Hintergrund

«Ich bin ein Beispiel für gelungene Integration»

Victor Stancescu ist Captain von Playoff-Finalist Kloten Flyers. Der Stürmer ist ein aussergewöhnlicher Profi, nicht nur seiner Herkunft wegen.

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Von Müdigkeit ist bei ihm nichts zu sehen oder zu spüren. Gut gelaunt betritt er den Medienraum im Klotener Eisstadion, das sich nun Kolping Arena nennt. Victor Stancescu setzt sich hin, sein Gesichtsausdruck verheisst Optimismus, Zuversicht und Selbstvertrauen. «Wir alle haben ein Super-Gefühl vor dem Spiel morgen Abend. Es ist unser letztes Heimspiel der Saison. Das Stadion wird ausverkauft, die Stimmung grossartig sein. Es wird ein Riesenmatch werden.» Die Augen leuchten. Man muss keine TV-Sendungen von Mike Shiva verfolgt haben, um am Gesichtsausdruck erkennen zu können: Dieser Sportler hat Feuer und Leidenschaft im Herzen – und in seinem Hintern. Das sind zwei wichtige Faktoren, um im Eishockey Champion zu werden.

Stancescu und seine Teamkollegen haben zweimal hintereinander den HC Davos geschlagen und die Finalserie auf 2:3 verkürzt. Von einem möglichen Titelgewinn will er trotzdem nicht sprechen. «Ich denke nicht an Spiel Nummer 7, ich fokussiere mich ganz auf Duell Nummer 6.» Die Energie sei bei ihm und den Mannschaftskollegen vorhanden, um die Serie endgültig zu drehen. «Wir haben schon so vieles durchgemacht in diesem Winter, und diese Erlebnisse haben uns stark gemacht.»

Erst auf Umwegen nach Kloten

Stancescu ist in vielerlei Hinsicht kein typischer Klotener, obwohl er als 26-Jähriger bereits seine zehnte Saison im Fanionteam der Flyers spielt. Der Flügel, 90 kg schwer und 181 cm gross, steht für eine «Flieger-Crew», die nicht nur läuferisches und technisches Eisballett, sondern zur Überraschung der Fachwelt auch enormen Kampfgeist, Willen und Körpereinsatz zeigt. «Ich war schon immer einer, der physisch spielt oder den Zweikampf sucht. Das ist meine Rolle im Team.» Er sei eben nicht der geniale Läufer, Techniker oder Spielmacher. Aber das typische Klotener Tempo-Eishockey sage ihm dennoch zu. Nun, das eine schliesst das andere in dieser Sportart nicht aus. Gefragt sind im modernen Eishockey sogenannte komplette Spieler. Und wäre Stancescu ein bescheidener Schlittschuhläufer mit einer ungenügenden Technik, so hätte er beim Finalisten nichts verloren – und auch nicht in der Nationalmannschaft, für die er auch schon aufgeboten wurde.

Stancescus Weg zum Profi der Flyers ist fürwahr ungewöhnlich. Als 5-Jähriger haben er, sein Zwillingsbruder und seine Eltern Bukarest verlassen, weil der Papa, ein ausgebildeter Informatiker, keine geeignete Stelle gefunden hat. Es sei eine sehr schwere Zeit für das Volk in der Endphase des Ceausescu-Regimes gewesen, erinnert sich der Eishockeyaner. Die Familie emmigrierte via Deutschland in die Schweiz nach Zug, wo Klein-Victor den Piccolos des EVZ beitrat. Weil die Eltern ins Millionen-Zürich umzogen, landete der eishockeybegeisterte Bursche via Illnau-Effretikon und dem ZSC schliesslich bei Kloten. «Und plötzlich, mit 16, debütierte ich im Fanionteam.» So schnell kann das gehen, andere Junioren müssen jahrelang ausharren, bis sie in der Eliteklasse Auslauf erhalten.

Keine Probleme als jugendlicher Ausländer

Der mittlerweile gestandene Profi, der gesundheitliche Rückschläge (Hüftoperation, Rückenbeschwerden) erstaunlich schnell verdaut hat, blickt auf seine Jugendzeit und den Neuanfang in einem fremden Land zurück: «Ich habe nie Probleme punkto Integration in der Schweiz gehabt. Mit 16 bin ich auch schon Schweizer geworden. » Den rumänischen Pass hat er zwar noch. Er stellt aber sogleich klar: «Ich fühle mich zu hundert Prozent als Schweizer». Stancescu ist ein Beispiel dafür, wie wichtig eben auch der Sport ist, um junge Kinder aus fremden Ländern in diesem Land zu integrieren. Und er stellt fest: «Ich bin ein Beispiel für gelungene Integration.»

Erst vor einem Jahr sei er erstmals seit seiner Auswanderung 1990 wieder in Rumänien gewesen. Es ist ihm dort bewusst geworden, wie schwer der Alltag in Osteuropa ist, wie sehr die Bevölkerung unter der Korruption und wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidet. «Wir können uns hier nicht vorstellen, wie beschwerlich und mühsam dort der Alltag und das Leben sind.»

Eine Persönlichkeit

Stancescu gilt für die Gilde von Profis, die Mentalität und Schulsack mitbringen, um auch nach der sportlichen Laufbahn ihren Weg zu machen. Im Herbst schloss er sein Jus-Studium mit Lizenziat ab, erst mittelfristig strebt er das Anwaltspatent an. Zuerst möchte er praktische Erfahrungen sammeln. Ansonsten würde für ihn der Werdegang zu «retortenhaft» werden. Es spricht für seinen Charakter, dass er seine Freundin schätzt und bewundert, die kurz vor dem Abschluss der Primarlehrerausbildung steht.

Wer sich mit Stancescu unterhält, spürt die hohe Sozialkompetenz und Intelligenz des 26-jährigen Doppelbürgers. Es kann somit nicht erstaunen, dass ihn das Klotener Trainderduo Anders Eldebrink und Felix Hollenstein vor dieser Saison zum Captain ernannt hat. Wenn der Kämpfer und Checker auf dem Eis allerdings in heissen Momenten den kühlen Kopf verliert und auf die Strafbank verdonnert wird, so nehmen ihn die Coaches auch ins Gebet. Aber nicht nur Eldebrink und Hollenstein wissen, dass die Qualitäten von Stancescu, der durchaus auch wichtige Tore zu schiessen pflegt, bei weitem überwiegen.

Eine letzte Frage zum Abschied: Herr Stancescu, wer wird Schweizer Meister? «Sie stellen diese Frage zu früh. Ich denke nicht an den Donnerstag, ich denke an das Spiel von morgen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.04.2011, 15:17 Uhr

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