft noch dünner. Wir müssen deshalb andere Wege gehen.

Mitarbeit: ae, tip, mr (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.12.2014, 11:12 Uhr

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