Achtung, es kann nun ewig dauern

Verlängerung bis zum Siegestor: Die neue Playoff-Regel bringt dem Schweizer Eishockey denkwürdige Nächte – aber auch neue Herausforderungen.

Wenn es im Playoff nach Mitternacht wird, droht trotz Hochspannung auch mal der Schlaf: Ein junger Fan der Dallas Stars.

Wenn es im Playoff nach Mitternacht wird, droht trotz Hochspannung auch mal der Schlaf: Ein junger Fan der Dallas Stars. Bild: Mike Stone/Reuters

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Als letzte Eishockeynation führt die Schweiz es nun auch ein: Das Playoff ohne Penaltyschiessen. Steht eine Partie nach 60 Minuten unentschieden, folgen 20 Minuten lange Abschnitte, bis ein Team einen Treffer erzielt. Das kann dauern. Der Rekord, aufgestellt in Norwegen, liegt bei 8 Verlängerungen. Der Siegtreffer fiel kurz nach 2.30 Uhr.

Anhänger von Eishockeyclubs anderer Länder kennen bereits das Gefühl, das mit jeder weiteren Verlängerung intensiver wird: eine Spannung, im Sport mit nichts anderem zu vergleichen. Spätestens in der 3. Overtime reagiert der Kopf als Abwehrhaltung gegen die schier unerträgliche Anspannung mit Defätismus oder zumindest der Sehnsucht nach dem Ende.

Letzteres kennen sogar die Spieler: Der Davoser Perttu Lindgren erinnert sich bei seinem längsten Spiel der Karriere, das er vor sieben Jahren in der finnischen Liga mit Rauma bei IFK Helsinki in der 3. Verlängerung gewann, vor allem an eines: «Es ging nur noch ums Überleben. Nach dem Tor hattest du das Gefühl, dass alle vor allem froh waren, dass es zu Ende war.»

Ähnliches erzählt Biels Trainer Antti Törmänen über den 15. März 2015. Er gewann mit IFK in Tampere 2:1 nach 4 Verlängerungen – es ist das Rekordspiel Finnlands. «Ich ermunterte die Spieler in jeder Pause mit den gleichen Worten», erzählt er und fügt lachend an: «Für mich dachte ich nach der 3. Verlängerung aber auch: ‹Wir haben nur noch ein paar Bananen. Was, wenn das Essen ausgeht?›»

ZSC: Stadionproblem gelöst

Das neue Format, es wird auch dem Schweizer Eishockey denkwürdige Nächte bescheren – auch wenn erfahrungsgemäss nur schon eine 2. Verlängerung relativ selten vorkommt. Dennoch muss an jedem Spieltag theoretisch mit einer «verrückten Nacht» gerechnet werden. Und dann warten auf Spieler, Trainer, Fans, Funktionäre, Stadionangestellte andere Herausforderungen.

Ein Problemfeld ist das Hallenstadion. Die Betreiber drohten dem ZSC mit Lichterlöschen mitten im Spiel, falls der Umbau für eine am nächsten Tag folgende Veranstaltung in der Multifunktionsarena um Mitternacht beginnen müsste.

Dass dies leere Drohungen waren, ist klar. Dennoch spricht ZSC-CEO Peter Zahner von langen Diskussionen, die der Terminplanung während des Playoff vorangingen: Es musste für alle 21 potenzielle Daten sichergestellt werden, dass es nicht zu Terminkollisionen kommt.

Überlange Spiele könnten dennoch teuer werden für den ZSC, sagt Zahner: «Jede Stunde, die ein Heimspiel länger geht, kostet uns bis zu 10 000 Franken.» Der Grund: das Warten jener bis zu 100 Angestellten, die vor allem mit dem Umbau der Arena nach Spielschluss beauftragt sind.

Das Stadionproblem ist der Grund, warum der ZSC kein Freund des neuen Formats ist, sagt Zahner. «Auch wenn es sportlich natürlich die bessere Lösung als ein Penaltyschiessen ist.»

HC Davos: Herausforderung selbst bei Heimspielen

Auch andere haben Herausforderungen zu bewältigen. Wie der HC Davos, ein Club, dessen Grossteil der Fans nicht nur bei Auswärts-, sondern auch bei Heimspielen weite Reisen unternehmen, da sie überall in der Schweiz verteilt leben.

Die Rhätische Bahn wird wie gewohnt eine halbe Stunde nach Spielschluss Züge nach Chur und ins Engadin anbieten, allerdings spätestens um 1 Uhr. Dann muss die Bahn aus arbeitsrechtlichen Gründen abfahren.

Remo Pinchera, Fandelegierter beim Rekordmeister, kann sich vorstellen, dass die Fans sich aus sportlichen Gründen mit dem neuen Format zwar anfreunden, einige sich aber unter der Woche die Anreise zweimal überlegen könnten: «Dann, wenn es mehrere lange Verlängerungen hintereinander geben sollte.»

Keine Hotels gebucht, aber . . .

Zur Challenge werden könnte auch das Catering. In Biel beispielsweise, wo einige Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind, fragt Sportchef Martin Steinegger: «Können wir verhindern, wenn sie um Mitternacht lieber heimwollen?»

Und: Wie planen die Clubs die Auswärtsspiele? Werden vorsorglich immer im Voraus Hotels reserviert? «Nein», sagt Raphaël Berger, Geschäftsführer bei Fribourg. «Unser Ziel ist, stets heimzufahren. Wir haben aber nicht im Detail Szenarien geplant, falls ein Spiel noch um 3 Uhr im Gang wäre . . .»

Ähnlich tönt es auch in Biel und Lugano, wo Steinegger und sein Sportchef-Kollege Roland Habisreutinger den Fokus auch auf Ernährung und Trainingsgestaltung an den spielfreien Tagen richten: «Vielleicht gehen wir nach Auswärtsspielen am Nachmittag statt am Morgen aufs Eis», sagt Habisreutinger.

Auch Vorfreude

Egal, wo man nachfragt, eines ist stets festzustellen: Richtig geheuer ist das neue Format noch niemandem, mit Verlängerungen bis 1 Uhr oder später rechnet auch keiner wirklich. Andererseits ist auch Vorfreude zu spüren.

Denn wie sagt es Törmänen: «Jetzt, da Sie mich auf dieses Rekordspiel angesprochen haben, ist alles präsent: Wer das Siegestor erzielte, wie er es schoss, viele Details. Das sind Spiele und Momente, die du nie mehr vergessen wirst.»


Pizza um 2 Uhr vom Kurier, des Kämpfers einziges Tor, der Abriss der Halle

Kuriositäten in Playoff-Overtimes aus aller Welt.

Das längste Spiel: Joakim Jensen schiesst am 13. März 2017 um 2.32 Uhr nach 17:14 Minuten der 8. Overtime das 2:1 fürs Heimteam Storhamar gegen Sparta Sarpsborg. Rund 1000 der ­ursprünglich 5500 Zuschauer sind noch in der Halle, als die bis heute gültige Marke für die längste Eishockeypartie (217:14 Minuten Spielzeit) gesetzt wird. Das Spiel, Teil 5 des Best-of-7-Viertelfinals der Meisterschaft Norwegens, begann um 18 Uhr, mit der Schweizer Anspielzeit von 20.15 Uhr hätte es also bis 4.47 Uhr gedauert. Weil das Essen in der Halle ausgeht, bestellen die Teams in den Pausen Pizza vom Kurier. Knapp ein Jahr später blickt Jensen immer noch mit vielen Erinnerungen auf diese denkwürdige Nacht zurück.

Joakim Jensens Rekordtor in Norwegen um 2.32 Uhr Lokalzeit:

Erbarmen mit den Kindern: Als am Samstag, 8. März 2008, das letzte Finalspiel der regionalen Highschool-Meisterschaft im US-Bundesstaat Michigan auch nach acht Verlängerungen (à 8 Minuten) 1:1 steht, brechen die Offiziellen das Spiel ab. Aus Sorge um die Gesundheit der Kinder. Und weil es wenige Minuten vor Mitternacht ist und in Michigan Highschool-Eishockey am Sonntag verboten ist. Marquette und Orchard Lake werden zu Co-Champions erklärt.

Die 15 Minuten Ruhm des Goons: Am 22. April 2010 schreibt in der NHL im Erstrundenduell zwischen Pittsburgh und Ottawa ein No-Name eine filmreife Geschichte. Ottawa steht vor dem Saisonende, als in der 3. Overtime Matt Carkner das 4:3 gelingt und die Serie auf 2:3 verkürzt. Der mittlerweile zurückgetretene Kanadier ist ein «Goon» alter Schule, einer, der oft bloss zur Massregelung gegnerischer Spieler kurz aufs Eis geschickt wird. Es bleibt Carkners einziges Playoff-Tor der NHL-Karriere.

Ottawa-Verteidiger Matt Carkners Streich in der 3. Overtime in Pittsburgh:

Der deutsche Wahnsinn: Erstmals gilt 2008 auch im DEL-Playoff: Keine Penaltyschiessen mehr, spielen bis zum bitteren Ende. Am 2. Spieltag gibts bereits eine dreifache Overtime, am 3. Spieltag wird das getoppt: Philip Gogulla verewigt sich in der deutschen Sporthistorie, als er Köln gegen Mannheim in der 6. Overtime (168:16 Minuten) zum 5:4-Sieg schiesst. Bis heute ist es das längste Spiel in Deutschland. Die Homepage der deutschen Liga DEL widmet diesem Tag ein eigenes Kapitel.

Der Treffer von Philip Gogulla, der zunächst in der TV-Übertragung fälschlicherweise Sean Tallaire zugeschrieben wird:

Der Rekord, der Fans verärgerte: Das bis heute längste NHL-Spiel wird am 24. März 1936 in der 6. Overtime und nach 176:30 Minuten entschieden. Mud Brunteau schiesst das einzige Tor des Abends für Detroit gegen die Montreal Maroons. Die Lokalpresse schreibt vom Ärger der Zuschauer, «so lange auf ein Tor und die Entscheidung gewartet haben zu müssen».

Der bescheidene Schweizer Rekord: Der Schweizer Rekord wird bald fallen, doch noch hat er Bestand. Letzte Saison mussten die NL-Teams im Playoff vor dem Penaltyschiessen in eine 2. Overtime, die aber höchstens 5 Minuten dauerte. Am 9. März die Premiere bei Lausanne - Davos, die vom HCD nach 85:00 Spielminuten plus Penaltys 3:2 gewonnen wurde. Ein Penalty Philippe Schellings an den Pfosten um 23.16 Uhr brachte das Ende – für Spiel und Halle: Es war die letzte Begegnung in der Patinoire de Malley, die ein paar Tage später abgerissen wurde.

Die Entscheidung im Penaltyschiessen bei Lausanne - HC Davos mit Marc Wiesers Gamewinner und Philippe Schellings Pfostenschuss:
(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2018, 15:05 Uhr

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