Barnetta: Hoffnungsträger a.D.

St. Gallens prominentester Fussballer ist meist nur Zuschauer, weil er für Trainer Zeidler zu langsam ist.

Er würde gerne einmal zeigen, dass er es noch kann: Tranquillo Barnetta in Zivilkleidung im Kybunpark – bekommt er heute gegen GC eine Chance? Foto: Fabienne Andreoli

Er würde gerne einmal zeigen, dass er es noch kann: Tranquillo Barnetta in Zivilkleidung im Kybunpark – bekommt er heute gegen GC eine Chance? Foto: Fabienne Andreoli

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Irgendwann wird er die Agenda selber bestimmen dürfen, am Samstag mit Freunden abmachen, wann immer er will. Oder er darf sich einen Brunch gönnen, weil er nicht mehr Rücksicht nehmen muss, und wenn die Waage ein paar Gramm mehr anzeigt, kann er das verschmerzen. Es ist nicht gleich eine Sehnsucht spürbar, aber eine Vorfreude auf einen anderen Rhythmus, auf einen Alltag, in dem er nicht mehr ausgestellt sein wird, auf ein gewöhnliches Leben. Die Frage ist: Wann wird das sein? Ab nächstem Sommer? Vorher?

Wer Antworten sucht, merkt bald, wie sensibel das Thema ist. Wie sich alle um eine korrekte Tonalität bemühen und lieber ein nettes Wort zu viel verlieren, weil es nicht um einen beliebigen Fussballer des FC St. Gallen geht, sondern um Tranquillo Barnetta. Der viele Jahre in der Bundesliga verbrachte und 75 Länderspiele bestritt, sich jetzt aber schon glücklich schätzen muss, wenn er es ins 18-Mann-Kader schafft. Und das mit 33.

Also: Was ist los?

Barnetta kommt vom Training, es ist der Mittag nach dem 0:2 bei YB, die Reise nach Bern hat er nicht mitgemacht. «Ich weiss es nicht», sagt er, «von meiner Seite ist alles in Ordnung. Und ich bin überzeugt, dass ich der Mannschaft helfen könnte.»

18 Minuten in 8 Runden

Gesund ist er, vom Trainer erhält er positive Rückmeldungen nach der Arbeit unter der Woche, das macht es nicht einfacher zu verstehen, warum Barnetta zwischen Bank und Tribüne pendelt und es seit Sommer bloss zu 18 Minuten in der Super League gereicht hat.

«Die Dynamik und Explosivität sind nicht mehr die gleichen wie vor ein paar Jahren.»Peter Zeidler, Trainer St. Gallen

Peter Zeidler ist sein Chef, und er findet viel Positives. Barnetta habe keinerlei Allüren, sei mit seinem Eifer ein Vorbild für die Jungen, schlage die besten Standards, sei gedanklich unheimlich schnell, er lobt – bis er zum Aber kommt. Und dieses Aber ist entscheidend: «Die Dynamik und Explosivität sind nicht mehr die gleichen wie vor ein paar Jahren.» Und das System umstellen, um für seinen prominentesten Spieler einen Platz zu schaffen, das macht für ihn keinen Sinn: «Ich bin nicht gefühllos, mir wäre eine andere Situation für Quillo auch lieber. Aber ich trage die Verantwortung für das Ganze und sehe andere Spieler derzeit vor ihm.»

Im Januar 2017 ist Barnetta heimgekommen, und sie haben in St. Gallen auf ihn gewartet – auf ihn, der im Sommer 2002 sein Debüt gab, 17 war, furchtlos, unbeschwert, erst noch ein Eigener, gross geworden im Stadtquartier Notkersegg. Als er fortzog und Karriere in Deutschland machte, büsste er nichts von seiner Popularität in der Ostschweiz ein. Er verwies immer wieder auf seine Herkunft, sein Dialekt schleifte sich in der Fremde nicht ab, er blieb im Ausland der St. Galler Bub, ob in Deutschland oder am Schluss in den USA.

Zutaten für einen Star

«Quillo», das war ein Export, auf den sie stolz waren. Er ist Botschafter der Olma, im Ehrenstand der Fasnächtler, eine Garderobe im alten Espenmoos trägt seinen Namen, es sind Zutaten, mit denen sich leicht ein Star formen liesse. «Aber er trug nie einen Kleiderbügel im Trikot», sagt Werner Zünd und meint damit: «Barnetta trug den Kopf nie hoch, er hielt sich nie für einen König.» Zünd war Assistenztrainer, als der junge Mann in der ersten Mannschaft auftauchte. Er sagt: «Quillo ist heute noch so wie damals: bodenständig, ein feiner Mensch.»

«Ich würde alles noch einmal gleich machen und wieder nach St. Gallen zurückkommen.»Tranquillo Barnetta

Als der Club Barnettas Verpflichtung bekannt gab, löste das euphorische Reaktionen aus. Das Trikot mit der Rückennummer 85 war ein gewaltiger Renner, und garniert wurde der Transfer mit entsprechenden Kommentaren. Kurz: Barnetta wurde als Hoffnungsträger begrüsst. Und jetzt? Hoffnungsträger a.D., ausser Dienst. Bislang jedenfalls.

«Ich versuchte damals schon, das zu relativieren», sagt Barnetta an diesem Donnerstag. Nicht, dass die Erwartungen so belastend gewesen wären, dass sie ihm den Schlaf geraubt hätten, «das Auge, die Pässe – das ist noch da, und ich habe auch Erfahrungen gesammelt. Aber ich kann nicht mehr wie ein 17-Jähriger wirbeln, auch wenn ich das noch gerne lange tun würde. Diese Leichtigkeit ist nicht mehr im gleichen Mass vorhanden.»

Das hat auch mit drei Knie-Operationen in all den Jahren zu tun. Manchmal merkt er auch, dass er kein Jungspund mehr ist, wenn er in der Stadt um ein Selfie gebeten wird – nicht von Kindern, sondern von Vätern, die damals, 2002, noch Teenager waren. Eines hält er trotzdem ausdrücklich fest: «Ich würde alles noch einmal gleich machen und wieder nach St. Gallen zurückkommen.»

Bis Ende Saison läuft sein Vertrag. Aber denkt er vielleicht darüber nach, schon im Winter zu sagen: Danke, das wars? «Natürlich bin ich enttäuscht, wenn ich nicht spiele», sagt er, «und wenn ich weiter nicht berücksichtigt werde, macht es das für mich nicht einfacher.»

Die Falschmeldung im Mai

Im Mai kursierte gleich nach dem letzten Spiel der vergangenen Saison die Nachricht, Barnetta sei zurückgetreten. Er las die Zeilen auf seinem Handy, als er in der Loge eines Sponsors Autogramme schrieb. Ihn erstaunte, irritierte und verärgerte das. Er will noch nicht aufhören. Und doch steuert Barnetta auf das Ende seiner Karriere zu. Ausserhalb von St. Gallen noch einmal etwas anzufangen, das schliesst er aus.

Solange er noch dabei ist, will er sich nichts vorwerfen lassen. Er trainiere motiviert und kümmere sich gern um die Jungen. Und wenn er aufhört, muss der Verein nicht ein Feuerwerk zu seinen Ehren zünden, er sagt: «Ich brauche kein Brimborium.»

Aber eben, das sei noch kein Thema, das Thema sei der Samstag, die Partie gegen GC. Davor gibt es für Barnetta eine Erfolgsmeldung. Er steht im Aufgebot und sagt: «Es kann schnell gehen.» Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er wieder spielen wird. Und so, wie die St. Galler ihn im Kopf haben.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.09.2018, 13:38 Uhr

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