Wo die Kamera sonst draussen bleibt

Der Bündner Dokumentarfilmer Riccardo Signorell begleitet die ZSC Lions während des Playoff hautnah.

Den Hockeystock mit der Kamera getauscht: Der Bündner Filmemacher Riccardo Signorell.

Den Hockeystock mit der Kamera getauscht: Der Bündner Filmemacher Riccardo Signorell. Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Freunde, Gegner, sie sprechen über Mathias Seger, einer sagt: «Sein grösster Muskel ist sein Herz». Bilder des Zürcher Meister-Runs folgen in Slowmotion, dann der Titel: «Playoffs and Goodbye» – der Film beginnt.

Den Anfang seiner Dokumentation, den hat Riccardo Signorell schon im Kopf. Das Ende noch nicht. Endet das Zürcher Märchen im Rausch der Champions? Oder doch mit der bitteren Final-Niederlage? Aber das spielt nicht einmal mehr eine grosse Rolle. Denn, wie Signorell sagt: «Wir haben so oder so aufs richtige Pferd gesetzt.»

Ein Tribut an Mathias Seger

Signorell, 48, ehemaliger Eishockeyprofi, dreht heute Filme, mit seiner gleichnamigen Produktionsfirma, die er vor 10 Jahren mit Frau Dayana gründete . Während des Playoffs begleitet er im Auftrag des Senders «Mysports» den ZSC.

Wegen Kultspieler Seger, der nach 19 Jahren bei den Löwen die Karriere beenden wird.

Und weil Signorell, der Bündner, sich mit der Zürcher Organisation als ehemaliger ZSC- und GC-Spieler verbunden fühlt. Und da sind noch die Trainer: Mit Hans Kossmann wurde er in Genf B-Meister, Assistent Leo Schumacher war einer der allererster Trainer Signorells in Chur.

Ein Film für die Schweiz, nicht bloss den eigenen Club

Am Anfang war die simple Idee: Ein Produkt fürs Schweizer Eishockey machen. «Bei uns denkt fast jeder nur an seinen Kanton, an seinen Club. Aber ein Tribut an Seger, einem grossen Spieler, der abtritt: das holt die ganze Schweiz ab», ist Signorell überzeugt.

Er darf mit der Kamera dorthin, wo für Medien Sperrzone ist: Die Garderobe, das Trainerbüro bei der Analyse. Zu Seger geht er nach Hause, um die Gespräche im intimen Rahmen aufnehmen zu können.

Ein Ausschnitt aus Riccardo Signorells Film. Quelle: Mysports/Twitter

Nicht jeder Club hätte den Filmemacher und seine Kamera willkommen geheissen, auch der Zürcher Sporchef Sven Leuenberger gab erst nach längeren Diskussionen sein Okay.

Spieler wie Chris Baltisberger, Fredrik Pettersson oder Kevin Klein zeigen sich mittlerweile aber äusserst interessiert an Signorells Arbeit. «Liegt die Kamera in der Kabine herum, kommt es vor, dass Spieler sie nehmen und Aufnahmen machen», erzählt er.

Es gibt auch Tabus

30 Minuten lang wird das Werk. Nur 30. «Ich hätte Material für mehrere Stunden», sagt Signorell. «Aber die Leute haben heutzutage einen hohen Anspruch, die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers ist sehr kurz geworden.»

Signorell nimmt an vielen intimen Momenten der Mannschaft teil, er sieht, wovon andere kaum hören. Wie den Morgen des letzten Halbfinalspiels gegen Bern, als die Mannschaft von der vom SCB auf juristischem Wege erwirkten Sperre Kleins erfährt.

«Du spürtest: Das wird kontraproduktiv für Bern», erzählt Signorell. «Ich glaube , dass diese Intervention die Serie gegen den SCB beeinflusst hat.» Die Zürcher hätten am Abend für Klein gespielt, wollten die Serie für ihre aus dem Verkehr gezogene Leaderfigur entscheiden.

Alles darf Signorell nicht, es gibt Tabus. Oder Momente, in denen er sich bewusst zurückhält. «Dass mich die Mannschaft akzeptiert hat, liegt auch daran, dass ich früher selber gespielt habe», sagt er. «Ich weiss, wie man sich in einer Hockeygarderobe zu verhalten hat.»

Während den letzten Momenten vor dem Spiel bleibt er der Kabine fern, er weiss, dass er die Konzentration stören würde. «Diese Bilder wären natürlich fantastisch für den Film», sagt er und hofft, dass sich in den letzten Spielen doch noch eine Möglichkeit ergibt.

Die Sehnsucht, so spielen zu können wie heute

Signorell kennt die ungeschriebenen Regeln, und er kennt erfolgreiche Playoff-Runs. Nicht nur mit Genf, auch mit Basel stieg er in die NLA auf. Vieles, was er nun sieht, weckt Erinnerungen: «Während des Playoffs gibt es nur den Sport, dein ganzes Leben dreht sich um ihn. Auch dieser Nervenkitzel von Spiel zu Spiel, der ist gleich geblieben.»

Doch etwas habe sich in 15 Jahren grundlegend verändert: «Die Professionalität, der umfassende Zeitaufwand, dazu ein Staff, der permanent für dich da ist. All das hätte ich mir damals so sehr gewünscht», sagt Signorell. Er sei kein einfacher Spieler gewesen, hätte mit seiner Art vielleicht besser in die heutige Zeit gepasst: «Ich forderte mein Umfeld stets heraus, auch die Trainer. Ich kam deshalb oft unter die Räder.»

«Früher wäre es schwieriger gewesen»

Doch hätte der Eishockeyprofi Signorell akzeptiert, wenn ihm der Filmer Signorell im Playoff bis in die Garderobe folgt? «Ich glaube ja, da ich damals schon eine grosse Affinität für Film und Kamera hatte.» Doch was die ehemaligen älteren Leaderfiguren angeht, hegt er Zweifel: «Es wäre sicher viel schwieriger gewesen, als Filmer den Zugang zum Team zu finden.»

Signorell hat schnell festgestellt, dass heute gerade die Jungen sich kaum darum scheren, wenn er ihnen mit der Kamera folgt. «Das ist wohl eine Folge der sozialen Medien», mutmasst er. «Sie machen ja selber dauernd Selfies, Videos aus der Kabine kursieren bereits unter ihnen.»

Und das Wichtigste, bei Jung oder Alt, ist das in den letzten Tagen und Wochen erworbene Vertrauen: «Mannschaft und Film-Crew sind mittlerweile wie eine Einheit geworden.»

Premiere des Films: «Mysports» am Montag, 7. Mai, 20.15 Uhr (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.04.2018, 16:23 Uhr

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Kommentare

Blogs

Outdoor Splitternacktwandern am Spittelnacki

Sweet Home Das Leben ist ein Picknick

Die Welt in Bildern

Urmusik: Luftaufnahme eine Konzertes am 17. Alphorn-Festival in Nendaz. (22. Juli 2018)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...