Stärker im Kopf als im Herzen

Der FC Basel sichert sich mit Rationalität, Demut und Arbeitsethos überlegen seinen 20. Meistertitel.

Gehört zum Gerüst dieser Meistermannschaft: Matias Delgado, Captain aus Argentinien und Kreativzentrale im offensiven Mittelfeld des FC Basel.

Gehört zum Gerüst dieser Meistermannschaft: Matias Delgado, Captain aus Argentinien und Kreativzentrale im offensiven Mittelfeld des FC Basel. Bild: Keystone

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Der FC Basel ist zum achten Mal in Folge Schweizer Meister. Und er hat sich damit das 20. Championat ­seiner Clubgeschichte gesichert. Das allein sind beeindruckende Langzeit-Marken. Genauso beeindruckend ist aber auch, wenn eine Mannschaft bereits sechs Runden vor Schluss als Meister feststeht. Es steht deshalb – bei aller überschau­baren Qualität, welche die Konkurrenz zu bieten hatte – ausser Frage, dass diese FCB-Ausgabe in diesem Wett­bewerb einen grossen Wettkampf gezeigt hat und eine besondere ist.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand und beginnen an der Spitze des Clubs. Die eingespielte Führung um Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz hat es kraft ihrer Erfahrung, Weitsicht und natürlich auch der zuletzt selbst erwirtschafteten, finanziellen Möglichkeiten zum wiederholten Male verstanden, eine Mannschaft zusammenzustellen, die letztlich abermals klar besser und breiter besetzt war als die Equipen der Konkurrenz und die so im Kerngeschäft die wichtigste Vorgabe souverän erfüllte: siegen und den Pott holen.

Urs Fischer verrichtete mit gewohnter Akribie seine Arbeit, richtete den Fokus stark auf seine Hauptaufgabe und verstand es jederzeit seiner Mannschaft Demut zu vermitteln.

Das Gerüst der Mannschaft blieb dabei das alte: Goalie Vaclik, Abwehrchef Suchy, Staubsauger Xhaka, Taktgeber Zuffi und Fantasista Delgado bildeten wie schon im Vorjahr das breite Rückgrat, um das bewährte und neue Elemente sich mehr (Lang, Akanji, Elyounoussi) und weniger (Bjarnason, Traoré, Serey Die) entfalten konnten.

Hinzu kam ein Trainer, der in seinem zweiten Jahr nichts von seiner Bodenhaftung und seiner Disziplin eingebüsst hat: Urs Fischer verrichtete mit gewohnter Akribie seine Arbeit, richtete den Fokus stark auf seine Hauptaufgabe und verstand es jederzeit, seiner Mannschaft trotz potenzieller Titelsattheit und rasch anwachsendem Vorsprung jederzeit die nötige Ernsthaftigkeit und Demut zu vermitteln.

Die Konzentration blieb national stets hoch – über die Saison gesehen, aber auch innerhalb der jeweiligen 90 Super-League-Minuten. Dass der FCB nicht wach oder neben den Schuhen wirkte, kam zwar vor. Aber in einem Mindestmass und nur während Phasen innerhalb eines einzelnen Spiels. Was zur Feststellung führt: Es ist ganz klar auch Urs Fischers Verdienst, dass der FCB derart überlegen Meister wurde.

Der Habitus des Trainers

So viel besser als der Rest der Schweiz diese Mannschaft aber individuell besetzt war, so stark sie im Kopf war, so sehr sie durch Rationalität überzeugte, so unübersehbar war auch, dass sie Mängel aufwies, wenn es um das Herz, die Leidenschaft ging. Diese wogen weniger schwer als die positiven Eigenschaften, sonst wäre ein Durchmarsch in dieser Manier nicht möglich gewesen. Aber sie blieben nicht ohne Auswirkungen. Dass man es in der Champions League verpasste, einen Achtungserfolg gegen einen Grossen zu erzielen, und schliesslich auch, europäisch zu überwintern, hat genauso seine Logik wie die nationale Dominanz. Auf höchstem europäischem Niveau kann der FCB nur reüssieren, wenn er neben der richtigen Taktik auch ein Übermass an Feuer auf den Platz bringt. Rasgrad in Schach zu halten, wäre zwar möglich gewesen – doch dass es nicht klappte, passte zu einer Mannschaft, die europäisch meist wirkte wie eine Equipe, die antrat, um nicht zu verlieren, als mit dem Mut des Gewinnenwollens.

National akzentuierte sich dieser Charakter nie in demselben Masse. Dazu ist der FCB im Vergleich zum Rest zu stark. Aber es ist gewiss nicht allein der früh verloren gegangenen Spannung und der extremen Anspruchshaltung des ewig erfolgsverwöhnten Publikums geschuldet, dass sich im Verlauf der Meisterschaft der Eindruck verfestigte, es mangle den Auftritten der Rotblauen an jenem Selbstbewusstsein und damit an jener Attraktivität, die man aus den meisten der vergangenen Titeljahre kannte.

Auch dieser Habitus ist nicht losgelöst vom Trainer zu betrachten. Wärs so, man dürfte nicht vom wichtigsten Angestellten eines Vereins sprechen. Genauso, wie Urs Fischers Art dazu führte, dass man national nie überheblich wurde oder ins offene Messer lief, hatte sie auch ihren Anteil daran, dass man kaum je die Vorsicht abstreifte, um einen Gegner vom Platz zu fegen. Und sie hemmte internationale Höhenflüge: Wie abheben, wenn man mental immer schön brav auf dem Boden bleibt?

Es ist dies aber auch eine Folge der Kaderzusammenstellung. Bestimmt wäre es falsch, der Mannschaft jeglichen Charakter abzusprechen und gar keine Typen benennen zu wollen. Aber diese Mannschaft wies gewiss weniger Frechheit, Ecken und Kanten auf als vorangegangene Ausgaben. Das war perfekt, um Fischers Vorgaben diszipliniert umzusetzen. Aber es war letztlich zu wenig, um Eigendynamik zu entwickeln, die im idealen Fall ein Plus sein kann: Das zeigten die europäischen Erfolge unter FCB-Trainer Murat Yakin, als Spieler wie Streller oder Stocker in einzelnen Spielen selbst die taktische Ausrichtung änderten – und Rotblau so Zenit St. Petersburg bezwang oder bei Tottenham ein 2:2 erreichte.

Diesen Eindruck können Urs Fischer und seine Mannschaft etwas korrigieren, sollten sie im Cupfinal den FC Sion schlagen und so das erste Double seit 2012 holen. Etwas, das gegen die Walliser Cupfinal-Spezialisten ohne eine gehörige Portion Leidenschaft kaum zu bewerkstelligen sein wird. Das Urteil jedoch ist längst gemacht. Die künftige Clubführung des FC Basel hat genau hingesehen.

Die Gründe, warum der Sprung in ein neues Zeitalter unter anderem ohne Urs Fischer und mit Raphael Wicky als neuem Trainer erfolgt, sind vielfältig. Die Ausstrahlung der Mannschaft ist aber gewiss einer davon – andernfalls hätten Marco Streller und seine Mitstreiter nicht zum frühstmöglichen Zeitpunkt und aus eigenem Antrieb die bevorstehende Trennung eines inzwischen zweimaligen Meistertrainers und potenziellen Doublegewinners bekannt gegeben.

Der Hebel wurde von den künftigen Machern zuallererst dort angesetzt, wo es nicht nur am einfachsten ist, sondern sich mitunter auch am meisten Wirkung entfalten lässt. Dass dies auch bei der Kaderbildung geschehen wird, ist klar. Allerdings lässt sich das Gesicht einer Mannschaft nicht so einfach nachhaltig verändern wie der Charakter auf dem Cheftrainer-Posten. Und solls auch nicht werden: Der künftige Besitzer Bernhard Burgener sprach von einem Dreijahresplan, wenn es darum geht, klar mehr Lokalkolorit und eigene Nachwuchskräfte in der Mannschaft und schliesslich auch auf dem grünen Rasen zu haben.

Die Überzeugung der Neuen

Wie die Macher des jüngsten Erfolgs in diesen Fragen entschieden hätten, ist hypothetisch. Bernhard Heusler und seine Verwaltungsratskollegen befinden sich auch deshalb auf den letzten Metern ihrer Amtszeit, weil sie bereits vor Monaten die Zeichen der Zeit erkannten, die sich im vergangenen Herbst akzentuierten. Sie merkten, dass die von ihnen gebaute rotblaue Erfolgsmaschine zwar ohne gröbere Störungen weiterläuft, Pokale und auch Geld bringt – aber auch, dass das Produkt, das sie erzeugt, ohne grundlegende Veränderung immer schwerer an den Kunden zu bringen ist.

Mit der Idee, den FCB in jene Richtung neu zu erfinden, die nun von den Nachfolgern angestrebt wird, befassten sie sich sehr wohl. Spürten dabei aber, dass sie nicht die Richtigen sind, um ihr achtjähriges Erfolgsmodell mit der nötigen Kraft und Überzeugung anzupassen, weshalb sie den Führungswechsel quasi als Ultima Ratio begriffen und entsprechend vorantrieben.

Aus Überzeugung für den FCB

Burgener, Streller und Co. fällt es leichter, das Bestehende zu nehmen und umzumodellieren, weil es nicht ihr Konstrukt ist, an dem sie nun an den Schrauben drehen. Sollte der FCB unter ihren Fittichen nicht die erhoffte Wirkung und die erwarteten Erfolge erzielen, werden sie zwar zu hören bekommen, unter Heusler sei noch alles besser gewesen.

Aber sie werden sich nie den Vorwurf machen müssen, dass sie übereifrig ihre eigene Ideallinie verliessen und sich so ohne Not von der Erfolgsspur verabschiedeten. Burgener und Streller handeln aus Überzeugung. Sie glauben daran, dass es trotz einer nie da gewesenen Erfolgsära eine bessere Variante des FC Basel gibt. Eine, die erfolgreich bleibt, aber die Menschen wieder klar mehr begeistert.

Ob dieser Plan nach nunmehr acht Meistertiteln in Serie aufgeht, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass die bisher getätigten Schritte so überlegt wie konsequent wirken. Und so, wie wenn tatsächlich eintreffen könnte, was man sich davon verspricht.

Was das über die ganze dreijährige Planungsperiode bedeutet, ist im Moment schwierig abzuschätzen. Klar ist aber: Trotz Wechsel an der Spitze und auf dem Trainerposten wird der FCB auch die nächste Saison als klarer Favorit auf den Meistertitel in Angriff nehmen. Noch profitieren die neuen Macher stark von ihren Vorgängern, die sich bis zum 9. Juni feiern lassen dürfen. Am Gerüst der Mannschaft wird vorerst nicht mutwillig gerüttelt. Also wird dieses Gerüst das klar beste der Schweiz bleiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.04.2017, 01:42 Uhr

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