Nur noch absurd

Die 222'000'000 Euro Ablöse für Neymar zeigen einmal mehr, wie sehr der Fussball zum Monopoly verkommen ist.

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Als Paris St-Germain vor fünf Jahren Zlatan Ibrahimovic als neuen Spieler vorstellte, tat es das mit dem Eiffelturm im Rücken. «Gott?», fragte Ibrahimovic später einmal zurück, «gerade jetzt sprechen Sie doch mit ihm.» Der exzentrische Schwede belebte Paris, die Ligue 1 und war irgendwie ein Schnäppchen. Er war für 21 Millionen Euro aus Mailand gekommen.

Neymar fährt in seinem Auto vor, um sich von seinen Teamkollegen zu verabschieden. (Video: Tamedia/AFP)

Was denkt er jetzt wohl, wenn es um Neymar da Silva Santos Junior geht? Der Brasilianer kostet die Pariser nun zehn Ibrahimovics, 222 000 000, ebenfalls in Euro – die Steuern von rund 100 Millionen, die auf diesen Betrag fällig werden, noch nicht einmal eingerechnet. Wobei in diesem Zusammenhang nicht einmal das Geld das grosse Problem ist, der Staatsfonds Katars als Besitzer von PSG schwimmt darin. Der Punkt ist eher: Genügt es, Neymar nur am Fuss des Eiffelturms vorzustellen?

400 Millionen für Ronaldo?

Die 222 Millionen Euro sind in Neymars Vertrag mit Barcelona als Ablösesumme fixiert. Und lesen sich in Franken noch eindrücklicher: 252'000'000.

Die Frage erübrigt sich, ob ein Fussballer so viel Wert ist. Und das nicht erst seit Neymar. Oder dem überschätzten Paul Pogba, der vor einem Jahr Manchester United den damaligen Rekordpreis von 105 Millionen Euro an Juventus kostete. Oder Gareth Bale, für den Real Madrid davor 101 Millionen gezahlt hatte.

«Ich frage mich», sagt Bayern Münchens Präsident Uli Hoeness, «ob das auf Dauer den Zuschauern noch zu vermitteln ist. Ich muss als Fan mein Geld zusammenhalten, damit ich mir ein Ticket kaufen kann. Und da wird mit dem Geld um sich geschmissen, als wäre eine Million nichts mehr wert.» Bayern hat eben für 41,5 Millionen Correntin Tolisso aus Lyon verpflichtet. Correntin wer?

Auch Ottmar Hitzfeld hält die 100 Millionen für die Pogbas dieser Welt für «total überrissen». Allerdings aus einem anderen Grund, wie er unlängst im baz.ch/Newsnet erklärt hat: «Das ist ein Messi wert oder ein Ronaldo. Und wenn das für einen Pogba doch bezahlt wird, sind die anderen zwei je 200 Millionen wert. Oder 250. Im Minimum.» Jetzt muss er wieder umdenken. Wenn Neymar schon 222 Millionen kostet, müssten die beiden, die für ihn Weltklasse mit Stern sind, noch mehr verschlingen. 300 Millionen. Oder 400.

Im Fussball wird Monopoly gespielt, als wäre Geld kein Faktor. Wer kann begreifen, dass Manchester City für den Durchschnittsverteidiger Kyle Walker 51 Millionen auslegt, Leonardo Bonucci dagegen, einer der Besten seines Fachs, für 42 Millionen von Juventus zu Milan wechselt? «Alles ist willkürlich», antwortet Italiens grosser Torhüter Gianluigi Buffon, «das Geschäft ist in Händen von denen, die das Geld haben: heute 10 Millionen, morgen 100.»

Natürlich ist Neymar ein wunder­barer Fussballer, der Beste Brasiliens, einer der Besten überhaupt, Teil des Dreizacks von Barcelona mit Lionel Messi und Luiz Suarez – 364 Tore haben sie in den letzten drei Jahren produziert. Neymar verspricht auch Glamour. Und für die politisch und diplomatisch angezählten Katari kann seine Verpflichtung ein Werbecoup sein.

Der englische Geldsog

Aber 222'000'000 Euro? Für zwei Beine? Immerhin hängen sich die neuen Besitzer ihren Neymar nicht wie einen Picasso in einen abgeschlossenen Raum, sie präsentieren ihn der Öffentlichkeit. Weniger absurd oder verdorben macht es das auch nicht. 1999 glaubte Arsenals Trainer Arsène Wenger noch, eine Ablöse von damals 10 Millionen Pfund, heute gut 11 Millionen Euro, sei nicht mehr zu verantworten. Er besass keine gute Glaskugel. Diesen Sommer kosten bereits die Salahs, Bernardo Silvas, Rüdigers, Mendys, Edersons, Lacazettes, Moratas oder Bakayokos 40, 50 oder 60 Millionen.

Neymar will weg: Mega-Transfer nach Paris kurz vor dem Abschluss. (Video: Tamedia/AFP)

Es ist kein Zufall, dass sie alle nach England gezogen sind, zu Liverpool, Chelsea, Arsenal und Manchester City. Oder dass Romelu Lukaku für 85 Millionen innerhalb der Liga gewechselt hat. Nirgends wird die Preis­treiberei ausgelassener zelebriert als in der Premier League – der Liga, die seit fünf Jahren schon auf einen Finalisten in der Champions League wartet; und das ein Nationalteam stellt, dessen Scheitern an WM und EM Normalität ist.

«Das Wachstum des Fussballs ist einmalig und aufregend», sagte vor einem Jahr Khaldon al-Mubarak, der bei Manchester City Statthalter von Scheich Mansour ist. Clubbesitzer Mansour hat diesen Sommer Transfers von bislang 240 Millionen Euro abgesegnet. Seit er die Citizens vor neun Jahren kaufte, hat er gegen 2 Milliarden ausgegeben. Dafür war er immerhin einmal bei einem Spiel in Manchester.

Ein wesentlicher Grund für die steigenden Preise ist der TV-Sender Sky aus dem Imperium von Rupert Murdoch. 1992 entdeckte Murdoch den Fussball, der in England nach der wirtschaft­lichen Krise und den Gewaltexzessen der Achtzigerjahre am Boden lag. Beide brauchten einander: Sky den Fussball, um Gewinne zu machen, der Fussball Sky, um zu neuer Reputation zu kommen. 66 Millionen Franken zahlte Sky pro Jahr anfänglich. Inzwischen sind es 1,8 Milliarden, die es allein für seine Rechte in die Premier League pumpt. Dank British Telecom, BBC und der asiatischen Märkte nimmt die Liga total gar 3,6 Milliarden ein.

Mit dem Fernsehen sind die Sugardaddys aus Russland, den USA und aus Arabien gekommen: angelockt vom Prestige, das mit der Premier League verbunden ist, und vom Geld, das es zu verdienen gibt. Und sie, die reichen Onkel, zwingen die Konkurrenz dazu, mit ihren Fantasiesummen mitzuhalten.

82 000 Euro im Tag – steuerfrei

Neymar profitiert davon. 30 Millionen Euro wird er künftig einstreichen, pro Jahr, nach Steuern, was einen Tageslohn von 82 000 Euro ergibt. Und Kylian Mbappé wird irgendwann davon profitieren, weil für den Stürmer von der AS Monaco, der erst 18 ist, eine Ablöse von 180 Millionen im Raum steht. Und irgendwer wird sonst profitieren, weil alle wissen, dass die Premier League auf Milliarden sitzt und Barcelona auf den Millionen für Neymar.

Das Financial Fairplay, von der Uefa zur Kostenkontrolle eingeführt, wird die Clubs mit viel Geld nicht bremsen. Paris St-Germain will ein paar seiner Grossverdiener wie Angel di Maria abstossen, um im Budget Platz für Neymar zu schaffen. Es würde auch eine Abgabe nicht fürchten, die Uefa-Präsident Aleksander Ceferin allenfalls auf Transfers erheben möchte.

Ottmar Hitzfeld weiss, je höher eine Ablöse, desto «lächerlicher erscheint sie in der Wahrnehmung». Trotzdem glaubt er nicht, dass die Exzesse auf dem Transfermarkt dem Fussball schaden. «Er wird nie kaputtgehen», sagt er. Im Gegenteil: «Das macht ihn spannender.»

Erstellt: 02.08.2017, 15:59 Uhr

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