Arno Del Curto, der sanfte Rambo

Kent Ruhnke traf den Coach des HC Davos vor dem Spengler-Cup und erklärt, wieso die scheinbaren Widersprüche zu seinem Erfolgsrezept gehören.

Das erste Rededuell der Meistertrainer: Kent Ruhnke (l.) trifft Arno Del Curto.

Das erste Rededuell der Meistertrainer: Kent Ruhnke (l.) trifft Arno Del Curto. Bild: Nicola Pitaro, TA/SonntagsZeitung

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Ich war einer der ersten Trainerkollegen, der Arno Del Curto dafür gratulierte, dass er an den Swiss Sports Awards zum Trainer des Jahres gewählt worden war. Wir trafen uns am Tag danach im Swissôtel in Oerlikon, bevor er ins Hallenstadion weiterzog, um sich das Konzert der Hardrock-Band Rammstein anzuhören. Er tauchte auf in seinen obligaten Jeans und in einer hellblauen, luftigen Skijacke. Sein Haar war für seine Verhältnisse ordentlich frisiert, und ich musste unweigerlich an unsere zahlreichen Duelle denken, während der er hinter der gegnerischen Bank viel eher ausgesehen hatte wie ein Hardrocker.

Er neigte seinen Kopf nach unten, schaute mir über dem Rand seiner Harry-Potter-Brille ernst in die Augen und sagte: «Diese Auszeichnungen sind mir nicht wichtig. Sie bedeuten nur, dass ich das nächste Spiel 9:1 gewinnen muss, um die Erwartungen zu erfüllen. Oder mit einem weiteren Junioren-Block. Sie machen mein Leben bestimmt nicht einfacher.» Sofort meldet sich mein skeptisches Inneres: Geniesst es nicht jeder Coach, von den Fachleuten und Fans gefeiert zu werden?

Er spricht so schnell - keine Chance zum Mitschreiben

Wir setzen uns, ich habe vier Seiten mit Fragen vorbereitet, muss aber bald meinen Stift weglegen und das Tonband die Arbeit erledigen lassen. Denn ich merke sofort: Ich kann unmöglich so schnell schreiben, um mit diesem Energiebündel mitzuhalten. Und Fragen muss ich nicht einmal stellen.

Del Curto, manchmal betont bescheiden, manchmal hochtrabend dozierend, ernst und leidenschaftlich, aber auch witzelnd und entspannt, öffnet sich mehr, als ich gedacht hatte. Dieses Interview ist eine zweistündige Achterbahnfahrt. Und mir wird bald klar: Nicht alles ist bei ihm so, wie es scheint. «Ich mache viele verrückte Dinge», sagt er mir. «So, wie ich bin, darfst du als Trainer nicht sein. So darf kein Trainer sein. Aber ich darf das machen. Weil es funktioniert. Ein anderer Trainer muss gewisse Gepflogenheiten einhalten. Ich mache das nicht.»

Del Curto betont, er sei mit seinen Spielern befreundet. Und er geniesse es, mit ihnen zu diskutieren, Spass zu haben. Dann hält er inne und sagt mit bestimmter Miene: «Aber ich attackiere sie auch schonungslos. Reto von Arx und Josef Marha am härtesten. Manchmal versteckte sich von Arx in der Garage, wo wir wohnten, damit er nicht auf mich traf.» Er müsse seine Spieler konstant antreiben, sonst würden sie sich nicht weiterentwickeln.

Wieso Michael Jordan 5001 Bälle warf, nicht 5000

«Sie nehmen es mir nicht übel», fährt er fort. «Sie wissen, dass ich ihnen helfen will. Ich will ja nur, dass sie noch härter an sich arbeiten.» Nach einem guten Training komme er gern mit einem Kaffee in die Garderobe, unterhalte sich mit ihnen. Von Regeln hält er wenig. «Zu viele davon können ein Team zerstören.»

Ich beginne mich zu wundern, woher sein unkonventioneller Stil stammt und wie er die Hockeykultur in Davos aufgebaut hat. Seine richtige Ausbildung begann erst, nachdem er 1993 bei ZSC entlassen worden war. Während drei, vier Jahren tauchte er immer wieder in fremde Hockeykulturen ein - in die finnische, schwedische, russische, tschechische, kanadische. Er besuchte auch drei Wochen lang die Chicago Bulls während der Ära von Michael Jordan und war beeindruckt, wie beharrlich sie an der Perfektion arbeiteten. Einmal fragte er Jordan, wie viele Bälle er an jenem Tag geworfen habe, und bekam als Antwort: 5001. «Wieso 5001?», wollte er wissen. «Weil jemand anders 5000 geworfen hat.»

Der Schweizerische Eishockeyverband verstand sich gut darin, seine Coachs auf die bekannte europäische Weise auszubilden. Doch Del Curto war fasziniert vom Schlittschuhlaufen, von der Standfestigkeit und der Technik der Russen und von der Härte, der Schussstärke und dem Siegeswillen der Kanadier. Er erzählt mir, wie er in den Trainerkursen lernte, wie viel Ruhezeit man nach gewissen Übungen einplanen müsse. «Doch als ich die Russen bei der Sprungschule beobachtete, sah ich, dass sie gar keine Pausen bekamen. Die Spieler schleppten sich zurück zum Start und wurden sofort wieder auf die Runde geschickt. Und in Kanada sah ich Garagentüren, die täglich von Tausenden von Schüssen traktiert worden waren.»

Und plötzlich begann man in Davos, an den HCD zu glauben

Scotty Bowman und Wiktor Tichonow wurden seine Vorbilder. Die Davoser Eishockeykultur war geboren - eine Kombination von Intensität, Tempo, Härte und Raffinesse und dem unbedingten Fokus aufs Gewinnen. Wie es so oft geschieht im Leben, war für Del Curto ein trauriger Anlass der Wendepunkt: der Tod seines Vaters. Nachdem er in diesem schwierigen Jahr, dem dritten beim HCD, die Gefahr kennen gelernt hatte, entlassen zu werden, blickte er nie mehr zurück. «Plötzlich begann die Leute in Davos, an uns zu glauben», erinnert er sich. Auf meine Frage, ob dies beispielsweise auch in Zürich möglich wäre, sagt er: «Es wäre schwieriger. Denn dort lastet der Druck schwerer. Es hat mehr negative Einflüsse.»

Wie ein Protagonist in einem Stück Shakespeares spricht Del Curto gerne in Rätseln und scheint sich oft auch zu widersprechen. Vor zwei Wochen in Zug sagte er zu seinem Team voll von nervösen Junioren: «Heute haben wir keine Chance - aber ich will gewinnen!» Sie gewannen. Er predigt Fitnesstraining, widmet sich ihm selbst aber nicht. Er beschreibt sich selbst als «knallhart» auf dem Eis, sagt aber auch: «Ich bin butterweich.» Und obschon er gern im Mittelpunkt zu stehen scheint, zeigt er mit zwei Fingern an: «Ich bin so klein.»

Ich frage ihn, ob er die Adrenalinschübe des Coachings braucht - er verneint. Er könne locker sechs Wochen am Strand liegen. Aber fuhr er nicht unlängst nach einem Spiel in Davos zu später Stunde nach Baden an die Schweizer Pokermeisterschaften. Braucht er wirklich kein Adrenalin? Wer ist dieser Mensch? Würde sich der wahre Del Curto bitte erheben?

Ich muss schmunzeln, als ich mich an mein letztes längeres Interview mit einer Schweizer Sportikone erinnere: Es war Köbi Kuhn. Danach schrieb ich, er sei so authentisch, dass es mich nicht überraschen würde, wenn man im Heimatwerk neben Kuhglocken bald auch eine kuschelige Köbi-Kuhn-Puppe im Schaufenster finden würde. Wie würde sich Del Curto im Heimatwerk machen? Man müsste ihn als Rambo darstellen, um bei den Massen anzukommen. Die Unterschiede zwischen den beiden könnten offensichtlicher nicht sein. Der eine ist der typische Schweizer, wie man ihn sich ausmalt, der andere ist . . . einfach Del Curto.

Doch sein Aberwitz hat Methode. Er schätzt die NHL sehr, schlägt sich deren Playoff-Nächte um die Ohren und benützt die Fertigkeiten der Besten, von Sidney Crosby oder Nicklas Lidström, als Massstab für sein Team. Er umschreibt die Philosophie und die Ideologie des FC Barcelona mit funkelnden Augen in einem Wort: «Wahnsinn.»

Gleiches System wie vor zehn Jahren - doch alles ganz anders

Diesen Enthusiasmus überträgt er auf seine Spieler. Er kann nicht anders, als sie immer vorwärtszutreiben. Plötzlich sprechen wir über Taktik. Ich werfe ein, er lasse noch gleich spielen wie vor zehn Jahren. Er sagt: «Das System ist das gleiche, aber alles ist ganz anders - die Pässe, Schüsse, Laufwege, die Intensität, das Tempo, die Fertigkeiten jedes Einzelnen.» Er beginnt zu erklären, was man nur schon im einzeltaktischen Verhalten alles verbessern könne. Da liege so viel brach. Noch schneller, noch härter, noch cleverer will er spielen lassen. «Ich weiss, es ist nicht möglich», sagt er. «Aber ich will es, unbedingt.» Da ist er wieder, dieser scheinbare Widerspruch.

Ich frage ihn, ob er auch in der NHL coachen könnte, und er gibt zurück: «Keine Chance, ich habe den falschen Pass.» Er schmunzelt und fragt: «Kent, gibst du mir deinen?» Er pausiert, sagt dann: «Wenn man mir in der NHL Zeit geben würde, könnte ich das Gleiche erreichen wie hier. Es geht überall. Denn es sind überall nur Menschen.» Vielleicht sollte ich ihm meinen kanadischen Pass geben. Ich würde gerne sehen, ob er die tiefe kulturelle Kluft, die zwischen der Schweiz und Nordamerika liegt, überbrücken könnte.

Am Vorabend des Spengler-Cups hat Del Curto in Davos alles, was er braucht: Er hat in den Bergen eine starke Hockeykultur aufgebaut und ist in einer unanfechtbaren Position. Und auch wenn ihm Verletzungen Sorgen machen, so weiss er: Wenn es um den Titel geht, ist sein HCD wieder da. Ein Erfolgsfaktor ist auch der Spengler-Cup, der für die Qualifikation kein Vorteil ist, fürs Playoff aber schon. Del Curto schwärmt von den Duellen gegen das Team Canada, die Derbycharakter haben: «Wir haben eine Hassliebe zu den Kanadiern entwickelt. Es wird gekämpft wie verrückt. Als wir sie erstmals schlugen, war das wie ein Meistertitel.»

Der Gutmütige und der Furchteinflössende in einem

Del Curto kommt mir vor wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, wie zwei Persönlichkeiten, wie der Gutmütige und der Furchteinflössende in einem, doch der Hauptgrund für seinen Erfolg ist simpel: seine unbändige Leidenschaft. Sie treibt ihn und seinen HCD immer weiter vorwärts, entwickelt eine Eigendynamik. Eine solche Kraft kann auch Gefahren in sich bergen, kann zur Obsession werden.

Doch für Del Curto scheinen die Sterne gut zu stehen. Wie er selbst sagt: «Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um umzufallen.» Das wird er nicht - und somit auch sein Team nicht. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.12.2011, 12:17 Uhr

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