Das heikle Ende einer Legende

Wie entsorgt man einen Captain? Stephan Lichtsteiner will weiterspielen. Das wird schwierig.

Schwerer Stand, trotz 103 Länderspiele.

Schwerer Stand, trotz 103 Länderspiele. Bild: Keystone

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Die Stimmung? Könnte nicht besser sein nach der 6:0-Gala gegen Island. Die Schweizer Fussballer zeigten beim Start in die Nations League ihre beste Leistung seit September 2016, als der frisch gekürte Europameister Portugal in Basel 2:0 geschlagen wurde. Mit einer geballten Ladung fröhlicher Gesichter an Bord reiste der rotweisse Tross am Sonntagabend denn auch Richtung Leicester, wo heute ein Test gegen England ansteht (21 Uhr, SRF 2).

Die 90 erfrischenden Minuten am Samstag brachten viele Sieger hervor. Es ist deutlich zu spüren, dass Vladimir Petkovic seine Elf verjüngen will. Also brachte der Nationaltrainer gegen Island mit Kevin Mbabu, Albian Ajeti und Djibril Sow gleich drei Debütanten. Vor allem die beiden Erstgenannten überzeugten: Mbabu bestach als Rechtsverteidiger mit dynamischen Vorstössen. Und Mittelstürmer Albian Ajeti brauchte lediglich sechs Minuten für sein erstes Tor in der A-Auswahl – mit der ersten Ballberührung notabene.

Mbabu, der Komet

Kevin Mbabu ist der aufsteigende Komet am Schweizer Fussballfirmament, der Stern von Stephan Lichtsteiner dagegen ist am Verglühen. Der 34-jährige Luzerner ist zwar ein Alphatier in der Auswahl, 103 Länderspiele, sieben Meistertitel mit Juve, also silenzio, Ragazzi, und zwar tutti!

Die Akte Lichtsteiner führt Petkovic zurück in die Zukunft und zu einer grundlegenden Frage mit Brisanz: Wie entsorgt man einen Captain? Nachfragen darf der Coach bei seinen Vorgängern Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld. Es gibt viele Möglichkeiten, die Sache falsch anzupacken und nur wenige Wege, dass alle bis zum Schluss ihr Gesicht wahren können. Denn am Ende einer Fussballerkarriere zählen nie allein die Erfolge, sondern immer auch der Beliebtheitsfaktor beim Publikum; oft wird dieser sogar noch höher gewichtet als Tore, Titel und Prämien.

Der Chef der Secondos

Beispiel Johann Vogel. Vor der EM 2008 kam Köbi Kuhn zum Schluss, dass der Genfer Mittelfeldstratege ein Spaltpilz ist. Kuhn griff zum Telefon und informierte Vogel von dessen Ausbootung. «Ich stiiig ins Fluugzüüg und tätsch der eis!», war eine der vielen unschönen Antworten, die der Trainer in den Hörer geschrien bekam. Das heikle Ende einer Legende. Alex Frei wurde im Oktober 2010 in Basel ausgepfiffen, bis dem FCB-Torjäger die Krawatte platzte. Im Frühling 2011 trat der Nachfolger von Johann Vogel unter grösstem medialem Donnerwetter zurück.

Kuhns Nachfolger Ottmar Hitzfeld entschied sich nach der Ära Frei, die Captainbinde Gökhan Inler zu übertragen. «Er ist der Chef der Secondos», begründete Hitzfeld seine Wahl. Inler, der laufstarke Mann im Mittelfeld, wirkte integrativ auf die Gruppe, vor den Mikrofonen waren seine Auftritte eher peinlich. Jeder Satz holperte. Noch an der WM 2014 war Inler im Mittelfeld unersetzlich, im März 2016 liess ihn Petkovic fallen – nach 89 Länderspielen. Bis heute ist Inler in der Schweiz völlig von der Bildfläche verschwunden. Interviews verweigert er weitestgehend, der Verband befindet es bis heute – wie im Fall Alex Frei – nicht für nötig, einen verdienten Nationalspieler würdig zu verabschieden.

Bellerin, der Konkurrent

Nun droht Stephan Lichtsteiner die rotweisse Sackgasse. Nach seiner glorreichen Zeit in Italien entschied sich der Aussenverteidiger im Sommer für einen Transfer zu Arsenal. In London muss er nun hinter Hector Bellerin anstehen. Der 23-jährige Spanier ist eine ähnliche Rakete wie Mbabu bei YB. Lichtsteiner wird sich – keine schweren Verletzungen beim Konkurrenten vorausgesetzt – gedulden müssen.

In der Nationalelf hat er seit der WM 2014 nur noch selten wirklich überzeugt. Es ist so wie bei allen grossen Schlachtrössern dieser Fussballwelt: Steht als erste Zahl im Alter eine 3, verschiebt sich sein Wert. Er wird immer wichtiger in der Kabine und immer unwichtiger auf dem Platz.

Als Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri während des WM-Spiels gegen Serbien (2:1) den Doppeladler machten, erkannte Lichtsteiner blitzschnell die herannahende Gefahr – und jubelte mit der gleichen Geste. Einzig aus Solidarität zur Gruppe. Dafür wurde auch er von der Fifa gebüsst und durch den medialen Fleischwolf gedreht.

Buffon, die lebende Legende

Natürlich ordnet Lichtsteiner sein sportliches Rendement etwas anders ein. «Ich kann noch auf höchstem Niveau spielen, das habe ich bei Juventus bewiesen», sagt er. Dort hatte er leuchtende Vorbilder: Goalielegende Gigi Buffon war vor seinem Wechsel zu PSG 40 Jahre alt, Verteidigerkollege Andrea Barzagli ist 37, Giorgio Chiellini 34. Lebende Legenden.

Seit dem Traumdebüt von Kevin Mbabu gegen Island ist klar: Die Schweiz hat rechts hinten auf Jahre hinaus keine Probleme. Der YB-Rastamann ist 23 Jahre alt, dahinter drängen mit Michael Lang (Gladbach) und Silvan Widmer (Basel) gleich zwei weitere Konkurrenten auf Spielminuten.

Petkovic nimmt Dampf aus dem Fall, wenn er sagt: «Stephan ist ganz wichtig für uns.» Gerade bei den Krisensitzungen letzte Woche in Feusisberg verhandelte Lichtsteiner in der ersten Reihe. Heute in England wird er auf dem Platz stehen und wie immer alles geben. Doch die Uhr des Lebens tickt gnadenlos gegen den Leithammel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 12:09 Uhr

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