Sie schimpften ihn Metzger

Didier Dinart könnte mit dem Titel bei der Handball-WM einmalig werden. Obwohl man ihm einst sagte, er habe in diesem Sport keine Zukunft.

Didier Dinart ist als Coach um einiges ruhiger als zu seiner Zeit als Fels in der Abwehr. Foto: Getty Images

Didier Dinart ist als Coach um einiges ruhiger als zu seiner Zeit als Fels in der Abwehr. Foto: Getty Images

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Wenn ein grosses Turnier ansteht, dann gehören Frankreichs Handballer seit 20 Jahren immer zu den Favoriten. Sie holten­­ 18 Medaillen, nicht weniger als 11 davon in Gold. Zur WM in Deutschland und Dänemark treten sie nicht nur als Favoriten, sondern als Titelverteidiger an.

Und ihr Trainer, der nächste Woche erst 42 Jahre alt wird, kann mit einer weiteren Gold­medaille schon einmalig werden. Als Didier Dinart mit Frankreich 2017 WM-Gold gewann, war er zwar der zweite Handballer nach dem Deutschen Heiner Brand, der sowohl als Spieler als auch als Trainer Weltmeister wurde. Doch bei Brand blieb es bei einmal Gold.

Costantini, der Gott

Kein französischer Feldspieler hat mehr Erfolge vorzuweisen als Dinart, der 2013 seine aktive Karriere beendete. Zweimal Olympiasieger, dreimal Weltmeister, zweimal Europameister. Dazu Champions-League-Siege mit Montpellier (1) und Ciudad Real (3). Sechsfacher französischer Meister, fünffacher spanischer Champion.

Und dennoch wusste Dinart 2016 nicht, wie ihm geschah, als er nach zwei Jahren als Assistent zum Cheftrainer des Nationalteams aufstieg. «Wenn man mir vor 25 Jahren gesagt hätte, dass dieser kleine Junge aus Guadeloupe einmal im französischen Verband eine Stelle findet, und sei es nur ein Nebenjob – ich hätte laut gelacht. Und jetzt mache ich das Gleiche wie einst Daniel Costantini, der für mich ein lebendiger Gott war!»

Costantini ist der Baumeister des französischen Handball-Wunders. 1985 übernahm er das Nationalteam im tiefen Keller der Bedeutungslosigkeit und führte es an die Weltspitze. 2001 übergab Costantini als Weltmeister an Nachfolger Claude Onesta, fünf Jahre hatte Dinart unter seinem «Gott» gespielt.

«Spielen» mag vielen als ­falsche Bezeichnung für Dinarts Tätigkeit auf dem Handballfeld erscheinen. «Kämpfen, ackern, zupacken» passt vielleicht besser zu seinen – allerdings äusserst effizienten – Verrichtungen. 1,97 m gross, 107 Kilogramm schwer, dazu mit beinahe schon glühenden Augen – so stand er in der Abwehr. Er war ein Meister der Defensive. Schier unüberwindbar. Wie ein Fels. «Le Roc» nannten sie ihn ehrfürchtig in Frankreich, «La Roca» wurde er in Spanien gerufen.

«Seinen Traum verteidigen», ist der bezeichnende Titel des Buches, in dem Dinart seinen Weg von Guadeloupe bis zu olympischem Gold 2012 beschreibt.

Begonnen hat sein Sportlerleben handballfrei. Weitsprung, Laufen, Kugelstossen oder Basketball waren die Disziplinen, in denen sich der Jüngling in Pointe-à-Pitre auf den französischen Antillen zuerst versuchte. «Aber das war mir zu fein, ich brauchte Körperkontakt. Im Fussball jedoch fehlte mir das Talent.» Weil sein Bruder Handball spielte, ging auch Didier dorthin. «Gehen» ist der korrekte Ausdruck: Die fünf Francs, die ihm seine Mutter für den Bus gab, sparte er. 45 Minuten hin, 45 Minuten zurück ging er zu Fuss. «Alle sagten mir, dass ich eine Zukunft in dieser Sportart habe. Ich war grossartig, der beste Torschütze von Guadeloupe.»

Was das wert war, spürte er, als er mit 15 Jahren den Schritt aufs französische Festland wagte, nach Dijon. «Da wurde mir sehr schnell klar, dass ich Lichtjahre von dem entfernt bin, was man von einem Spitzensportler erwartet.» Anstatt aufzugeben, arbeitete er noch härter. Handball war sein Sport. Doch ihm war klar, dass er wohl kaum eine ­Zukunft als Rückraumschütze haben würde, die Kreisläuferposition wurde ihm schmackhaft gemacht. Und damit ging noch mehr Körperkontakt mit den Gegnern einher.

«Er versteht Handball nicht»

Dinart packte nicht nur kräftig zu. Er schlug am Anfang seiner Karriere auch zu. «Dann brach mir ein Gegenspieler den Kiefer. Da habe ich verstanden: Wenn ich Schläge austeile, muss ich auch einstecken.»

In seinen Lehrjahren war Dinart noch nicht «Le Roc». Die Gegner schimpften ihn «Metzger», «Zahnarzt» oder «Hirnloser». Ein Sportdirektor äusserte einmal abschätzig: «Von Dinart muss man nicht zu viel erwarten, er versteht nichts von Handball.»

Das verletzte, gab ihm aber auch Energie, alles noch besser zu machen. Die Verteidigungsarbeit wurde sauberer, sein ­Ansehen stieg. «Zu meiner Zeit musste man wahrscheinlich noch etwas mehr arbeiten, um sich aufzudrängen und durchzusetzen.» Heute habe der Verband sehr gute Möglichkeiten, es falle kaum mehr ein Talent durch das Raster.

Als Trainer spürt er: «Die ­Jugend ist anders; die Bedeutung von ‹sich aufopfern› ebenfalls.» Er sagt das wertfrei. Weil er nicht erwartet, dass sich jeder so knallhart und entschlossen den Gegnern gegenüberstellen kann, wie das Didier Dinart tat.

Nicht jeder rückt sein persönliches Ego so in den Hintergrund wie der «Fels». Über sich redet er höchst ungern. Er spricht immer im Plural. Viel wichtiger als seine Person ist ihm der Handball, das Kollektiv.

Und er erwähnt, wie schwer es ihnen, also seinem Co-Trainer Guillaume Gille und ihm, gefallen sei, zum Beispiel die letzten Namen aus dem WM-Kader zu streichen. Dass mit Nikola Karabatic einer der wichtigsten Feldspieler der letzten Jahre wegen einer Fussoperation fehlt, ist ihm nicht mal ein Nebensatz wert.

Zum ersten Mal wird eine WM in zwei Ländern ausgetragen: Deutschland und Dänemark sind die Gastgeber des Turniers, das morgen beginnt. Der­ Final findet am 27. Januar in Herning (DEN) statt. Die Deutschen spielen in Berlin (und nachher in Köln), die Dänen in Herning und Kopen­hagen. Zum ersten Mal seit 1978 findet wieder eine WM auf dänischem Boden statt. Damals wurde Deutschland (mit Arno Ehret) erstmals Weltmeister.

Im Gegensatz zu den letzten WM-Turnieren werden Spiele auf öffentlichen Sendern zu sehen sein: ZDF und ARD erwarben sich die Rechte und zeigen die Partien der Deutschen, Eurosport wird 15 Spiele übertragen.

5 der 24 Teams werden von Coaches aus Island geführt: Island (Gudmundur Gudmundsson), Österreich (Patrekur Johannesson), Japan (Dagur Sigurdsson), Schweden (Kristjan Andersson) und Bahrain (Aron Kristjansson).

Gemeinsames Korea

Wie bei Olympia das Frauen-Eishockeyteam nimmt an der Handball-WM ein vereintes Team aus Korea teil. Vier Spieler aus Nordkorea stehen im Kader, das dafür 20 statt nur 16 Namen umfassen darf. Deutschland - Korea heisst das Eröffnungsspiel vom Donnerstag in Berlin (18.15), Dänemark trifft zwei Stunden später in Kopenhagen auf Chile.

Die 24 Nationen spielen in 4 Sechsergruppen, je die ersten 3 schaffen es in die 2 Hauptrundengruppen. Achtelfinals und Viertelfinals fallen weg, nur je die 2 besten Teams nach der Hauptrunde kämpfen um Medaillen (Halbfinals und Final). (jch)

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.01.2019, 23:49 Uhr

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