«Wir schreien uns auf dem Platz auch mal an»

Die beiden FCB-Spieler Taulant Xhaka und Renato Steffen erzählen auf der BaZ-Redaktion von ihrer Freundschaft und stören sich daran, dass sie beide gegen Vorurteile kämpfen müssen.

«… doch, doch, Tauli, da hast du dich auch schon vergriffen!» Taulant Xhaka (l.) und Renato Steffen harmonieren nicht nur beim Thema Unterhosen – auch sonst herrscht beim Gespräch auf der BaZ-Sportredaktion beste Laune.

«… doch, doch, Tauli, da hast du dich auch schon vergriffen!» Taulant Xhaka (l.) und Renato Steffen harmonieren nicht nur beim Thema Unterhosen – auch sonst herrscht beim Gespräch auf der BaZ-Sportredaktion beste Laune. Bild: Christian Jaeggi

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BaZ: Taulant Xhaka, Renato Steffen, willkommen auf der BaZ-Redaktion. Lesen Sie eigentlich Zeitungen?
Renato Steffen: Ich lese oft Zeitungen, aber mehrheitlich den Sportteil. Ich bin auch im Internet, da verfolge ich die Kommentare der Leser. Es ist schon spannend, wie die Leute den Fussball wahrnehmen. Ein Aussenstehender hat selten die gleiche Sicht auf einen Match wie ich.
Taulant Xhaka: Ich lese – ehrlich gesagt – nicht so viel. Ich schaue die Noten an, die die BaZ nach den Spielen verteilt. Manchmal sitzen diese besser, manchmal weniger …

Liegen wir mit den Spielerbewertungen richtig – sind wir zu hart? Oder zu lieb?
Xhaka: Ich finde, die BaZ macht das nicht schlecht, was ich nicht von allen Medien behaupten kann.

Hat es der Angreifer Renato Steffen einfacher, eine gute Note zu bekommen, als der Defensivspezialist Taulant Xhaka, der weniger in Erscheinung tritt?
Xhaka: Ein Stürmer, der seine Tore schiesst, hat schon einen Vorteil und kommt häufig besser weg. Wenn ein Defensivspieler einen Fehler macht, kommt gleich heftige Kritik auf.

Gibt es Leserkommentare im Internet, die Sie inspirieren – oder vielleicht zum Denken anregen?
Steffen: Ja, das kommt vor. In erster Linie fällt mir aber auf, dass sich viele Leute vorschnell ein Urteil bilden, obwohl sie den Spieler, den sie kritisieren, gar nicht kennen. Die Hemmschwelle im Internet ist tief und ein böser Kommentar schnell verfasst.

Was war das Fieseste, das Sie über sich lesen mussten?
Steffen: (Überlegt.) Das kommt immer wieder vor …
Xhaka: … Provokateur (grinst) …
Steffen: (Grinst auch.) Ich habe schon den Eindruck, dass ich häufiger in ein falsches Licht gerückt werde. Dann denke ich: Lernt mich doch zuerst kennen, bevor ihr mich verurteilt. Tauli hat mich ja zuerst auch nicht gekannt – mittlerweile hat er seine Meinung revidiert.

Welches falsche Bild wird denn oft von Taulant Xhaka gezeichnet?
Xhaka: Dass ich hart in die Zweikämpfe steige, unfair spiele und zu viele Gelbe Karten kassiere.

Stimmt das denn nicht?
Xhaka: Die Kritik wegen der vielen Gelben Karten nehme ich an. Wenn Urs Fischer oder meine Mitspieler mich auf Dinge aufmerksam machen, die schieflaufen, dann versuche ich, mich sofort zu verbessern. Ich finde auch, dass mir das bereits gelungen ist. Aber kommt dann wieder eine Gelbe Karte, dann heisst es trotzdem sofort wieder: Xhaka, war ja klar …

Hört man Ihnen beiden zu, dann scheinen Sie sich in einer Schublade zu fühlen, in die Sie ständig gesteckt werden.
Steffen: Ich weiss, dass ich als Renato Steffen immer wieder in die gleiche Schublade gesteckt werde! Nehmen wir zum Beispiel den YB-Match Ende November in Bern. Nuhu fliegt mit Rot vom Platz und sofort heisst es: Steffen hat ihn verbal provoziert. Aber das stimmt nicht, niemals. Ich bin etwas hart in den Zweikampf gegangen, natürlich. Aber wir sind hier ja auch nicht beim Ballett. Es war ein Foul, wie es im Fussball immer vorkommt.

Wessen Image ist schlechter?
Steffen: Ich denke, das ist bei beiden ziemlich ähnlich.

Bei Ihnen, Renato Steffen, sind wir der Meinung, dass Sie im letzten halben Jahr sehr brav geworden sind – gleichzeitig jedoch hat auch Ihre Leistung nachgelassen.
Steffen: Ich habe immer von meinen Emotionen gelebt, das stimmt schon. In dieser Hinrunde hatte ich weniger Verwarnungen als auch schon … früher hatte ich immer gleich viele Gelbe Karten kassiert wie Tore geschossen (lacht). Vielleicht haben mich die vielen Kritiken schon etwas beeinflusst, seit ich beim FCB spiele.

Wird Ihr Verhalten auf dem Platz auch vom FC Basel gesteuert? Mussten Sie sich etwas anhören, als Sie im Februar 2016 nach Ihrem ersten Tor für den FCB einen provozierenden Gruss in die Muttenzerkurve geschickt hatten?
Steffen: Damals wurde ich intern schon gefragt, warum ich das getan habe. Es waren einfach meine Emotionen, die in diesen Sekunden rauskamen, ohne jemanden provozieren zu wollen. Aber niemand hat mich aufgefordert, dass ich mich ändern muss. Mein Ziel für 2017 ist es, dass ich wieder näher an den alten Renato Steffen herankomme – ohne dabei viele Verwarnungen abzuholen.

Um es klarzustellen: Wir vermissen beim FCB etwas Pfeffer!
Steffen: Sonst haben Sie ja auch nichts zu schreiben …

Auch das Publikum sehnt sich doch danach – der Herbst war arm an Emotionen, oder nicht?
Xhaka: Möglich. Aber was ist jetzt richtig? Ich bin erfahrener geworden und sause nicht mehr mit voller Wucht in jeden Zweikampf. Und das ist ja gut für die Mannschaft.
Steffen: Der Grat ist schmal. Man wünscht sich Emotionen – aber wenn ich auf dem Platz zu viel Energie zeige, gelte ich sofort wieder als Provokateur. Dann ist es dann mit dem Satz «Ich bin einfach so» meistens auch nicht getan.

Wer sind Ihre grössten Kritiker?
Xhaka: Bei mir ist es Bruder Granit.

Lassen Sie sich von Ihrem jüngeren Bruder kritisieren? Das muss Ihnen doch schwerfallen …
Xhaka: Nein, tut es überhaupt nicht. Manchmal diskutieren wir hart. Dann schildert er seine Sicht, ich meine. Wenn ich sehe, dass er recht hat, nehme ich das an.

Wenn er eine Rote Karte kassiert oder an einem Flughafen in London Scherereien hat – rüffeln Sie ihn dann auch?
Xhaka: Selbstverständlich! Wir haben jeden Tag Kontakt. Aber letztlich muss er selbst wissen, was das Beste ist. Er ist alt genug. Die meisten Geschichten sind sowieso halb so wild, wie sie dargestellt werden.

Wer rüffelt Sie, Renato Steffen?
Steffen: Die Eltern. Mein Vater hat auch mal Fussball gespielt, deshalb verstehe ich es eher, als wenn meine Mutter etwas sagt. Da haben wir dann schon mal Diskussionen.

Wie beurteilt Ihr Vater Ihr mitunter überschäumendes Temperament?
Steffen: Er meint, dass ich in gewissen Situationen anders reagieren sollte. Grundsätzlich weiss er aber, dass ich diese Power brauche für mein Spiel, dieses Adrenalin.

Wie hart kritisieren Sie sich gegenseitig, Taulant Xhaka und Renato Steffen?
Steffen: Wir schreien uns auf dem Platz auch mal an. Wir wollen uns gegenseitig anstacheln und helfen. Oft ist es auch als Zeichen für die ganze Mannschaft gedacht.

Und abends im Hotelzimmer – gibt es da auch mal ein hartes Gespräch unter Männern?
Xhaka: Aber sicher. Ich denke, Renato hört schon auf mich … wie ich auf ihn. Wenn wir uns kritisieren, ist das nur im Guten gemeint. Wir wollen ja beide weiterkommen.
Steffen: Taulant agiert auf dem Platz meistens hinter mir, dadurch sieht er das Spiel besser und hilft mir – beispielsweise, was das Positionsspiel betrifft. Dieser Austausch ist wichtig.

Dass Sie beide gegen Vorurteile kämpfen müssen: Ist das der Hauptgrund für Ihre Freundschaft?
Xhaka: Unser Charakter ist schon sehr ähnlich.
Steffen: Vielleicht hat das schon damit zu tun. Andererseits ist Taulant einfach ein ähnlicher Spielertyp wie ich, allein das hat Anziehungskraft.

Würden Sie beide Ihre Freundschaft als ungewöhnlich bezeichnen?
Steffen: Ja, aber nur wegen der Vorgeschichte, als Tauli und ich in Bern aneinandergerieten.

Nach diesem Disput im November 2015 mussten Sie beide beim Liga-Sportgericht antraben. Gab es da zuvor schon privaten Kontakt?
Steffen: Ich habe ihm eine SMS geschrieben – da ist auch eine ganze Menge zurückgekommen (lacht) …

Wieso – gab es Zündeleien?
Steffen: Nein, aber ich schrieb ihm einen Riesentext, entschuldigte mich darin auch. Zurück kam nur: okay.
Xhaka: Ich schrieb nicht mehr, weil ich fürchtete, die ganze Story neu anzuheizen. Ich wusste ja, dass wir uns beim Richter eh sehen würden.

Was hatten Sie für ein Bild vom anderen vor dem Disput in Bern?
Steffen: Nachdem Tauli unseren Stürmer Alexander Gerndt gefoult und verletzt hatte, gab es bei YB schon teilweise eine Anti-Xhaka-Stimmung. Als ihn die YB-Fans auspfiffen, heizte das die Atmosphäre noch mehr auf. Das merkte er bestimmt auch, ich ging da recht rein – wir wussten, dass wir ihn kitzeln konnten.

Und andersrum?
Xhaka: Ich habe Renato schon immer für einen guten Fussballer gehalten, egal ob in Thun oder bei YB. Ich dachte schon länger, dass er das Potenzial zum FCB-Spieler hat – und zu jenem Zeitpunkt, da wir uns vor Gericht trafen, merkte ich auch, dass ich damit nicht allein bin, was läuft …

Ach ja?
Xhaka: Ja. Das Gerücht war ja schon im Umlauf. Und FCB-Präsident Bernhard Heusler hatte mich schon zuvor ein paarmal gefragt, wie ich Renato einstufe. Beim Termin haben sich die beiden auch kurz unterhalten, was mir sehr wohl auffiel.
Steffen (zu Xhaka): Darum habe ich vor Gericht dann ja auch gut über dich geredet! (Lacht.)

Ahnten Sie, dass Sie sich so gut ver­stehen würden?
Xhaka: Schon vor Gericht lief das völlig unproblematisch. Als sich dann im Januar 2016 abzeichnete, dass Renato zu uns wechselt, konnten wir gleich gut miteinander reden.

Was wussten Sie schon vorher voneinander?
Xhaka: Nicht viel.

Nicht einmal, dass Sie dasselbe Sport­auto fahren? Steffen: Doch, das habe ich mal gelesen. Sie wissen ja: Männer und ihre Autos. Aber mittlerweile fahren wir nicht mehr das gleiche Modell.

Wann merkten Sie, dass da eine Freundschaft wachsen könnte?
Xhaka: Das fing schon vorher an. Ich spürte schon in den Duellen gegen ihn, dass Renato ähnlich tickt wie ich. Er geht voll drauf und probiert, der Mannschaft zu helfen. Ich hatte nie Zweifel, dass wir nicht harmonieren könnten. Und als wir dann vor einem Jahr nach Marbella flogen, da haben wir uns gleich unterhalten, sassen wir beim ersten Essen schon zusammen.
Steffen: Bei mir war es auch so. Im Januar 2016, als ich frisch zum FCB kam, war Tauli noch häufig mit Breel Embolo zusammen, ich mit Luca Zuffi. Zu unserer Freundschaft kam es nach Breels Abgang.

Sie sassen schon vorher im Bus nebeneinander …
Steffen: Ja. Ich habe mal nach hinten geschaut und gesehen, dass da neben Taulant der Platz frei war. Also fragte ich ihn, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Was teilen Sie gemeinsam? Wir vermuten mal, nicht die Unterwäsche …
Steffen: … doch, doch, Tauli, da hast du dich auch schon vergriffen!
Xhaka: Ja, ja … (Gelächter.)

Also wenn das so innig ist, dann wissen Sie doch bestimmt auch, was der andere jeweils verdient?
Xhaka: Nein, das schon nicht.
Steffen: Nein, das ist jedem seine eigene Sache.

Machen wir die Stichprobe. Wann hat Renato Steffen Geburtstag?
Xhaka: November, Moment … 14. Oder?
Steffen: Es ist der 3. November.
Xhaka: Du weisst ja, mit den Zahlen habe ich es nicht so.
Steffen: März. Du hast am 28. März, oder nicht?
Xhaka: Stimmt.
Steffen: Siehst du, ich weiss es wenigstens.

Kennen Sie die Eltern des anderen?
Steffen: Ich habe Taulants Vater Ragip schon getroffen, oft sehen wir uns in der Stadion-Lounge.
Xhaka: Und wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, schreit Renato im Hintergrund herum.

Gibt es etwas, was am anderen nervt?
Xhaka: Mir kommt nichts in den Sinn. Ich akzeptiere ihn so, wie er ist. Wenn er zum Beispiel diese grauen Jogginghosen tragen will (zeigt mit dem Finger) – soll er doch.

Schnarcht einer von Ihnen?
Xhaka: Zum Glück nicht! Wenn Renato das machen würde, wäre ich nicht mit ihm im Zimmer. Breel Embolo hat derart geschnarcht, dass ich ausziehen wollte.

Gehen Sie zusammen mit den Freundinnen essen?
Xhaka: Welche Freundin (lacht)?
Steffen: Wir unternehmen einiges, gehen mal essen oder so. Manchmal fahren wir auch in eine andere Stadt, um abzuschalten.

Gehen Sie in Basel in den Ausgang?
Steffen: Eher weniger.

Ist der Fussball ein zentrales Thema in der Freizeit?
Steffen: Das ist erstaunlich: Wir reden sehr wenig über Fussball, sondern über andere Dinge. Ich bin auch nicht der Typ, der jedes Spiel vor dem Fernseher schauen muss. Da ist Tauli schon anders.
Xhaka: Ja, wenn ich kann, schaue ich am TV immer die Spiele von Arsenal mit Granit.

Können Sie uns je drei Stichworte nennen, die den Gegenüber treffend charakterisieren?
Steffen: Humorvoll, loyal und … (überlegt) … frech.
Xhaka: Er ist lustig, hilfsbereit und aufgestellt.

Welche Qualität hat Renato Steffen, die Taulant Xhaka nicht hat?
Xhaka: Seine Schnelligkeit hätte ich gerne. Und seine Dribblings.
Steffen: Bei dir ist es natürlich schwierig, etwas zu finden. Nein, ernsthaft: Seine Technik ist sehr gut, auf den ersten Metern ist auch er sehr schnell.

Wer sind die schnellsten Spieler der Liga?
Steffen: Kevin Bua.
Xhaka: Fassnacht von Thun ist schnell. Und Manuel Akanji.
Steffen: Lecjaks von YB auch.

Wissen Sie exakt, wie schnell sie sprinten können?
Steffen: Bei mir wurden mal 34 Kilometer pro Stunde gemessen.
Xhaka: Bei mir waren es 27 oder 28.
Steffen: Wie ein Traktor …
Xhaka: Ja, genau … Ich muss ja auch viel weniger Sprints hinlegen als ein Flügelstürmer.

Wie gut ist die Kameradschaft generell beim FC Basel?
Steffen: Ich habe mich noch nie so schnell eingelebt wie in Basel. Auch die Neuen, die im Sommer dazukamen, sind sehr gut aufgenommen worden. Wir wollen alle Erfolg haben. Das verbindet.
Xhaka: Im Fussball bleiben nicht viele Freundschaften, jeder geht seinen Weg. Aus alten GC-Tagen habe ich nur noch mit Izet Hajrovic regelmässig Kontakt.

Das heisst, Ihre Freundschaft ist demnach aussergewöhnlich …
Steffen: Das wird sich dann zeigen, wenn einer von uns den FCB verlässt.

Wer wird das sein – und wann?
Xhaka: Renato könnte jederzeit in die Bundesliga wechseln.
Steffen: Ich habe schon in diesem Winter gedacht, dass bei Tauli etwas passieren könnte.

Der FCB hat in den vergangenen Jahren viele grosse Spieler verloren. Davon haben Sie, Taulant Xhaka, profitiert. In der Hierarchie sind Sie nach oben geklettert. Wie äussert sich das im Alltag – sind die Leute netter zu Ihnen?
Xhaka: Die Leute waren schon immer nett (lacht). Nein, ich spüre das schon. Die jungen Mitspieler hören zu, wenn man sie korrigiert. Und auch bei vielen Fans habe ich eine Veränderung festgestellt.

Wie meinen Sie das?
Xhaka: Sie bauen mich auf oder schreiben Nachrichten auf Instagram.

Sind Sie erstaunt über den Weg, den Sie beim FCB gehen?
Xhaka: Ich wusste immer, was ich kann. Ich musste bei GC einen Zwischenhalt einlegen.

Wie ist das bei Ihnen, Renato Steffen – spüren Sie, dass Sie Schweizer National­spieler sind?
Steffen: Es geht so … Ein bisschen Respekt ist schon da. Aber ich bin ja noch nicht so lange in der Nationalelf.

Sie wären beinahe im Amateurfussball versauert, ehe Sie doch noch Profi wurden. Taulant Xhaka dagegen durchlief alle Juniorenstufen. Merkt man diesen Unterschied heute?
Xhaka: Ja. Renato schätzt spürbar, was er heute erreicht hat.

Und technisch?
Xhaka: Das nicht. Ein guter Fussballer ist ein guter Fussballer – egal, wo und wie er ausgebildet wurde.

Gefällt Ihnen eigentlich das Leben als Fussballprofi?
Xhaka: Ja, schon. Aber einfach ist es nicht. Wir müssen aufpassen, dass wir uns in der Öffentlichkeit korrekt verhalten.
Steffen: Sobald man diesen Beruf ausübt, muss man Vorbild sein für die Kinder, die zu einem hochschauen. So ist die Erwartungshaltung. Die meisten sehen nur die schönen Seiten des Jobs – und nicht, auf was wir alles verzichten müssen. Sehr oft bleiben wir zu Hause bei unseren Kollegen. Ich weiss nicht, wer damit immer umgehen kann. Das Leben als Fussballprofi ist ein Lernprozess.

Heisst das, dass Sie nicht sich selbst sein können, wenn Sie im Ausgang sind?
Steffen: Sehr oft wird unser Verhalten falsch interpretiert. Deshalb gehen wir manchmal an Orte, wo wir nicht sofort erkannt werden. Mit ­Taulant ist das allerdings etwas schwieriger. Er ist Albaner, und die sind bei uns voll …
Xhaka: Voll was?
Steffen: Voll am Durchstarten, wenn ein Nationalspieler wie er auftaucht. Egal wo: Die Albaner kennen jeden Spieler, die sind so euphorisch.

Wie ist es folglich, wenn Taulant Xhaka in Albanien ist?
Xhaka: In Albanien ist mein Leben komplett anders als in Basel. Dort kann ich nicht mal auf die Strasse, die Fans sind so enthusiastisch. Und den Ausgang kann ich vergessen.

Ist das eine Belastung?
Xhaka: Im Grunde ist es etwas Schönes, wenn die Menschen zu einem kommen und Fotos oder ein Autogramm wollen. Aber es wird dann zur Belastung, wenn man mit der Familie unterwegs ist und nicht in Ruhe essen oder miteinander reden kann.

Wie hat sich Ihr Leben mit den sozialen Medien verändert?
Steffen: Ich finde es bedenklich, wenn Kinder einen eigenen Account haben und beleidigende Kommentare schreiben. Die sind teilweise zehn Jahre alt! Da frage ich mich schon: Wo sind da die Eltern, die schauen, was ihre Kinder machen? Die Hemmschwelle ist mittlerweile so tief. Aber viele von ihnen wollen dann nach dem Match ein Foto mit uns.

Sie sprachen von der Vorbildfunktion. Doch ist ein Fussballer, der sich die ganze Zeit verbiegt und zurückhält, der nur glattgebügelte Aussagen macht in der gut gemeinten Absicht, ins Schema zu passen, ein Vorbild?
Steffen: Für viele scheint so ein Vorbild auszusehen. Ich jedoch würde eher meinen eigenen Typ bevorzugen, ehrlich gesagt – einer, der eine Meinung hat und diese auch äusserst. Ich finde es schade, wenn wir keine Ecken und Kanten haben dürfen.

Fehlen diese Typen auch beim FCB?
Steffen: Ich verstehe, was Sie meinen. Aber Sie müssen auch unsere Position begreifen: Wenn wir mal etwas konkret ansprechen, wird es uns oft dreimal im Mund verdreht und tagelang um die Ohren gehauen. Da wird man mit der Zeit schon vorsichtig. Ich kann mich doch nicht nach dem Match hinstellen und sagen: Wir haben heute verloren, weil Taulant einen Fehler gemacht hat.

Aber warum denn nicht – wenn er denn einen Fehler gemacht hat?
Xhaka: Warum soll ich in der Presse Renato blossstellen? Das bringt doch nichts, erzeugt nur Unruhe.

Urs Fischer hat nach dem Heimspiel gegen Paris Saint-Germain auch Renato Steffen öffentlich kritisiert!
Steffen: Mittlerweile weiss ich, wie er das gemeint hat …
Xhaka: Er hat dich auseinandergenommen (lacht) …
Steffen: Ich habe die Kritik des Trainers mitbekommen und ihn dann auch darauf angesprochen.

Wirklich?
Steffen: Ja. Und ich habe auch gehört, wie er eine Woche später einen Fehler von Marek Suchy ansprach, dann aber sagte, dass dies keine Kritik gewesen sei. Nicht, dass es dann wieder heisse, er würde einzelne Spieler kritisieren.

Wie würden Sie das letzte Halbjahr des FCB zusammenfassen? Viele Beobachter sind mit dem Gebotenen nicht zufrieden, einige Auftritte wirkten freudlos und der Fussball langweilig.
Xhaka: Unter dem Strich war das halbe Jahr in der Liga gut, nur in der Champions League lief es nicht.
Steffen: Wir haben nicht immer schönen, dafür effizienten Fussball gespielt. Die Leute erwarten, dass wir jeden Gegner 5:0 wegputzen, aber oft geht es einfach auch darum, Punkte zu holen. Auch der FC Barcelona zaubert nicht jede Woche. Aber wir arbeiten daran, dass wir den Fans schönen Fussball zeigen können.

Ab September waren die Auftritte in der Super League doch sehr durchzogen – und bestimmt nicht so, wie Sie das selbst erwarten, oder?
Steffen: Manchmal fehlte vielleicht schon etwas das Feuer, das können jedoch nicht immer nur Taulant und ich erzeugen.
Xhaka: Ein bisschen Pfeffer fehlte manchmal, das stimmt.

Braucht es mehr Xhakas und Steffens?
Xhaka: Allzu viele Xhakas wären dann auch wieder nicht gut … es braucht auch ruhigere Gemüter wie Luca Zuffi oder Matias Delgado, die ebenfalls ein Spiel entscheiden können.

Braucht es auch wieder mehr Basler beim FCB?
Xhaka: Ich weiss, das ist ein Thema – aber so sehe ich das nicht. Jeder Spieler ist ein Teamkollege von mir, egal, woher er kommt, aus dem Nachwuchs, aus Basel oder dem Ausland.

Denken Sie, dass der FCB in der Rückrunde besseren Fussball spielen wird?
Xhaka: Jeder Einzelne wird besser in Form sein, davon bin ich überzeugt. Dann wird auch unser Spiel als Ganzes besser.

Als moderner Sechser vor der Abwehr müssten Sie mehr in die gegnerische Abschlusszone kommen. Ist das eine Vorgabe, an der Sie arbeiten, um besser zu werden?
Xhaka: Ja, klar. Darüber habe ich auch schon mit dem Trainer geredet.

Und bei Ihnen, Renato Steffen …
Steffen: Ich höre …

Sie sollten eindeutig mehr Tore schiessen – Sie können viel mehr!
Steffen: Ich weiss. Im Herbst habe ich in der Liga nur zwei Tore geschossen. Das ist zu wenig. Ich muss mehr zum Abschluss kommen und egoistischer werden. Das nehme ich mir für 2017 vor.
Xhaka: Wieder frecher werden – das ist es.

Bearbeitung: Marcel Rohr, Tilman Pauls und ­Oliver Gut (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.02.2017, 07:51 Uhr

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