«Ich kann von allen etwas abschauen»

Roman Josi ist Vorbild vieler Verteidiger in der NHL. Als Captain der Nashville Predators trägt er grosse Verantwortung und scheut auch heikle Themen nicht.

Seit acht Jahren in der Organisation von Nashville und noch immer mit dem Drang, sich zu verbessern: Roman Josi (28). Foto: Mark Humphrey

Seit acht Jahren in der Organisation von Nashville und noch immer mit dem Drang, sich zu verbessern: Roman Josi (28). Foto: Mark Humphrey

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Wer ist der beste Eishockeyspieler der Welt? Die Spieler Nashvilles ausgenommen.
Ich würde sagen Connor McDavid.

Weil die Erinnerungen noch frisch sind, weil Sie erst vor zwei Tagen gegen ihn spielten?
Es ist einfach unglaublich schwierig, gegen ihn zu spielen. Ich schwanke bei der Wahl zwar ein wenig zwischen Sidney Crosby und McDavid, weil Crosby schon so viele Cups gewonnen hat und immer wieder einen Weg findet, seinen Job zu erledigen, Titel zu holen. Es sind zwei unterschiedliche Spielertypen, beide unglaublich gut.

Am Samstag gegen Edmonton gab es ein paar Szenen, in denen McDavid Sie oder Ihre Verteidiger-Kollegen schlecht aussehen liess.
Ja ...

Wie verteidigt man gegen ihn?
Es ist schwierig, weil er so extrem schnell ist. Als Verteidiger willst du grundsätzlich immer möglichst nahe beim Gegner sein. Bei McDavid ist das aber so eine Sache. Wenn du zu nahe kommst, ist er schon weg. Gegen ihn musst du wirklich anders spielen, er ist so unheimlich gut.

Sie selber sind Vorbild vieler Verteidiger. Bei wem schaut Roman Josi gerne zu?
Bei Erik Karlsson. Er ist wahnsinnig stark in der Offensive und als Spielmacher. Ihm schaue ich sehr gerne zu. Ich beobachte aber generell gerne andere Verteidiger: wie einen Drew Doughty oder einen Victor Hedman. Das sind drei unterschiedliche Typen von Abwehrspielern, von allen kannst du etwas abschauen.

Jeder Sportler will sich stets verbessern. In welchen ­Bereichen würden Sie bei sich ansetzen?
Bei der Kaltblütigkeit im Abschluss. Und beim physischen Spiel vor dem Tor und in den Spielfeldecken.

«Ich muss auch bei unangenehmen Dingen hinstehen. Das ist normal, das ist die Rolle des Captains.»

Sie sind seit letzter Saison Captain Nashvilles. Was hat sich für Sie verändert?
Ich übernehme mehr Verantwortung, auch was viele organisatorische Dinge betrifft. Ich bin die rechte Hand des Headcoaches, spreche mit ihm, wenn er etwas über die Mannschaft wissen will. Ich bin aber immer noch die gleiche Person. Ich bin nicht der Typ, der in der Garderobe herumschreit. Ich versuche, mit Leistung voranzugehen.

Müssen Sie auch bei negativen oder unangenehmen Dingen vermehrt hinstehen?
Ja, zum Beispiel bei Niederlagen. Aber das ist normal, das ist die Rolle des Captains.

Auch bei Negativschlagzeilen wie dem «Fall Watson» zu Saisonbeginn? (Mitspieler Austin Watson wurde wegen häuslicher Gewalt für 18 Spiele gesperrt, die Red.) Wie ist da Ihre Rolle? Müssen Sie für den Teamkollegen einstehen?
Das ist etwas anderes, da es nicht direkt mit dem Eishockey zu tun hat. Da entscheidet unsere Organisation, wie vorzugehen ist. Ich hatte mich Anfang Saison bei einer Pressekonferenz dazu geäussert.

Als Captain sind Sie auf Mike Fisher gefolgt, einer ligaweit äusserst populären Persönlichkeit. Hatten Sie etwas Bammel, in so grosse Fuss­stapfen zu treten?
Für mich war es etwas sehr Cooles, einen Captain wie Mike zu haben. Ich konnte sehr vieles abschauen. Ich empfand es eher als ein Privileg, von ihm lernen zu können, als eine Drucksituation, auf ihn folgen zu müssen.

Sie gelten als sehr zugänglich für Fans. Es kursiert in der Schweiz die Anekdote, Sie hätten am Anfang Ihrer Zeit in Nashville sogar Schweizer Fans in der Stadt herumgeführt. Stimmt das?
Ich bin offen für Fans, das stimmt. Ich bereite ihnen gerne eine kleine Freude, es kostet mich ja nichts, mich ein paar Minuten um sie zu kümmern. Ich freue mich über jeden, der uns dann spielen schauen kommt. Aber die Anekdote ist falsch. (lacht) Ich wäre dann ja permanent auf Stadtführung gewesen.

Das Leben in Amerika erscheint aus der Ferne betrachtet ­oftmals sehr widersprüchlich. Wie nehmen Sie es selbst in Nashville wahr?
Nashville ist eine unglaubliche Stadt mit sehr offenen und freundlichen Menschen. Die Stadt hat sich in den letzten acht Jahren extrem entwickelt. Es ist eine Stadt, in die viele Leute kommen, weil hier immer etwas los ist.

«Ob Obdachlose, kranke Kinder oder in Spitälern. Wir versuchen zu helfen, so gut es geht.»

Es gibt auch die andere Seite: «Die Washington Post» ­veröffentlichte letzte Woche einen Bericht über das grosse Obdachlosenproblem der USA, aufgehängt an Nashville. Es soll in der Stadt und Umgebung 20'000 Leute ohne Wohnung geben.
Du siehst hin und wieder Obdachlose, aber dass die Zahl so hoch ist, wusste ich nicht. Wir als Sportler versuchen, mit unserer Organisation der Community zu helfen, so gut es geht. Sei es bei Obdachlosen, in Spitälern oder bei kranken Kindern. Als Spieler machst du das sehr gerne.

Erst vor ein paar Tagen machte wieder ein Amoklauf im Land die Runde: jener in Pittsburgh. Was denken Sie sich dabei?
Das ist natürlich schrecklich. Du denkst an all die Familien und betest für sie ...

Stumpft man mit der Zeit etwas ab, da solche Vorfälle fast schon alltäglich zu werden scheinen in den USA?
Nein, es ist immer sehr erschreckend. Es ist schwierig, da etwas dazu zu sagen. Du hoffst jeden Tag, dass so etwas nicht wieder passiert.

Roman Josi ist erst der zweite Schweizer Teamcaptain in der National Hockey League – nach Mark Streit, der die New York Islanders von 2011 bis 2013 anführte. Der 28-jährige Berner erbte das «C» auf dem Jersey 2017 vom bei den Predators und in der ganzen NHL äusserst populären Mike Fisher. Josi spielt seit 2010 in der Organisation Nashvilles. Nach dem ersten Jahr im AHL-Farmteam in Milwaukee wurde er auf Anhieb NHL-Stammspieler und Leistungsträger in der Stadt der Countrymusik. Josi gilt mittlerweile als einer der weltbesten Verteidiger, im Interview spricht er über das Leben in den USA und verrät, was er in seinen Auftritten verbessern will, wer der mühsamste Gegenspieler ist und welche Bürden das Captain-Amt mit sich bringt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2018, 23:45 Uhr

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