Wir können uns über nichts mehr freuen!

Der Schweizer Fussball- und Sportkonsument ist undankbar. Ist er auch rassistisch?

Fehlende Unterstützung trotz Erfolg: Die Pfiffe der Fans im St.Jakob-Park stimmen Petkovic nachdenklich.

Fehlende Unterstützung trotz Erfolg: Die Pfiffe der Fans im St.Jakob-Park stimmen Petkovic nachdenklich. Bild: Keystone

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Wann hat es das schon mal gegeben? Da kämpfen die besten Schweizer Fussballer gegen Nordirland, um einen Platz an der WM, sie zerreissen sich im Morast des St.-Jakob-Parks – und ihr Trainer an der Linie, Vladimir Petkovic, muss in den Schlussminuten das Publikum gestenreich auffordern, seine Spieler akustisch zu unterstützen.

Spätestens beim Betrachten dieser bizarren Szene reift die Erkenntnis auf der Tribüne: Der Schweizer Fussball- und Sportkonsument ist undankbar geworden. Wir Schweizer können uns über nichts mehr freuen! Vierte WM-Teilnahme in Serie? Ist ja okay, aber ein 0:0 gegen bärenstark kämpfende Nordiren reicht schon, um die Zornesader anschwellen zu lassen.

Und dann das Trauerspiel mit Haris Seferovic. Zwei vergebene Torchancen des Schweizer Stürmers – und schon ist der ohnehin dünne Faden der Sympathie wieder gerissen. Bei seiner Auswechslung wird er mit Pfiffen auf die Bank geschickt. Die Schweiz erinnert in diesem Moment nicht an eine stolze Fussballnation, sondern an ein kleingeistiges Völkchen, das schon die ganze Welt gesehen hat – sowie einen Teil des Auslands.

Die Stärke von uns Schweizern ist zugleich unsere grosse Schwäche. Wir sind nicht chauvinistisch. Wir beten unsere Sportler nicht an, wir sind nicht übertrieben stolz auf unsere Nation. Wir klatschen eher unterkühlt Beifall und sorgen uns, dass der Athlet vor den Kameras keine allzu grossen Sprüche raushaut. Angeberei ist uns ein Gräuel, der Klassenbeste hat immer einen schweren Stand. Und wir ziehen unser Wohlbefinden im Alltag nicht aus dem Sport, das ist wesentlich. Wir brauchen ihn nicht, um uns von sozialen oder wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Dafür geht es uns zu gut.

Der Schweizer ist ein Neider

Und der Schweizer ist ein Neider, meine Güte. Warum tun wir uns so schwer, über unseren Lohn zu reden? Nirgends ist er so Privatsache wie hier. Und wir wissen auch, warum. Weil wir das Gefühl haben, wir könnten uns blamieren – oder den Neid auf uns ziehen. Allein schon das grössere Auto des Nachbars nervt doch, seien wir ehrlich.

Selbst ein Weltstar und Schweiz-Botschafter par excellence wie Roger Federer, dem hier durchaus die Sympathien zufliegen, ist nicht gefeit vor Kritik, wenn es um die Wahl seines Wohn- und Steuerortes geht. Anstatt ihn zu loben, dass er nicht nach Monaco gezogen ist, gibt es Menschen, die ihn für die Wahl Zürichsee und Lenzerheide tadeln. In einer Basisdemokratie ist jeder gleich viel wert. Wer herausragt, wird sofort daran erinnert.

Der grosse Unterschied zu anderen Sportnationen in Europa ist frappant. Wo andere unkritisch in Begeisterungsstürme ausbrechen, folgen bei uns auf jeden Erfolg sofort Fragezeichen. Was hat dieser Titel gekostet? War der Athlet sauber? Oder war der Gegner nicht schlechter als gewohnt?

Selbst Sportnationen, die in ungefähr ähnlichen sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen leben, weisen frappierende Unterschiede zur helvetischen Fangemeinde auf. In Deutschland werden die Fussballer auch kritisiert. Aber man kann sich auch über Siege freuen, und dann jubelt selbst die Presse mit. Die meisten Schweizer Medien dagegen suchen bereits wieder das Haar in der Suppe. Wer hier zu überschwänglich feiert, gilt als naiv. Denn die nächste Niederlage kommt bestimmt, der Eidgenosse hat es längst kommen sehen.

Der Schweizer wehrt sich

Wir können uns über nichts mehr freuen. Neun Siege hintereinander in der WM-Qualifikation? Schön und gut, aber gegen Portugal verlieren wir sowieso. Diese oder ähnliche Denkmuster ziehen sich seit Jahren durch alle Strafräume.

Eine tiefe und vor allem herzliche Identifikation mit der aktuellen Nationalmannschaft unter Vladimir Petkovic ist immer noch nicht spürbar. Das haben die Pfiffe gegen Haris Seferovic deutlich gezeigt. Da reist ein Valon Behrami mit kaputtem Oberschenkelmuskel zu den Barrage-Spielen gegen Nordirland an, nur um der Mannschaft und dem Team zu helfen. Sein Feuereifer für das Land wird achselzuckend zur Kenntnis genommen. Wenn überhaupt.

Vor allem jene Spieler, deren Nachnamen auf -ic enden, sind bei einem Grossteil des rotweissen Publikums unten durch. Hier reicht der Begriff undankbar nicht mehr. Es drängt sich die Frage auf: Ist der durchschnittliche Schweizer Fan ein Rassist?

Immerhin hat er viel zu verlieren. Die Berge, die Seen, der soziale Frieden: Der Schweizer wehrt sich gegen die Einwanderung, zu viele Ausländer sind per se eine Bedrohung für sein Reich. Auf den Fussball bezogen heisst das nichts anderes: Im besten Fall werden Profis vom Balkan geduldet.

Wenn sie kämpfen, brav sind, die Klappe halten und am besten noch die Nationalhymne singen. Schiessen sie jedoch wie Haris Seferovic über das Tor oder äussern selbstbewusst ihre Meinung, sind sie unten durch. Seferovic wird die beschämende Nacht von Basel nie mehr vergessen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 07:59 Uhr

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