Ein Team, um Geschichte zu schreiben

Mit Qualität und Erfahrung wie nie zuvor streben die Schweizer an der WM nach höheren Zielen. Und haben wie nebenbei einen Erfolgstrainer erschaffen.

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Beim dritten Mal nachfragen lenkt der Nationalmannschaftsdirektor ein. «Sie wollen darauf hinaus, dass es wohl noch nie eine qualitativ so gute Mannschaft gegeben hat», erkennt Raeto Raffainer doch noch, nachdem sich sein Team souverän für die Viertelfinals qualifiziert hat. «Das stimmt vielleicht für uns», gesteht er zu. Aber es stimme doch auch für ein halbes Dutzend anderer Teams.

Mehr denn je ist Raffainer seit dem gestrigen 5:1 gegen Frankreich eines: eine Euphoriebremse. Denn die Auftritte seiner Mannschaft, die offensive Leichtigkeit, die Stimmung im Team und eben auch dessen personelle Besetzung: All das bringt Zuschauer und Protagonisten an dieser WM ins Schwärmen.


Video: Corvi erzielt das 2:0 gegen Frankreich


Der Qualitätsgehalt ist leicht zu belegen. Nicht weniger als elf Schweizer kamen bereits in der NHL zum Einsatz – fast die Hälfte des Kaders und so viele wie nie zuvor an einer Weltmeisterschaft. Drei weitere haben ebenfalls schon in ausländischen Ligen gespielt. Und die Erfahrung von total 1888 NHL-Spielen verändert auch die Mentalität. Die meisten Spieler haben sich ihren Status erarbeitet, indem sie sich international durchsetzten. Also genau das schon geschafft, was auch an einer WM gefragt ist.

Jede Menge Zusammenhalt

Wie weggewischt neuerdings: die Probleme im Abschluss, die bei Schweizer ­Auswahlteams so chronisch waren, dass in der heimischen Liga vom Verband organisierte Schusstrainer die Runde machen. In Dänemark verfügt die Schweiz mit Sven Andrighetto, Nino Niederreiter, Kevin Fiala und Timo Meier gleich über vier Flügel, die bei ihrem NHL-Club für die Torproduktion zuständig sind.

All das sorgt für jede Menge Aufbruchstimmung und einen ganz neuen Geist. Auf die Frage, was diese Mannschaft besonders auszeichne, antwortet WM-Debütant Lukas Frick ohne eine Sekunde zu zögern: «Der Zusammenhalt.» Und am anderen Ende der Prominentenskala sagt Nashville-Captain Roman Josi, er wisse zwar nicht, ob dies das stärkste Schweizer Team der Geschichte sei. Jedoch: «Der Charakter der Mannschaft ist wirklich gut, und hoffentlich können wir daraus das beste Team der Geschichte ­machen.» Zur Erinnerung: Auch beim bisher besten Team der Geschichte war Josi dabei: Es gewann 2013 in Stockholm WM-Silber.

Überall Gewinner im Schweizer Lager

Angesichts solcher Träume ist Raffainers Rolle als Euphoriebremse logisch: Je höher die Erwartungen, desto schwerer sind sie erfüllbar. Nicht nur sei nämlich die Konkurrenz stark wie selten zuvor, betont der Direktor, sondern im letzten Jahrzehnt habe es die Schweiz auch nur ein einziges Mal geschafft, zweimal in Folge WM-Viertelfinals zu erreichen – jetzt unter Patrick Fischer. Darum seien die Top 8 auch nie als Minimalziel formuliert worden, sondern schlicht als Ziel. Sieben Buchstaben, die für die Beurteilung einen grossen Unterschied machen. Und aus Fischer einen Erfolgstrainer.

Das ist keineswegs nebensächlich. Denn ein weiteres kapitales Scheitern wie bei Olympia hätte die Position des Trainers und die Glaubwürdigkeit eines Verbands, der sich im Hinblick auf die Heim-WM 2020 längst auf Fischer festgelegt hat, schwer erschüttert. Stattdessen gibt es im Schweizer Lager nun überall Gewinner. Und es kann alles ja noch viel besser werden.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 21:32 Uhr

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