Der Owetschkin aus Kloten

Praplans Wandel und zwei andere Geschichten zeigen, wieso die Schweiz an der Eishockey-WM heute auch Schweden (20.15) stürzen kann.

Vincent Praplan, Walliser in Diensten des EHC Kloten: Zehn Kilogramm Muskeln zugelegt und als Nationalspieler den Durchbruch geschafft

Vincent Praplan, Walliser in Diensten des EHC Kloten: Zehn Kilogramm Muskeln zugelegt und als Nationalspieler den Durchbruch geschafft Bild: Keystone

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Welche Story eignet sich am besten, um die Geschichte dieses Schweizer Nationalteams zu erzählen? Eines Teams, das täglich von neuem überrascht? Die von Thomas Rüfenacht, der mit 20 in der 1. Liga auf der offenen Eisbahn in Saas-Grund stürmte, weil man beim NLB-Club Visp keine Verwendung für ihn hatte? Die von Joël Genazzi, der vom Stürmer zum Verteidiger werden musste, um Unterschlupf zu finden in der Nationalliga A? Oder die des Filigrantechnikers Vincent Praplan, der 2014/15 in Kloten in 52 Spielen mickrige vier Tore schoss?

Wer diese drei in Paris spielen sieht, würde all das nicht glauben. Kommen wir zuerst zu Praplan, an seiner ersten WM mit vier Toren und sieben Punkten der beste Schweizer Skorer. Weil seine Nummer 29 aus Kloten im Nationalteam schon vergeben war, wurde ihm die 8 zugewiesen. Die trägt auch sein Idol Alexander Owetschkin. Und mit seiner Dynamik erinnert er an den Russen – Praplan, ein kleiner Owetschkin. Feine Hände hatte der Walliser schon immer, doch früher pflegte er um des Dribbelns willen zu dribbeln. Seit seiner Rückkehr aus dem kanadischen Junioreneishockey (2014) ist er ein anderer Spieler geworden.

Das war nie so offensichtlich wie in Paris, wo er auch seinen Körper einsetzt, kernige Checks austeilt. «In der Nationalliga A braucht es das weniger», sagt er. Aber hier habe das Fischer von ihm verlangt. «Und da ich schnell auf den Beinen bin und viel Gewicht mitbringe, haben es die Verteidiger nicht gerne, wenn ich sie checke.» In den letzten drei Jahren hat er 10 Kilo an Muskeln zugelegt, nun ist er 90 Kilo schwer. «International macht das einen enormen Unterschied», hat er erfahren. «Man wird nicht mehr einfach so weggeschubst. An der Bande wie vor dem Tor.»

Das erstaunliche Defensivduo

Der Klotener Stürmer macht kein Geheimnis daraus, dass die NHL sein Ziel ist: «Es ist noch ein langer Weg. Aber es ist ein erster Schritt, an einer WM zu reüssieren. Hier schauen viele zu. Wobei: Jetzt beginnt es erst richtig. Nun muss ich zeigen, was ich draufhabe.»

Praplan weiss noch nicht, wie gut er sein kann. Ähnlich ergeht es Genazzi. Und der ist schon 29. Bis zum letzten Tag der Vorbereitung war er unsicher, ob es ihm an die WM reichen würde. Jetzt überzeugt er mit grundsolidem Spiel. Sonst nicht bekannt für positive Bilanzen, steht er zusammen mit seinem Abwehrpartner Romain Loeffel bei +7.

«Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe», sagt er. «Aber ich gebe nicht so viel auf die Plus-Minus-Statistik.» Bei Lausanne einer der besten Offensivverteidiger der Liga, würde er gerne auch in Paris noch mehr Akzente im Spiel nach vorne setzen. Doch neben Loeffel komme ihm automatisch eine defensive Rolle zu: «Jedesmal, wenn ich nach vorne will, ist Loeffel schon losgesprintet», sagt er und schmunzelt.

Dass er dereinst an einer WM spielen würde, war für Genazzi vor ein paar Jahren noch undenkbar. «Damals wusste ich ja noch nicht einmal, ob ich Stürmer oder Verteidiger bin.» Nach dem Wechsel zu Lausanne 2013 bekam er dann definitiv seine Identität. Heinz Ehlers schliffihn zum Verteidiger. Oder besser: Ehlers hobelte. Es fielen Späne.

«Ich war nicht einer, der von Anfang an gut war», sagt Genazzi. «Ich musste mir das erarbeiten.» Die Aussage könnte auch von Rüfenacht stammen, der sich in den letzten Jahren zum Stürmer gewandelt hat, der dem Gegner nicht nur mit Checks und Worten wehtut, sondern auch spielerisch. Läuferisch an einer WM am Limit, holt er das Maximum aus seinen Möglichkeiten heraus. Die Geschichte dieses Teams habe viel gemein mit seiner eigenen, sagt er: «Wir genossen nicht viel Kredit, aber wir wollten es allen zeigen. Ich liebe es, wenn mich die Leute unterschätzen und ich das Gegenteil beweisen kann. Das treibt mich an. Schon meine ganze Karriere.»

Kratzen und kämpfen

«Wir haben hier viele Charaktertypen», sagt Rüfenacht. «Viele, die kratzen und kämpfen.» Dann fügt er in seinem Berner Dialekt mit amerikanischem Akzent an: «Ich habe ein bisschen Talent und kratze viel. Andere haben viel Talent und kratzen auch.» Kratzen, das wird gegen das beste schwedische WM-Team seit Jahren nötig sein. Praplan, Genazzi und Rüfenacht werden dies alle auf ihre eigene Weise tun. Wo ihre Grenzen sind, wissen sie noch nicht. Aber sie würden liebend gerne erfahren, wie weit sie sie noch hinausschieben können.

Schweizer Aufstellung: Genoni; Diaz, Furrer; Loeffel, Genazzi; Schlumpf, Kukan; Marti; Praplan, Haas, Hollenstein; Rüfenacht, Almond, Schäppi; Bodenmann, Suter, Suri; Ambühl, Malgin, Herzog; Brunner. – Fraglich: Untersander, Richard.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2017, 12:25 Uhr

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