Beginn einer neuen Zeitrechnung

Erstmals darf die Schweiz im November gegen die besten Eishockey-Nationen testen. Beim Karjala-Cup geht es um mehr als die goldene Ananas.

Bereit für ein neues Abenteuer: Das Schweizer Nationalteam um das Trainergespann Marc Wohlwend, Patrick Fischer und Tommy Albelin (v. l.). Bild: Keystone

Bereit für ein neues Abenteuer: Das Schweizer Nationalteam um das Trainergespann Marc Wohlwend, Patrick Fischer und Tommy Albelin (v. l.). Bild: Keystone

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Kaum etwas hätte an diesem Tag im Mai die Stimmung von Raeto Raffainer schlagartiger verbessern können. Der Direktor der Nationalmannschaften war auf dem Weg an den Kongress des Weltverbandes IIHF nach Köln und noch damit beschäftigt, die nicht zwingende Schweizer WM-Viertelfinalniederlage gegen Schweden zu verarbeiten, als sein Handy summte. Ein finnischer Verbandsvertreter wollte wissen, ob die Schweiz bereit sei, an den Karjala-Cup zu kommen.

Bisher generierten November­termine der Eishockey-Nationalmannschaft oft ähnliche Aufmerksamkeit wie eine Ankündigung zu einem Vortrag über das Liebesleben von Ameisen. Spannend für ein Fachpublikum, aber weitgehend irrelevant für die breite Öffentlichkeit. In drei von vier Jahren war es nur der erste von vier langen Schritten auf dem Weg an die WM. Einzig in Olympiajahren war etwas mehr Dynamik spürbar.

Das Zartrosa-Grau

Diese Gleichgültigkeit hing auch damit zusammen, dass man seit 1997 am Deutschland-Cup gegen mehr oder weniger die gleichen Gegner spielte und immer leicht neidisch auf die europäische Beletage schielte, die derweil in Finnland unter sich blieb. Irgendwann verloren auch die Austragungsorte – Mannheim, München, Hannover, zuletzt Augsburg – den Reiz.

Gewaltige touristische Strahlkraft übt im November auch Helsinki nicht aus. Dennoch strahlt das Grau der finnischen Hauptstadt für das Schweizer Eishockey fast wie zartrosa. Und so musste Raffainer nicht lange überlegen. 48 Stunden später war der Deal unter Dach und Fach. Was den Bündner besonders freut: «Sie sind auf uns zugekommen.» Endlich hatte es sich ausbezahlt, das Lobbyieren, von ihm, seinen Vorgängern und seinen Vorvorgängern an jedem Kongress.

Ein Verdienst der letzten Jahre

Mit einer politischen Gefälligkeit hatte die Einladung trotzdem nichts zu tun. Klar, es half, dass das Team Canada nach Vorbereitungsgelegenheiten für sein Olympiateam suchte und so erst eine Erweiterung des Karjala-Cup zum Thema wurde. Aber zum Handkuss als sechstes Team hätte auch die Slowakei kommen können. Die Schweiz ist indes mittlerweile auf allen Altersstufen ein gern gesehener Partner. «Wir mussten uns das verdienen, es ist eine schöne Anerkennung für die Fortschritte der letzten 10 bis 15 Jahre», sagt Raffainer und fügt an, «wir dürfen ein bisschen stolz sein.»

Vor einem Jahr war nach drei Niederlagen beim Deutschland-Cup ein Tiefpunkt erreicht, erste Journalisten stellten bereits grundsätzlich Patrick Fischers Arbeit infrage. Im Dezember, vor dem Heimturnier in Biel, polterte dann SCB-Boss Marc Lüthi, fünf seiner Berner müssten direkt aus der Champions League einrücken, um «zum gefühlt fünftausendsten Mal gegen die Slowakei oder Weissrussland zu spielen – an einem Turnier, an dem es um die goldene Ananas geht.» Diesmal werden die SCB-Spieler in Biel fehlen, wegen der Champions League, genau wie ihre Zürcher Kollegen. Zehn Berner, verteilt auf die Schweiz, Kanada und Finnland fliegen dann direkt nach Helsinki.

Am Karjala-Cup geht es nicht um die goldene Ananas, die Schweiz 
ist mehrfach gefordert. 

Am Karjala-Cup geht es nicht um die goldene Ananas, die Schweiz ist mehrfach gefordert. Einerseits muss sie sich gegen starke Gegner an die Olympiaform herantasten, andererseits ver­suchen, aus der einmaligen Einladung eine regelmässige zu machen und vielleicht sogar die Tür noch weiter zu öffnen. Das Turnier in Finnland ist seit 1996 Teil der Euro Hockey Tour, und die vier europäischen Topnationen stemmten sich bisher gegen jede Öffnung. «Wir wollen durch Leistungen und Auftritt überzeugen, und wer weiss, vielleicht ergeben sich dann weitere Chancen», hofft Raffainer.

Einfach wird es nicht, die Schweizer stehen vor einem Kräftemessen mit der KHL: Kanada hat 16 Spieler aus der russischen Profiliga im Aufgebot, Tschechien 13, Russland vertraut nur Spielern aus der eigenen Liga. Nationaltrainer Patrick Fischer freut sich auf die Herausforderung: «Es ist ideal, gegen diese Teams kämpfen wir in Südkorea hoffentlich um Medaillen.»

Die Spiele sind gut besucht

Profitieren von der Konstellation kann auch der hiesige Hockeyfan. Reisten 2016 kurz vor Weihnachten für die Tests gegen Frankreich und Weissrussland fast nur Hardcore-Fans ins Seeland, ist der Anreiz heute gegen Kanada ungleich grösser. Gegen 4000 Tickets waren bis gestern abgesetzt.

Zum zweiten Vergleich kommt es im Dezember am Spengler-Cup bei der Olympia-Hauptprobe der beiden Teams. Im Januar soll gemäss Raffainer ein Debriefing zeigen, ob für die SIHF-Auswahl und die Organisatoren in Davos ein weiterführendes Engagement Sinn macht. Ein solches, oder eine allfällige Teilnahme am Dezember-Turnier in Russland, wäre auch das Ende des Heimturniers, und darüber wäre niemand wirklich unglücklich. Denn man ist im Schweizer Eishockey bereit für eine neue Zeitrechnung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2017, 16:03 Uhr

Karjala-Cup

Schweizer Spiele

Mittwoch: Schweiz-Kanada in Biel (20.15)
Freitag: Tschechien-Schweiz in Helsinki (15.00)
Samstag: Schweiz-Russland in Helsinki (13.30)

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