Guter Fischer, schlechter Fischer

Fussball-Basel diskutiert mit viel Leidenschaft über die Qualitäten des FCB-Trainers.

Urs Fischer: Selbstverständlich hat der FCB-Vorstand um Präsident Bernhard Heusler längst registriert, wie ängstlich sich ihr Trainer mitunter über den Parcour hangelt.

Urs Fischer: Selbstverständlich hat der FCB-Vorstand um Präsident Bernhard Heusler längst registriert, wie ängstlich sich ihr Trainer mitunter über den Parcour hangelt.

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Mitternacht war längst vorbei, als Urs Fischer immer noch im Mediencenter des St.-Jakob-Parks stand und versuchte, den aufwühlenden Abend einzuordnen. Im Trainer des FC Basel brodelte es.

Für den 50-jährigen Zürcher war die 1:2-Niederlage gegen Paris Saint-Germain der Match der verpassten Chance. «Wir haben es dem Gegner zu einfach gemacht», entfuhr es ihm, und für einmal tadelte er im Plenum auch einzelne Spieler. «Die Aktion von Renato vor dem Gegentor war dumm, und was Seydou angeboten hat, dünn.» Fischer meinte die Offensivspieler Steffen und Doumbia. Erstgenannter verschuldete das erste Gegentor und sah wenig später aus Disziplinlosigkeit Gelb, womit er beim nächsten Spiel in Sofia gegen Ludogorez Rasgrad gesperrt sein wird. Doumbia dagegen konnte in der Sturmspitze keinen Ball halten.

Lausige drei Minuten fehlten dem FC Basel für einen Punktgewinn gegen jenes Paris Saint-Germain, das mit einem Budget von gegen 300 Millionen Euro operiert. Doch dann erzielte Thomas Meunier mittels fantastischer Direktabnahme das 2:1 für die Franzosen, und schon war sie wieder da, die Diskussion, die Fussball-Basel in Atem hält: Guter Fischer, schlechter Fischer?

Erstmals in der Geschichte der Champions League ist der FCB nach vier Spieltagen der Gruppenphase noch punktelos gegen einen der Grossen; selbst 2008, als man ebenfalls früh hängenblieb, reichte es zu einem 1:1 gegen den FC Barcelona.

Keiner besser als Urs Fischer

Womit die Debatte um den FCB-Trainer lanciert ist. Allein für den mitunter langweiligen Alltag der Super League ist Urs Fischer für den FC Basel der beste Trainer seit Thorsten Fink. Fischer ist arbeitsam und bodenständig, er kennt die Liga und die Schuhnummer jedes Gegenspielers. Die Spieler wissen, woran sie sind bei ihm, ihr Chef ist aufrichtig und direkt.

Fischer ist mediengestählter als der unerfahrene Heiko Vogel, er ist klarer strukturiert und fleissiger als Murat Yakin sowie wesentlich emphatischer als Paulo Sousa. Um den nationalen Titel zu erobern – und das ist immer noch das Kerngeschäft jedes Übungs­leiters im Joggeli – gibt es demnach keinen besseren als den einstigen Klasseverteidiger vom FC Zürich.

Kein Trainer für grosse Momente

Doch bis heute ist Urs Fischer kein Trainer für die grossen Momente. Das ist einerseits dem Umstand geschuldet, dass die Basler in der Champions League mit Arsenal und PSG auf starke Konkurrenz getroffen sind, die reicher, talentierter und – speziell im Fall von Arsenal – in Topform auftrumpften; viel stärker jedenfalls als es Manchester United 2011, Chelsea 2013 oder der FC Liverpool 2014 waren.

Doch wer Grosses vollbringen oder magische Momente erleben will, braucht mehr als drei Aluminiumschüsse in Paris oder ein Glückstor von Luca Zuffi aus 38 Metern. Die Magie erzwingt am ehesten jener Trainer, der mutig vorangeht, seine Spieler überzeugt und den Gegner überrascht. In Paris war dies Urs Fischer phasenweise gelungen; die erste Stunde im Prinzenpark war etwas vom Besten des FC Basel in den letzten zehn Jahren Europacup.

Doch schon am Dienstag im Rückspiel verfiel er wieder in alte Muster. Er wählte die Variante Vorsicht. Kein mutiges Angreifen, kein Pressen des Gegners. Der einzige Basler, der dies früh erkannte und ein Zeichen setzen wollte, war Geofroy Serey Die, als er vor der Pause seine Teamkollegen wild nach vorne peitschte. Allein deshalb wird der laufstarke Ivorer im Publikum längst wieder als Held verehrt. Die Fans sind froh um jede Emotion dieses Teams, das wenig Emotionen weckt.

Mehr Perlen in der Schatztruhe?

Urs Fischer hat beim FC Basel nicht nur den Auftrag, Meister zu werden. Zu seinem Pflichtenheft gehört auch, jeden Spieler weiter zu entwickeln. Das befeuert die Wertsteigerung der Mannschaft und vergoldet die vereinseigene Buchhaltung. Hand aufs Herz – welcher Profi ist unter Fischer national und international derart gewachsen wie einst Fabian Schär, Mohamed Elneny, Mohamed Salah oder Derlis Gonzalez? Gewiss, Taulant Xhaka ist zur Persönlichkeit gereift, Luca Zuffi Nationalspieler geworden, Michael Lang ein Glücksgriff und Tomas Vaclik ein überragender Goalie. Aber in den Tiefen des rotblauen Kaders, das jedem Trainer als Schatz­truhe vorkommen müsste, sollte es doch noch mehr Perlen haben, nach denen die zahlende Kundschaft lechzt, so der Eindruck. Dereck Kutesa, Blas Riveros und Kevin Bua sind für die Champions League nicht einmal gemeldet. Auf Mohamed Elyounoussi scheint der Coach nicht zu stehen, Alexander Fransson ist nach einem starken Frühling von der Bildfläche verschwunden, Jean-Paul Boëtius genügt nur im Cup. Andraz Sporar drängt in die Mannschaft, wo der Radius des lustlos wirkenden Marc Janko immer kleiner zu werden scheint.

Birkir Bjarnason und Renato Steffen dagegen, die beide eine ungenügende Kampagne spielen, geniessen verblüffend viel Kredit bei Fischer. Für die rotblauen Supporter gibt es deshalb weniger zu Entdecken als auch schon, was die Toleranzschwelle dramatisch nach unten drückt.

Urs Fischer sagt: «Es ist meine Aufgabe, die Spieler besser zu machen. Und es ist meine Aufgabe, die Spiele zu gewinnen. Ich sehe die Burschen jeden Tag im Training und kann abschätzen, wer sich wann die Chance verdient.»

Die Clubspitze hat es registriert

Dem ist kaum zu widersprechen. Doch ein Trainer muss zwischendurch auch mal die Chuzpe haben, die Laktatwerte bei einem Talent zu ignorieren und aus dem Bauch heraus eine überraschende Aufstellung zu wählen. Nicht aus Aktionismus, um die Fans zu beruhigen, sondern aus Überzeugung.

Selbstverständlich hat der FCB-Vorstand um Präsident Bernhard Heusler längst registriert, wie ängstlich sich ihr Trainer mitunter über den Parcour hangelt. Selbstverständlich wird im Joggeli hinter verschlossenen Türen diese Thematik mit Fischer besprochen. Die Clubspitze sieht die brillante Punktebilanz in der Liga und spürt den Willen ihres wichtigsten Angestellten, sich tagtäglich zu verbesseren.

Doch Siege allein retten im St.-Jakob-Park längst keinen Trainer mehr, der Spektakel-Faktor ist wesentlich. Und selbstverständlich ist kein Experte, wer behauptet, dass die FCB-Führung im Sommer mit Fischer weit mehr zufrieden war als jetzt im Herbst. Guter Fischer, schlechter Fischer? Noch bieten sich ihm gegen Ludogorez Rasgrad und Arsenal London zwei weitere Champions-League-Abende an, um das Image des Zauderers abzustreifen und seine internationale Bilanz aufzupolieren.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 03.11.2016, 06:53 Uhr

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