«Tennis war für mich immer ein Spiel, kein Job»

Martina Hingis, 36, spricht in New York über ihre Liebe zu ihrem Sport und denkt, einige junge Spieler müssten einmal einen Realitäts-Check machen.

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New York 20 Jahre ist es her, dass Martina Hingis mit einem Finalsieg über Venus Williams (6:0, 6:4) das US Open gewann. Sie krönte damit ein fast perfektes Jahr, in dem ihr nur ein Sieg (in Paris) zum Grand Slam fehlte.

Mit 36 fasziniert sie in New York immer noch die Massen. Bei ihrem Startspiel im Doppel mit der Taiwanesin Yung-Jan Chan, genannt ­Latisha, wird sie vom Publikum im Grandstand, der drittgrössten Arena, begeistert empfangen und amüsiert sich sichtlich auf dem Court. Auch im Mixed ist sie in Flushing Meadows dabei, mit Jamie Murray, mit dem sie in ­Wimbledon ihren 23. Major-Titel gewann.

2017 ist für Sie das Jahr der 20-Jahre-­Jubiläen. Denken Sie jeweils an Ihre grossen Siege, wenn Sie nun an die ­Grand-Slam-Turniere zurückkehren?
In New York werde ich automatisch an meinen Sieg von damals erinnert, wenn ich durch den Korridor laufe und das Bild von mir mit dem Pokal sehe. Das war schon in Australien und Wimbledon so gewesen. Es ist schon cool, wenn man an solche Orte zurückkehrt und ­sagen kann: Ich habe hier auch einmal gewonnen. Und das Publikum schätzt es, dass ich noch spiele und ein paar schöne Punkte zeige.

Woran erinnern Sie sich noch beim Final von 1997 gegen Venus Williams?
Wir waren zwar gleich alt, aber ich hatte mehr Erfahrung und schon mehr erreicht. Sie stand erstmals in einem Grand-Slam-Final, und ich ging mit der Einstellung ins Spiel, dass ich gewinnen sollte. Und ich erinnere mich noch, wie sie farbige Perlen in ihren Haaren hatte.

Sprechen Sie mit Ihr noch über jene Partie, wenn Sie sich über den Weg laufen?
Wir sehen uns ab und zu. Darüber reden wir aber nicht gross. Doch ich spiele nun nach dem US Open einen Schaukampf gegen sie in Greenbrier, einem Resort in West Virginia. Das wird sicher lustig. Ich sagte ihr schon: «Hey Venus, nimm es bitte locker!» Sie spielt ja noch Einzel, ich Doppel. Das ist nicht ganz das Gleiche.

Hätten Sie gedacht, dass Sie beide 20 Jahre später noch auf der Tour sein würden?
Nein. Ich dachte, ich würde vielleicht bis 28, 30 spielen. Aber es hat sich auch alles verschoben. Man kommt nicht mehr so früh auf die Tour, spielt aber länger. Dass Teenager Grand Slams gewinnen, das gibt es heute kaum mehr. Ich war damals 16.

Realisierten Sie damals, wie ausser­gewöhnlich das war?
Ich spielte meistens auf dem Center Court, für mich war das fast normal. Schön war, dass wir 1997 erstmals im Arthur Ashe Stadium ­spielten. Erstmals in diesem grossen Stadion, das war schon imposant. Ich war froh, hatte ich am Anfang eine weniger starke Gegnerin. Im Halbfinal spielte ich dann aber gegen Lindsay Davenport. Kein einfaches Los.

«Ich liebe Musicals, ob das in London ist oder hier am Broadway. Und in New York hat es exzellente Restaurants»Martina Hingis

Was macht für Sie auch mit 36 noch die Faszination des Tennis aus?
Ich habe immer noch Freude daran, versuche, mich zu verbessern, mit der Zeit zu gehen. Auch Roger (Federer) geniesst es sicher, wenn er den Jungen die Bälle um die Ohren schlägt. Ich freue mich genau gleich, wenn ich den Ball richtig vorausahne und ihn richtig gut treffe. Und noch die Chance habe, Grand Slams zu gewinnen. Im normalen Leben gibt es nicht viel, das sich so anfühlt. So erfüllend.

Wie erleben Sie Ihre dritte Karriere, als Doppelspielerin? Entspannter als früher?
Ja, viel entspannter. Für mich ist das ein ­Bonus.

Heisst Bonus, dass Sie es lockerer ­nehmen können?
Fürs Einzel musste ich mehr opfern, nun habe ich mehr Zeit. Letztes Jahr war ich erstmals auf der Freiheitsstatue. Früher lagen Aus­flüge von ein paar Stunden kaum drin.

Was unternehmen Sie neben dem Tennis am liebsten?
Ich liebe Musicals, ob das in London ist oder hier am Broadway. Und in New York hat es exzellente Restaurants. Inzwischen weiss ich auch, wo ich hingehen muss. Aber es ist auch nicht so, dass ich Zeit im Überfluss hätte. Ich gehe auch jeden Tag auf die Anlage und am ­Morgen ins Fitness. Bis jetzt hatte ich jedenfalls noch keine Zeit zum Shoppen. Aber ich habe auch noch nichts gewonnen. (lacht)

Sie dürfen erst shoppen, wenn Sie ­gewonnen haben?
Ja, das ist bei mir so. Sagen wir es so: Wenn ich mal zwei Spiele gewonnen habe, darf ich einmal schmökern in den Geschäften.

Viele haben irgendwann genug vom Leben aus dem Koffer. Sie nicht?
Es ist schon so, dass ich nach vier Jahren alle Orte wieder gesehen habe. Auf einige freut man sich mehr, auf andere weniger. Mühsam ist die Reiserei, das ganze Warten an den Flughäfen. Das ist viel anstrengender als früher. Aber wenn ich mal vor Ort bin, ist es okay.

Sie sagten einmal, Sie hätten in Ihrem Leben viel mehr Doppel gespielt als Einzel, schon als kleines Kind. Wie kam das?
Wir waren damals 40 Kinder für 5 Plätze. Es war ein Kampf, auf den Platz zu kommen. Ich war täglich fünf, sechs Stunden im Tenniscenter, mal auf dem Court, mal daneben. Zwischendurch schlüpfte ich wieder rein, spielte gegen Ältere, eine gute Freundin oder gegen Jungs. Es war nicht so, dass ich dachte: Oh, jetzt muss ich noch trainieren. Ich spielte ein, zwei Stunden mit der Mutter, der Rest war Spass. Heute ist es bei Akademien oft so, dass die Kinder nicht mehr zusammen spielen. Es ist sehr eindimensional geworden. Ich freute mich, die anderen zu schlagen. Und wenn ich mal verloren hatte, auf die Revanche. Tennis war für mich immer ein Spiel, kein Job. Wenn ich heute Interviews von Jungen lese, habe ich das Gefühl, es sei für sie ein Job, den sie erfüllen müssen.

Wieso ist das so geworden? Wegen des vielen Geldes, das heute im Tennis steckt?
Schwer zu sagen. Einige sollten jedenfalls einmal einen Realitäts-Check machen. Was etwa Bernard Tomic so von sich gibt. Der sollte mal in eine Fabrik arbeiten gehen. Dann würde er sehen, wie es auch sein kann. Einer, der so ­talentiert ist. Ich habe Freude, wenn ich einen sehe wie Frances Tiafoe, der gegen Roger spielte. Ich kenne seine Story, lernte ihn beim World Team Tennis bei den Washington Kastles ­kennen. Er wuchs im Tennisclub auf, wo sein Vater arbeitete, wollte unbedingt spielen. Es macht Spass, einem zuzuschauen, der so viel Freude an diesem Sport hat.

Was für einen Charakter hat Latisha Chan, Ihre Doppelpartnerin?
Wir haben es lustig, unternehmen einiges ­miteinander. Kürzlich waren wir bei den ­Niagarafällen. Das schweisst zusammen.

Sie scheint recht extrovertiert.
Es geht. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ich bin schon eher der Motor. Aber beim Shoppen ist sie sofort dabei. Und sie isst auch gerne Cheesecake. (lacht). Für mich wäre es ­unmöglich, mit jemandem zu spielen, mit dem ich mich nicht gut verstehe. Für einen Match geht das, aber nicht auf Dauer.

Wie eng verfolgen Sie das Frauentennis? Haben Sie auch das Gefühl, Sie würden noch vorne mitspielen, wenn Sie topfit wären?
Es ist ja schön, dass das alle sagen. Einen Satz lang könnte ich schon mithalten. Im ­Moment gefällt mir Muguruza. Sie ist beständiger, ­reifer geworden. Ich finde, sie wäre eine würdige Nummer 1. Auch so, wie sie sich neben dem Court präsentiert. Am Champions ­Dinner in Wimbledon war sie wirklich cool gestylt. Da kann man nichts sagen, das hat sie wirklich sehr gut gemeistert.

Haben Sie 2018 schon geplant? Spielen Sie weiter?
Jetzt spielen wir mal diese Saison, dann schauen wir weiter. Ich lasse es auf mich zukommen.

Sie sagten gerade in einem Interview, Sie hofften, das Grösste komme noch in Ihrem Leben. Woran denken Sie da?
Diese Gedanken gehören mir. Die möchte ich nicht mit anderen teilen. (lacht) (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.09.2017, 00:26 Uhr

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