Wo der FC Basel auf einem Abstiegsplatz steht

Der FCB und die Grasshoppers brechen in Halbzeit zwei regelmässig ein, Thun und YB legen dafür mächtig zu. Das hat direkt mit der Clubpolitik zu tun.

Die Berner jubeln, die Basler hadern. Würden in einem Spiel nur die zweiten 45 Minuten zählen, wäre der Unterschied in der Tabelle noch grösser.

Die Berner jubeln, die Basler hadern. Würden in einem Spiel nur die zweiten 45 Minuten zählen, wäre der Unterschied in der Tabelle noch grösser. Bild: Keystone

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Souveräner erster Platz, statistisch der beste Angriff der Super League, gepaart mit der besten Abwehr. Das können nur die Young Boys sein? Falsch! Das ist der FC Basel, wenn man eine Tabelle erstellt, in die nur die Resultate der ersten Halbzeiten einfliessen.

Abgeschlagen auf dem Abstiegsplatz, zweitschwächster Sturm, mit Abstand löchrigste Abwehr der Super League. Kann nur Neuchâtel Xamax sein? Wieder falsch! Auch das ist der FC Basel, wenn man nur die Resultate der zweiten 45 Minuten anschaut.

Der Blick auf die beiden Tabellen zeigt, wie krass der Leistungsabfall der Basler nach der Pause ist. Und dass die Grasshoppers ein ähnliches Problem haben wie der FCB. Er zeigt aber auch, dass es zwei Teams gibt, die in der zweiten Halbzeit enorm aufdrehen: die Young Boys und ihr Kantonsrivale FC Thun.

Theoretisch könnten sich die schwachen Startphasen auf der einen Seite und das Nachlassen auf der anderen Seite ausgleichen. Aber das ist nicht der Fall. Die Grasshoppers und der FCB verlieren in der zweiten Halbzeit häufig Punkte. Demgegenüber können die beiden Berner Clubs ihre langsamen Starts in der zweiten Hälfte häufig korrigieren und gewinnen so jeweils 13 Zähler hinzu.

Die gegenläufigen Bewegungen der beiden Berner Clubs auf der positiven und von GC und FCB auf der negativen Seite sind so stark, dass Glück oder Pech eine untergeordnete Rolle spielen dürften. FCB-Trainer Marcel Koller selbst hat am Sonntag nach dem 1:3 gegen YB (nach einer 1:0-Pausenführung) eine mögliche Erklärung ins Feld geführt: «Wir sind von der Basis her, vom Konditionellen nicht auf dem Level. Uns fehlt die Kraft und auch die Frische.»

Kollers Ausrede und Angriff

Das ist eine Botschaft mit ganz vielen Ebenen. Zunächst klingt es wie ein heftiger Angriff auf seinen Vorgänger Raphaël Wicky. Die Aussage wirkt zudem wie eine Ausrede dafür, dass die Resultate unter Koller nicht besser geworden sind als unter Wicky. Und es könnte auch ein Wink an den Vorstand sein, dass Koller einen Wechsel im Trainerteam möchte. Für die Physis der Spieler ist ja nicht in erster Linie der Cheftrainer zuständig. Basels neuer Konditionstrainer Mathieu Degrange wurde erst im Sommer frisch auf Wunsch von Wicky engagiert.

Es gibt aber noch eine weitere Erklärung für das Phänomen. Und die hat wenig mit Trainingslehre zu tun. Dafür einiges mit Club- und Transferpolitik. Die Statistiken der Einwechselspieler beweisen: Bei YB und Thun können die Spieler, die von der Bank kommen, einem Spiel eine Wendung geben – bei Basel und GC dagegen kaum.

Über Jahrzehnte war es der FC Basel, der sich ein derart breites Kader leistete, dass er noch diesen oder jenen Nationalspieler in der Hinterhand hatte, um Verletzungen zu kompensieren oder einen Rückstand wettzumachen. Diese Zeiten sind seit dem Kauf durch Bernhard Burgener vorbei. Der neue Besitzer und sein Sportchef Marco Streller sind davon ausgegangen, dass ein verkleinertes und verjüngtes Kader reichen muss, um in der Schweizer Liga zu bestehen.

Dieser Grundsatzentscheid wirkt sich direkt auf die Spiele aus. Von der Basler Bank kommen heute keine gestandenen Profis mehr, sondern häufig Teenager. Im Schnitt sind jene vier Spieler, die der FCB am häufigsten einwechselt, 20 Jahre alt. Das ist der tiefste Schnitt jener vier Teams, die nach der Pause am stärksten zulegen oder einbrechen.

Auf der anderen Seite der Skala liegen die Young Boys. Sie profitieren von der Breite ihres Kaders, wenn sie es sich leisten können, Spieler wie Miralem Sulejmani oder Jean-Pierre Nsame erst in Halbzeit zwei aufs Feld zu schicken. Im Vergleich zum FCB liegt der Altersschnitt der am häufigsten eingewechselten YB-Spieler um sechs Jahre höher. Es ist ein Plus an Erfahrung und Klasse, das sich eins zu eins auf die Resultate auswirkt.

Möglich, dass sich dieser Berner Vorteil im Winter etwas abschwächt, sollten ein paar Leistungsträger den Absprung in eine grössere Liga suchen. Auf der anderen Seite ist die Frage, ob der Basler Präsident Burgener bereit ist, in der Winterpause noch einmal kräftig Geld in die Hand zu nehmen. Zumal Wintertransfers in der Regel teurer und weniger effektiv sind als über längere Zeit vorbereitete Zuzüge im Sommer.

Das kleine Thuner Wunder

Dass YB über ein breites Kader verfügt, mag keine Überraschung sein. Dass der FC Thun derart häufig über Einwechselspieler zu Skorerpunkten kommt, wirkt dagegen wie ein kleines Wunder. Die Berner Oberländer haben traditionell eines der kleinsten Budgets der Liga und finden ihre Zugänge fast ausschliesslich in der Challenge League.

Sportchef Andres Gerber darf sich also durchaus kurz auf die eigene Schulter klopfen, wenn ein Dennis Salanovic als Joker bereits auf vier Tore und zwei Assists kommt. Letzte Saison spielte der 22-jährige Flügel noch in der zweithöchsten Liga bei Rapperswil-Jona, wo er in der ganzen Saison zwei Tore erzielte und zehn Assists gab.

Kommt dazu, dass die Thuner im Sommer keinen grossen Umbruch im Kader erlebt haben und Trainer Marc Schneider immerhin schon eineinhalb Jahre im Amt ist. Diese Stabilität kommt Zugängen und Einwechselspielern entgegen, weil sie in ein funktionierendes Mannschaftsgefüge eingebaut werden können.

Die Grasshoppers sind damit auf vielen Ebenen das pure Gegenteil zu den Thunern. Zwar müssen auch die Zürcher aufs Geld achten. Längere Phasen von Ruhe und Kontinuität aber gab es auf dem Campus in Niederhasli in den letzten Jahren kaum einmal. Und anders als der auf den Schweizer Markt konzentrierte Gerber in Thun sucht GC-Sportchef Mathias Walther seine Schnäppchen gerne kreuz und quer in Europa zusammen.

Kommen zu all dem wie aktuell noch sieben verletzte Spieler, ergibt das eine Ersatzbank, von der fast keine Impulse kommen. Und damit den regelmässigen Absturz in der zweiten Halbzeit.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.12.2018, 16:35 Uhr

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