Kein Witz, kein Container und eine SMS an Vogel

Heiko Vogel, Murat Yakin und Bernhard Heusler standen in den letzten Tagen im Mittelpunkt des Interesses. Die Chronologie einer verrückten Woche in Rotblau.

Murat Yakin am Montag bei seiner Präsentation als neuer FCB-Cheftrainer – es war seine vierte Vorstellung in den letzten sechs Jahren, wie er am Freitag selbst bemerkte.

Murat Yakin am Montag bei seiner Präsentation als neuer FCB-Cheftrainer – es war seine vierte Vorstellung in den letzten sechs Jahren, wie er am Freitag selbst bemerkte. Bild: Keystone

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Heute rollt wieder der Ball. Ausgerechnet in Luzern tritt der FCB mit seinem neuen Chef an der Linie an (13.45 Uhr). Sechs aufregende Tage, über die wohl noch lange geredet wird.

Montag

Die Einladung für die Pressekonferenz im Mediencenter des St.-Jakob-Park kommt kurz nach Mittag. Trainerwechsel beim FCB? «Ist kein Witz», beteuert der Redaktionskollege am Telefon. Während die Medienschaffenden kreuz und quer durch die Schweiz reisen, um rechtzeitig um 16 Uhr im Joggeli zu sein, unterschreibt Murat Yakin auf der Geschäftsstelle seinen neuen Vertrag, der ihn bis 2014 an den FCB bindet. Der 38-jährige Münchensteiner hat sich schnell entscheiden müssen; erst am Sonntag ist er von den Entscheidungsträgern auf die Geschäftsstelle vorgeladen worden. Da geht Yakin davon aus, dass der FCB einen neuen Trainer zur Winterpause suche.

Doch der Verwaltungsrat des Clubs hat am Samstag einstimmig entschieden: Nein zu Heiko Vogel. Und zwar per sofort. Dass es dem Club gelingt, die ­Rochade bis Montagmittag geheim zu halten, kann im Zeitalter der neuen Medien als Meisterstück verbucht werden.

Dienstag

Auf der BaZ-Redaktionsstube quellen die Mail-Eingänge über. Auf den Onlineplattformen lässt ein Teil der FCB-Anhängerschaft Dampf ab. Viele Fans quittieren die Freistellung von Heiko Vogel mit giftigen Kommentaren. Murat Yakin bittet zum ersten Training, selbstverständlich ist auch Mutter Emine (78) wieder da – ganz wie früher, als sie ihre beiden Söhne noch beim Kicken beobachten konnte. Nun steht Muri als Chef auf dem Platz. Von Hakan, dem einstigen FCB-Regisseur, ist nichts zu sehen. Doch ein Leser fragt: «Wann wird Haki als Spielmacher zurückgeholt?»

Zuerst jedoch holt Yakins Assistent Marco ­Walker den Captain zurück: Marco Streller sitzt schon auf dem Velo, als Walker ruft: «Retour!» Yakin erklärt: «Wir räumen das Trainingsmaterial zusammen weg, bevor einer geht.»

Mittwoch

Bernhard Heusler sieht gezeichnet aus, als er sich im Telebasel den Fragen der Zuschauer stellt. Die harschen Reaktionen haben den Präsidenten getroffen. Mit seinem Auftritt beginnt die Stimmung zu kippen. Die Fans können Vogels Freistellung allmählich nachvollziehen. Derweil lässt Yakin zweimal trainieren, am Nachmittag gibts ein internes Testspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am Abend trifft er sich mit den Führungsspielern Marco Streller und Alex Frei. Bemerkenswert dieser Yakin-Satz dazu: «Strelli kann der Mannschaft helfen, Alex momentan weniger.» Eine solch direkte Aussage wäre von Vogel undenkbar gewesen.

Donnerstag

Yakin sendet Heiko Vogel eine SMS und gratuliert diesem zu seinen Erfolgen in Basel. Zuvor hat der neue Trainer eine Nachricht vom alten Trainer auf seinem Schreibtisch vorgefunden, die «sehr positiv» gewesen ist, wie Yakin preisgibt.

Während bei Bernhard Heusler am Abend im Saal 12 in Basel ein Termin mit der Muttenzerkurve ansteht, sickert die Wahrheit über die Trennung Vogels bruchstückhaft durch. Es gab Differenzen mit dem Trainerstab, gewisse Undiszipliniertheiten auf und neben dem Trainingsplatz haben den FCB-Verantwortlichen nicht gepasst. Ebenso wenig die Tatsache, dass Vogel einen Grossteil seiner Freizeit am Tegernsee verbrachte und in seiner Meinung schwankte, was das Leistungspotenzial einzelner Spieler betraf. Dies alles wird unter dem Aspekt «Defizite in der Führung» deklariert. Doch die Clubführung bleibt sich treu und kommuniziert eher defensiv. Der Ruf Vogels soll nicht ruiniert werden, schliesslich steht der Pfälzer noch bis 2014 in Basel auf der Lohnliste.

Erste Agenten erkundigen sich beim FC Basel nach Vogels Nummer, Gerüchte kursieren, wonach «HV» bald beim DFB oder sogar beim FC Luzern unterschreiben soll.

Freitag

12.30 Uhr. Warten auf Murat Yakin für die Pressekonferenz vor dem Luzern-Spiel. Da das Training länger gedauert hat, verspätet sich der 49-fache Ex-Nationalspieler. Auf die Bemerkung der BaZ, dass dies wohl eine turbulente Woche gewesen sei, antwortet Yakin schmunzelnd: «Ach nein, es ging noch.»

Später erzählt er in der Presserunde, dass er beim FC Basel in ein «gemachtes Haus» kommt. In Thun hatte er die Presse in einem Container neben dem alten Lachen-Stadion empfangen. Als Yakin auf die Stichworte «Disziplin» und «Erfolgshunger» angesprochen wird, sagt er: «Ich habe ja früher zu meiner Aktivzeit beim FCB gute Erfahrungen gesammelt.» Damit meint er sein Verhältnis zu Christian Gross. Yakin war neben Keeper Pascal Zuberbühler der einzige Spieler, der den Meistermacher Gross duzen durfte.

Samstag

Noch immer rauscht der Blätterwald. Yakin feilt an seiner taktischen Marschrichtung für den heutigen brisanten Match in Luzern. Er will den Gegner überraschen. Passend dazu ein Satz vom Vortag: «Als Trainer des Gegners war es häufig einfach, sich auf den FCB einzustellen.» Ein Seitenhieb an seine Vorgänger Thorsten Fink und Heiko Vogel? Erste Antworten gibt es heute zur ungewohnten Anspielzeit um 13.45 Uhr. Als Krönung einer verrückten Woche in Rotblau. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.10.2012, 10:04 Uhr

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