Die schweren Fehler von Urs Fischer in der Champions League

Während für Fischer die Champions League die ultimative Herausforderung bedeutete, ist sie für Wicky eine tolle Chance, mit überraschenden Resultaten seine letzten Zweifler zu überzeugen.

Raphael Wicky versucht, Fischers Spielphilosophie des Kombinations- oder Ballbesitzfussballs in ein neues Konzept mit Tempofussball und hohem Pressing umzuwandeln.

Raphael Wicky versucht, Fischers Spielphilosophie des Kombinations- oder Ballbesitzfussballs in ein neues Konzept mit Tempofussball und hohem Pressing umzuwandeln. Bild: Keystone

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Die Bilanz von Ex-FCB-Trainer Urs Fischer in der letztjährigen Champions League war ein Desaster. Vier Niederlagen gegen Arsenal und Paris Saint-Germain standen nur zwei Remis gegen ein mittelmässiges Ludogorez Rasgrad gegenüber. Mit nur zwei Punkten und einer Tordifferenz von 3:12 musste sich der FCB erstmals nach sieben Jahren vor der Winterpause aus den europäischen Wettbewerben verabschieden.

Fischers Bilanz in der Liga hingegen war eine überragende Erfolgsgeschichte: Meister mit 86 Punkten und 17 Zählern Vorsprung zeugen von einer vorbildlichen Effizienz. Wie ist dieser eklatante Widerspruch zwischen den zwei Wettbewerben zu erklären? Urs Fischer verfügte über drei herausragende Offensivspieler: Marc Janko, Seydou Doumbia und Matias Delgado. Alle drei standen am Ende einer erfolgreichen Karriere – und das ist für einen Trainer eine sehr schwierige Aufgabe. Ältere Spieler haben die Tendenz, etwas gemütlicher zu agieren und den Mitspielern die längeren Laufwege zu überlassen. Die meisten wollen es nicht wahrhaben, dass ihre Leistungen nachlassen und sie nicht mehr zu den unbestrittenen Stammspielern gehören. Doch in entscheidenden Momenten wie in der Champions League sorgen sie noch immer oft für den Unterschied.

Fischer hat zwei schwere Fehler begangen. Erstens hat er nicht versucht, die beiden Topskorer zu einer Einheit zu verschmelzen, sodass sie in der Champions League zu den Fixstartern hätten zählen müssen. Er traute ihnen nicht mehr zu, dass sie in den entscheidenden Spielern als Sturmduo jede Abwehr in Schwierigkeiten bringen konnten. Dabei hätten sich Janko und Doumbia ideal ergänzt: Janko als Strafraumspieler mit enormen Abschlussqualitäten. Doumbia, der es vorzieht, aus der Tiefe zu kommen und – einmal in Schwung gekommen – kaum mehr zu halten ist.

Zweitens hat Fischer diese beiden Torjäger von Anfang an einem direkten persönlichen Duell ausgesetzt – entweder begann er mit Janko und wechselte Doumbia im Laufe des Spieles ein, oder der Ivorer wurde durch den Österreicher ersetzt. In den sechs Champions-League-Spielen standen die mit Abstand gefährlichsten Goalgetter ganze 36 Minuten zusammen auf dem Platz – im letzten Spiel gegen Arsenal beim Stande von 0:4. Als alles längst verloren war.

Dünnes Kader für Wicky

Ich halte Urs Fischer nach wie vor für einen guten Trainer. Aber mir drängt sich die Frage auf, warum er das Potenzial dieser beiden Topstürmer nicht richtig einschätzte. In allen Interviews nach den sechs Spielen in der Königsklasse erwähnte Fischer die überwiegend gute Leistung seiner Mannschaft, die sich etliche Grosschancen herausgespielt hatte, diese aber nicht verwerten konnte. Er erkannte die Abschlussschwäche – nicht aber die naheliegendste Lösung dieses Problems.

War es die Tatsache, dass Fischer sich nur in einem 4-2-3-1-System wohlfühlt und sich einen Zweimannsturm mit Janko und Doumbia gar nicht vorstellen konnte? Hatte er Angst, dass die Mannschaft mit zwei Stürmern zu offensiv eingestellt wäre?

Während für Fischer die Champions League die ultimative Herausforderung bedeutete, ist sie für Raphael Wicky eine tolle Chance, mit überraschenden Resultaten seine letzten Zweifler zu überzeugen. Manchester United ist in der gegenwärtigen Verfassung eine Nummer zu gross für den FCB. Die beiden Auswärtsspiele der Basler gegen die extrem heimstarken Benfica und ZSKA Moskau sind schwere Brocken. Dafür liegen in den Heimspielen im Joggeli rotblaue Punktegewinne im Bereich des Möglichen.

Wickys Spielerkader ist mit nur 16 Stammspielern und acht teilweise hochtalentierten Nachwuchsspielern eher etwas schwächer besetzt als das letztjährige. Ich bewundere das FCB-Management für diesen Mut, denn der Schuss könnte auch nach hinten losgehen. Denn sogar die Meisterschaft wird in dieser Saison kein Selbstläufer für den FCB. Fischers Punktzahl wird wohl unangetastet bleiben und der Abstand zum nächsten Verfolger könnte auch ganz minim ausfallen – wenn überhaupt! Dann wird sich weisen, ob diese Hochrisiko-Strategie Wicky zum bequemen Bauernopfer degradieren wird – oder nicht.

Der Basler Cheftrainer versucht, Fischers Spielphilosophie des Kombinations- oder Ballbesitzfussballs in ein neues Konzept mit Tempofussball und hohem Pressing umzuwandeln. Ältere Spieler könnten sich dagegen sträuben, denn Tempofussball verlangt viel mehr Aggressivität, schnelleres Umschalten und häufigere Sprints auch ohne Ball. Junge Spieler sind eher bereit, derartige höhere Anforderungen anzunehmen. Wie die erfahrenen Profis darauf reagieren, wird interessant zu beobachten sein.

Ein Fragezeichen setze ich hinter die Namen Alexander Fransson, Davide Callà und Geoffroy Serey Die – ob sie tatsächlich helfen können, Wickys Strategie erfolgreich umzusetzen: Da habe ich doch meine Zweifel.

Erich Vogel (78) ist im Schweizer Fussball der Doyen der Sportchefs. Er war Trainer und Manager bei GC, Xamax, FCZ und Basel. Für die BaZ kommentiert er in unregelmässigen Abständen den Fussball. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 09:56 Uhr

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